Im Namen Gottes. Ha-Mim. Wenn die Sufis von den Anfängen ihres Weges erzählen, kehren sie immer wieder an einen Ort zurück: Bagdad im zweiten Jahrhundert der Hidschra, die junge, glänzende Hauptstadt der Abbasiden zur Zeit des Kalifen Harun ar-Raschid. Inmitten des Lärms der Märkte, der Pracht der Paläste und des Gedränges der Gelehrtenkreise lebte dort ein Mann, der nichts besaß als ein Hemd, und von dem doch fast alle großen Ordenswege des Sufitums ihre Überlieferungskette herleiten. Sein Name ist Maʿruf ibn Firuz (auch Maruf al-Karkhi geschrieben), seine Kunya Abu Mahfuz, seine Nisba al-Karkhi, nach dem Stadtviertel Karkh am Westufer des Tigris, in dem er geboren wurde und in dem er bis heute begraben liegt.
Maʿruf al-Karkhi gehört zur Generation der Nachfolger der Nachfolger. Er traf noch zahlreiche Angehörige der Generation, die die Gefährten des Propheten gekannt hatte. Er war Schüler des großen Asketen Dawud at-Taʾi und Meister des Sari as-Saqati, und damit ein Glied jener goldenen Kette, die über al-Dschunayd von Bagdad in beinahe alle späteren Wege des Sufitums mündet. Die Quellen nennen ihn den Imam und den Asketen von Bagdad, den Herrn der Liebenden seiner Zeit. Sein Leben ist die Geschichte eines Kindes, das unter Schlägen „Gott ist Einer“ rief, eines Flüchtlings, den ein einziges Predigtwort für immer verwandelte, und eines Greises, dessen Grab man bis heute „eine erprobte Arznei“ nennt.
Herkunft und Kindheit
Maʿruf wurde im Karkh-Viertel von Bagdad geboren und einer Überlieferung zufolge stammte die Familie ursprünglich aus Wasit. Sein Geburtsjahr ist nicht überliefert. Seine Eltern waren persischstämmige Christen, und sie wünschten sich nichts sehnlicher, als dass ihr Sohn ein frommer Christ werde wie sie selbst. So vertrauten sie ihn gemeinsam mit seinen Geschwistern einem christlichen Lehrer an, der die Kinder im Glauben unterweisen sollte.
Doch dieses Kind ließ sich nicht alles sagen. Es war gehorsam und sanft, aber es konnte nichts annehmen, was sein Herz nicht annahm. Sein Bruder ʿIsa hat die entscheidenden Jahre selbst miterlebt und berichtet:
„Ich und mein Bruder Maʿruf gingen zusammen zur Schule. Wir waren Christen. Der Lehrer sprach zu den Kindern: ‚Gott ist drei: Vater, Sohn und Heiliger Geist.‘ Mein Bruder Maʿruf aber rief: ‚Er ist Einer! Er ist Einer!‘ Der Lehrer schlug ihn dafür, bis er am ganzen Leib von Striemen bedeckt war. Das ging lange so. Bis er ihn eines Tages so furchtbar schlug, dass Maʿruf davonlief und nicht mehr wiederkam.“
Die Quellen erzählen, dass der kleine Maʿruf den Lehrer mit seinen Fragen über die Dreifaltigkeit in Bedrängnis brachte. Die Antworten, die er erhielt, warfen nur neue Fragen auf, und der Lehrer spürte, dass seine Erklärungen vor diesem Kind nicht standhielten. Am Ende blieb ihm nur die Härte. Doch die Schläge erreichten das Gegenteil dessen, was sie bewirken sollten: Je härter sie wurden, desto fester wurde die Antwort. „Gott ist der Dritte von Dreien“, sagte der Lehrer. „Nein“, sagte das Kind, „Gott ist Einer.“
So beginnt die Geschichte eines der größten Gottesfreunde mit einem Bekenntnis, das ein Kind unter Schlägen ablegte, lange bevor es den Islam überhaupt kannte. Die Sufis haben darin immer ein Zeichen gesehen: Das Bekenntnis der Einheit (tauhid) war diesem Herzen eingeschrieben, bevor irgendein Mensch es lehrte.
Die Flucht und die Träne der Mutter
Für die Eltern war das Verschwinden des Jungen ein Unglück, das sie nicht fassen konnten. Tag um Tag verging ohne Nachricht. Der Bruder berichtet, die Mutter habe aus Liebe zu ihrem Kind jeden Tag Tränen vergossen, und in ihrem Schmerz tat sie ein Gelübde, das in fast allen Quellen überliefert ist:
„Wenn Gott mir meinen Sohn zurückbringt, so will ich der Religion folgen, die er dann hat, welche es auch sei.“
Sie ahnte nicht, dass sie mit diesem Satz bereits die Tür geöffnet hatte, durch die später ihre ganze Familie gehen würde. Was wie der Zusammenbruch eines Elternhauses aussah, wurde zum Anfang seines Glücks. Die Gottesfreunde sagen: Manchmal nimmt Gott einem Menschen etwas, um ihm alles zu geben.
Der Junge selbst war unterdessen unterwegs in eine ungewisse Fremde. Es waren karge Zeiten, das Leben war hart, und für ein Kind ohne Familie war es härter. Sein Weg führte ihn nach Kufa, in die alte Gelehrtenstadt am Euphrat.
Die Begegnung, die alles veränderte
Über diese Jahre hat Maʿruf später selbst berichtet, und sein Bericht gehört zu den bewegendsten Bekehrungserzählungen der sufischen Überlieferung:
„Mit geschwollenen Füßen und zerrissenen Kleidern kam ich nach Kufa. Es war meine Gewohnheit, in den Moscheen zu übernachten. So ging ich auch dort in eine Moschee. Da sah ich einen gesegneten Mann, dessen Gesicht Licht ausstrahlte, und um ihn herum saßen die Menschen im Kreis und lauschten ihm. Sie hörten ihm so reglos zu, als säßen Vögel auf ihren Häuptern, die nicht aufgescheucht werden dürften. Ich trat näher und hörte zu. Er sprach: ‚Wer sich ganz von Gott abwendet, von dem wendet sich Gott ganz ab. Wer sich aber mit seinem Herzen Gott zuwendet und zu Ihm eilt, dem kommt Gott mit Seiner Barmherzigkeit entgegen und wendet ihm die Herzen aller Geschöpfe zu. Und wer in Leid und Prüfung geduldig ist, dem schenkt Er Sein Erbarmen.‘
Dieser Mann war Ibn as-Sammak. Seine Worte trafen mein Herz mit Gewalt, und ich wandte mich Gott zu, der mich erschaffen hat und der mein Verborgenes und mein Offenkundiges kennt. Ich begehrte, Ihm zu begegnen, und Gott nahm mein Gebet an. In diesem Augenblick verstummte Ibn as-Sammak plötzlich. Dann fragte er mit einer Stimme, die durch und durch ging: ‚Wo ist der junge Mann aus Bagdad?‘ Die Versammelten blickten zu mir, denn außer mir war kein Fremder dort. Man führte mich zu ihm. Er strich mir über den Kopf und sprach: ‚Willkommen, du Suchender deines Herrn! Willkommen, du, der zur Liebe Gottes gelangt ist!‘ Als ich diese Worte hörte, fiel mir der Lehrer ein, der mich bei meinem Vater immer schlechtgemacht hatte, und ich begann zu weinen. Er fragte: ‚Du weinst?‘ Ich sagte: ‚Ja, Herr‘, und dachte an die Worte jenes Mannes. Da fragte er: ‚Sind es die Worte des Mönchs?‘ Ich erstaunte zutiefst. Woher wusste er das? ‚Ja‘, sagte ich. Er sprach: ‚Bete zu Gott. Dein Gebet wird erhört.‘ Und ich betete zu Gott.“
Maʿruf fügt hinzu, er habe später erfahren, dass auch jener Lehrer, der ihn einst geschlagen hatte, den Islam annahm und zu den Rechtschaffenen zählte. So wurde aus dem Mann, der das Kind für sein Bekenntnis der Einheit gezüchtigt hatte, am Ende selbst ein Bekenner dieser Einheit. Auch hierin sahen die Späteren die Erhörung eines Gebetes.
Der Prediger, dessen Wort den jungen Maʿruf getroffen hatte, war Abul-Abbas Ibn as-Sammak, ein berühmter Mahner jener Zeit und ein Vertrauter des Asketen Dawud at-Taʾi. Maʿruf selbst hat den Kern dieser Predigt sein Leben lang in sich getragen. Noch nach seinem Tod, so wird berichtet, sah ihn jemand im Traum und fragte ihn, wie Gott mit ihm verfahren sei. Er antwortete: „Gott hat mir vergeben.“ Man fragte weiter: „Wegen deiner Entsagung und deiner Gottesfurcht?“ Er sprach: „Nein. Weil ich den Rat des Predigers Ibn as-Sammak befolgte: dass Gott sich dem zuwendet, der sich Ihm mit ganzem Herzen zuwendet. Dieses Wort drang in mein Herz, und ich wandte mich Gott mit ganzem Herzen zu und gab alles auf außer dem Dienst an meinem Herrn ʿAli ar-Rida.“
Im Dienst des Imam ʿAli ar-Rida
Die Überlieferung berichtet weiter, Ibn as-Sammak habe den jungen Maʿruf zu Imam ʿAli ar-Rida geführt, dem achten Imam aus dem Hause des Propheten, und in dessen Hand habe Maʿruf den Islam angenommen. Fortan blieb er in seinem Dienst und in seiner Nähe; er wuchs, wie es heißt, mit dessen Kindern auf und wurde wie ein Angehöriger des Hauses behandelt. Imam ʿAli ar-Rida sprach über ihn jenes berühmte Wort:
„Maʿruf gehört zwar nicht der Abstammung nach zum Hause des Propheten, wohl aber dem Wesen und der Liebe nach. Wie unser Ahn Salman al-Farisi dem Hause zugerechnet und zu den Leuten des Hauses gezählt wurde, so gehört auch er zu uns.“
Ein größeres Lob lässt sich kaum denken: Der Perserjunge aus christlichem Haus wurde dem Hause des Propheten zugerechnet, so wie einst der Perser Salman. Es wird auch berichtet, Maʿruf habe von ʿAli ar-Rida die Wissenschaft der Buchstaben (ʿilm al-huruf) empfangen, und manche Quellen erzählen, er sei der Türhüter des Imams gewesen. Nach einer dieser Überlieferungen wurde er, als eine große Menge von Besuchern den Imam aufsuchte, im Gedränge so schwer verletzt, dass er einige Zeit später daran verstarb; die meisten Quellen berichten jedoch von einem Tod in hohem Alter, von dem noch zu sprechen sein wird.
Als Maʿruf nach langen Jahren der Trennung an die Tür seines Elternhauses klopfte, fragte man ihn: „Mit welcher Religion kehrst du zurück?“ Er antwortete: „Mit der reinen Religion des Hanif, der lauteren Hingabe an den Einen.“ Die Mutter, die ihn so lange beweint hatte, schloss ihn in die Arme und sprach noch in derselben Stunde das Glaubensbekenntnis: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und ich bezeuge, dass Muhammad Sein Diener und Sein Gesandter ist.“ Ihr Gelübde war erhört worden, nur anders, als sie es sich je hätte denken können. Der Vater folgte ihr, und die ganze Familie nahm den Islam an. Die Träne der Mutter, sagen die Gottesfreunde, war das erste Almosen auf dem Weg dieses Sohnes.
Bei Dawud at-Taʾi: Der Pfad der Entsagung
In Kufa und Bagdad reifte Maʿruf unter der Leitung des großen Asketen Dawud at-Taʾi heran, eines Mannes, der eine glänzende Gelehrtenlaufbahn aufgegeben hatte, um in völliger Zurückgezogenheit zu leben. Über die Schule dieses Meisters hat Maʿruf selbst ein bezeichnendes Wort überliefert:
„Einer aus dem Kreis Dawuds riet mir: ‚Hüte dich davor, das Werk aufzugeben!‘ Ich fragte ihn: ‚Was meinst du mit dem Werk?‘ Er antwortete: ‚Beständigen Gehorsam gegenüber Gott und Dienst und guten Rat gegenüber den Menschen.’“
Diese beiden Pole, die Hinwendung zu Gott und die Milde gegenüber den Geschöpfen, bestimmten fortan sein ganzes Leben. Maʿruf wurde berühmt für die Strenge, mit der er die Gebote der Religion wahrte, für seine Gottesdienste und dafür, dass er neben dem Verbotenen auch alles Zweifelhafte mied. Zugleich zeichnen die Quellen das Bild eines Mannes, der niemanden kränkte, der jedem Menschen mit Güte begegnete und dem die Herzen aller zuflogen: der Muslime wie der Christen seines Viertels. Er erhielt den Beinamen „der Imam und der Asket von Bagdad“.
Der Gelehrte unter den Gottesfreunden
Ein Zug Maʿruf al-Karkhis wird oft übersehen: Er war zugleich ein ernsthafter Gelehrter.
Wie hoch die Gelehrten ihn achteten, zeigt der Umgang der beiden größten Hadithmeister seiner Epoche mit ihm. Ahmad ibn Hanbal, der Begründer der hanbalitischen Rechtsschule, und Yahya ibn Maʿin, der strengste Hadithkritiker seiner Zeit, suchten Maʿruf auf und befragten ihn in vielen Angelegenheiten. ʿAbd al-ʿAziz ibn Mansur berichtet von seinem Vater:
„Wir saßen bei Ahmad ibn Hanbal, und die Rede kam auf Maʿruf al-Karkhi. Einige der Anwesenden sagten: ‚Sein Wissen ist schwach.‘ Da sprach Ahmad ibn Hanbal: ‚Redet nicht so! Habt ihr denn irgendetwas von dem Wissen erlangt, das Maʿruf erlangt hat?’“
In einer anderen Fassung lautet seine Antwort: „Das, was mit allem Wissen erstrebt wird, ist genau die Stufe, die Maʿruf erreicht hat.“ Ahmad ibn Hanbal zählte ihn überdies zu den abdal, jenen verborgenen Gottesfreunden, durch deren Gebet die Welt Bestand hat, und bezeugte, dass sein Bittgebet erhört werde.
Berühmt ist die Szene, in der die beiden Gelehrten gemeinsam bei ihm saßen. Yahya ibn Maʿin wollte ihn nach der Vergessenheitsniederwerfung (sadschdat as-sahw) fragen, jener Niederwerfung, die vorgeschrieben ist, wenn man im Gebet aus Unachtsamkeit einen Fehler begeht. Ahmad ibn Hanbal sagte zu ihm: „Schweig!“, denn er hielt es für unpassend, den Gottesfreund mit einer juristischen Schulfrage zu prüfen. Doch Yahya ließ sich nicht abhalten und fragte: „O Abu Mahfuz, was sagst du über die Vergessenheitsniederwerfung?“ Maʿruf antwortete:
„Sie ist eine Buße dafür, dass das Herz im Gebet achtlos war und sich mit anderem als dem Gebet beschäftigt hat.“
Da rief Ahmad ibn Hanbal aus: „Was für eine schöne und tiefe Antwort!“ Die Rechtsgelehrten fragten nach der äußeren Vorschrift, und der Gottesfreund antwortete mit ihrem inneren Sinn. In diesem einen Satz liegt das ganze Verhältnis des frühen Sufitums zur Gelehrsamkeit: Normenlehre bleibt gewahrt, und der innere Sinn gibt ihm den Herzschlag.
Züge seines Wesens
Die Quellen haben eine Fülle von Szenen aus dem Alltag Maʿrufs bewahrt, und fast jede von ihnen ist eine Unterweisung ohne Worte.
Die Furcht, ohne Reinheit zu sterben. Einmal verlor er die rituelle Reinheit und vollzog auf der Stelle die Ersatzwaschung mit Erde (tayammum), obwohl der Tigris in Sichtweite floss. Man fragte ihn: „Dort ist doch der Tigris. Warum hast du Tayammum gemacht?“ Er antwortete: „Wer sagt mir, dass ich das Wasser noch erreiche? Vielleicht ergeht der Befehl Gottes über mich, bevor ich dort bin. Ich will nicht ohne Reinheit sterben.“ So gegenwärtig war ihm der Tod: eine Verabredung, zu der man bereit sein will.
Das Fasten und der Wasserträger. Während eines freiwilligen Fastens ging er über den Markt von Bagdad. Ein Wasserträger rief: „Gott erbarme sich dessen, der von meinem Wasser trinkt!“ Maʿruf trat hinzu, nahm den Becher und trank. Seine Begleiter fragten erstaunt: „Wart Ihr nicht im Fasten?“ Er antwortete: „Doch. Aber ich hoffte auf das Bittgebet dieses Mannes.“ Ein freiwilliges Fasten kann man nachholen; das Erbarmungsgebet eines schlichten Mannes, der es von Herzen spricht, vielleicht nicht. Nach seinem Tod sah man ihn im Traum und fragte ihn, wie Gott mit ihm verfahren sei. Er antwortete: „Durch das Gebet jenes Wasserträgers wurde mir noch größere Gnade zuteil.“
Das Gebet um ein weiches Herz. Ein Mann kam zu ihm und bat ihn, für die Erweichung seines Herzens zu beten. Maʿruf lehrte ihn stattdessen selbst ein Gebet: „Sprich: O Gott, der Du die Herzen erweichst, erweiche mein Herz, bevor der Tod es erweicht.“ Denn der Tod erweicht jedes Herz; die Frage ist nur, ob es vorher geschieht.
Die Warnung vor der langen Hoffnung. Einmal sprach er den Gebetsruf zur Iqama und bat dann Muhammad ibn Abi Tawba, als Imam vorzutreten; er selbst wollte hinter ihm beten. Jener wehrte ab und sagte: „Wenn ich dieses Gebet leite, werde ich kein weiteres mehr leiten.“ Da missfiel Maʿruf dieses Wort, und er sprach: „Du redest aus deiner Seele heraus. Zu denken, dass du noch ein weiteres Gebet leiten, also bis zum nächsten Gebet leben wirst, das ist die lange Hoffnung. Wir nehmen unsere Zuflucht zu Gott vor der langen Hoffnung, denn sie hindert am guten Werk.“ Wer meint, morgen noch Zeit zu haben, verschiebt das Gute auf ein Morgen, das ihm niemand versprochen hat.
Die Strenge gegen sich selbst. Bei aller Milde gegenüber den Menschen war Maʿruf gegen die eigene Seele von unerbittlicher Härte. Man hörte ihn zu sich selbst sprechen, unter Tränen: „Du Elende! Wie oft hast du nun schon geweint und geklagt und bereut. Was hat es genützt? Werde aufrichtig (ichlas), dann wirst du gerettet.“ Und ein anderes Mal: „Wer sich überhebt und sich selbst groß sieht, den wirft Gott zu Boden. Wer mit Gott rechtet, dem zürnt Gott. Wer aber auf Gott vertraut und bei Ihm Zuflucht sucht, dem wird Gott zum Helfer. Und wer sich vor Gott erniedrigt, den erhöht Gott.“ Dieses letzte Wort hat sein Schüler Sari as-Saqati aus seinem Munde überliefert.
Das Gebet für die Sünder
Keine Erzählung aus dem Leben Maʿrufs ist berühmter geworden als diese, und keine zeigt sein Herz deutlicher. Ibrahim al-Utrusch berichtet:
„Wir saßen mit Maʿruf al-Karkhi am Ufer des Tigris. Da fuhr ein Boot vorbei mit jungen Leuten, die tranken, die Trommel schlugen und tanzten. Ich sagte zu ihm: ‚Siehst du nicht, wie sie öffentlich sündigen? Verfluche sie!‘ Da hob Maʿruf die Hände zum Himmel und sprach: ‚Mein Gott, so wie Du sie in dieser Welt fröhlich gemacht hast, so mache sie auch im Jenseits fröhlich.‘ Ich sagte: ‚Wir baten dich um einen Fluch, nicht um ein Segensgebet!‘ Er antwortete: ‚Wenn Gott sie im Jenseits fröhlich machen will, wird Er ihnen in dieser Welt die Umkehr schenken.’“
In einer anderen Überlieferung dieser Begebenheit baten ihn seine Schüler, Gott möge die Lärmenden im Fluss ertränken, damit die Menschen vor ihrem Unheil Ruhe hätten. Maʿruf sprach dasselbe Gebet, und als die Schüler die Bedeutung nicht verstanden, sagte er nur: „Wartet, ihr werdet es gleich sehen.“ Da erblickten die Leute im Boot den Gottesfreund am Ufer, und es heißt, sie zerbrachen ihre Instrumente, schütteten den Wein aus und kamen zitternd ans Ufer, um Reue zu zeigen. Maʿruf wandte sich zu seinen Schülern: „Seht, nun ist jedem sein Wunsch erfüllt worden: Niemand ist ertrunken, und niemand wird mehr von ihnen belästigt.“
In dieser einen Antwort liegt vielleicht das ganze Geheimnis seines Weges: ein Herz, das selbst im Anblick der Sünde nichts anderes kennt als Erbarmen, und das gerade dadurch mehr verwandelt als jeder Fluch.
Von Wundern wird berichtet
Wie bei allen großen Gottesfreunden haben die Quellen auch von Maʿruf al-Karkhi zahlreiche Wundererzählungen (karamat) bewahrt. Sie sind Zeugnisse der Liebe und Ehrfurcht, mit der die Menschen seiner und der folgenden Generationen auf ihn blickten, und die klassischen Sammler wie Abu Nuʿaym und Ibn al-Dschawzi haben sie sorgfältig aufgezeichnet. Einige seien hier wiedergegeben, so wie die Überlieferung sie erzählt.
Muhammad ibn Mansur at-Tusi berichtet: „Ich besuchte Maʿruf in Bagdad und sah eine frische Wunde in seinem Gesicht. Ich sagte: ‚Gestern war ich bei dir, da war nichts in deinem Gesicht. Was ist geschehen?‘ Er antwortete: ‚Frage nicht nach dem, was dich nichts angeht. Frage nach dem, was dir nützt.‘ Ich beschwor ihn: ‚Um Gottes willen, sag es mir!‘ Da sprach er: ‚Heute Nacht betete ich. Da verlangte es mich, nach Mekka zu gehen und die Kaaba zu umkreisen. Ich ging zum Zamzam-Brunnen, um Wasser zu trinken. Dabei glitt mein Fuß aus, und mein Gesicht schlug auf. Davon ist diese Wunde.’“ Eine Nacht in Bagdad, eine Wunde aus Mekka: Die Überlieferung erzählt es ohne Erklärung, als das Geheimnis derer, deren Schritte Gott verkürzt.
Khalil as-Sayyad erzählt: „Mein Sohn Muhammad war verschwunden. Seine Mutter und ich waren außer uns. Ich kam zu Maʿruf und sagte: ‚O Abu Mahfuz, mein Sohn ist verschwunden, und seine Mutter vergeht vor Kummer.‘ Er fragte: ‚Was wünschst du?‘ Ich sagte: ‚Bete zu Gott, dass Er uns unser Kind zurückgibt.‘ Da sprach er: ‚O Gott, der Himmel ist Dein, die Erde ist Dein, und was zwischen ihnen ist, ist Dein. Bringe Muhammad.‘ Ich ging zum Damaskustor, und da stand mein Sohn. Ich rief: ‚Muhammad! Du bist hier?‘ Er sagte: ‚Eben noch war ich in der Stadt Anbar, und plötzlich fand ich mich hier.’“
ʿAmir ibn ʿAbdallah al-Karkhi berichtet von einem christlichen Nachbarn, der ihn bat, ihn zu einem Gottesfreund zu führen, damit dieser für ihn um ein Kind bete, denn er war kinderlos. ʿAmir brachte ihn zu Maʿruf, und dieser lud ihn zunächst zum Islam ein. Der Christ antwortete freimütig: „O Maʿruf, meine Rechtleitung liegt nicht in deiner Hand. Allein Gott leitet recht. Ich bin gekommen, um dein Gebet zu erbitten, nicht um Muslim zu werden.“ Da hob Maʿruf die Hände und betete: „O Gott, ich bitte Dich, schenke diesem Mann ein Kind, das seinen Eltern gehorsam ist, und lass seine Eltern durch seine Hand zum Islam finden.“ Die Überlieferung erzählt weiter, dem Mann sei ein Sohn geboren worden von ungewöhnlicher Klugheit. Als der Vater ihn später zu einem Mönch brachte, damit er das Christentum erlerne, weigerte sich der Knabe, die Dreifaltigkeit auszusprechen, und sagte: „Meine Zunge ist für die Dreiheit verschlossen, und mein Herz ist mit der Liebe Gottes beschäftigt.“ So wiederholte sich am Ende seines Lebens, durch sein Gebet, die Geschichte seines eigenen Anfangs.
Ibn Mardawayh erzählt: „Wir saßen bei Maʿruf al-Karkhi, und von seinem Gesicht ging ein Licht aus, das sich ausbreitete und alles erhellte.“ Und als man ihn fragte: „O Abu Mahfuz, ich habe gehört, dass du über das Wasser gehst“, antwortete er mit der ihm eigenen Mischung aus Wahrhaftigkeit und Verhüllung: „Dass ich über das Wasser ginge, das gibt es nicht. Aber wenn ich ans andere Ufer will, treten die beiden Ufer des Flusses zusammen, und ich schreite hinüber.“ Muhammad ibn Mukhallad berichtet, dass man dem Gelehrten Hasan ibn ʿAbd al-Wahhab aus dem Leben Maʿrufs vorlas. Da sprach dieser: „Man erzählt, Maʿruf sei über das Wasser gegangen. Würde man mir sagen, er sei durch die Luft gegangen, ich würde es glauben.“
Die Quellen zählen Maʿruf überdies zu den vier großen Gottesfreunden, deren Hilfe zu Lebzeiten wie nach ihrem Tod erfahren wird, neben Ahmad ibn Hanbal, Bischr al-Hafi und Mansur ibn ʿAmmar. Wer solche Erzählungen liest, mag sie deuten, wie er will; die Liebe, aus der sie geboren wurden, ist in jedem Fall echt, und sie ist selbst das größte Wunder dieses Lebens: dass ein entlaufenes Christenkind aus Karkh mit nichts als einem Gott zugewandten Herzen zum Gegenstand solcher Verehrung wurde.
Aus seinen Worten
Maʿruf al-Karkhi gilt als einer der Ersten, die offen und ausdrücklich von der göttlichen Liebe sprachen, und seine knappen, gewichtigen Worte gehören zum Grundbestand der sufischen Überlieferung. Al-Ghazali hat mehrere von ihnen in seine „Ihyaʾ ʿulum ad-din“ aufgenommen.
Als man ihn fragte, was die Liebe (mahabba) sei, antwortete er:
„Die Liebe ist nichts, was man von den Menschen lernen könnte. Sie ist ein Geschenk Gottes und Seine Gnade; nicht jedem wird sie zuteil.“
Mit diesem Satz, dass die Liebe allein als Geschenk empfangen wird, hat er das Denken der späteren Sufis tief geprägt.
Das Sufitum selbst beschrieb er mit einem Wort, das zu den frühesten überlieferten Begriffsbestimmungen des tasawwuf überhaupt gehört:
„Tasawwuf heißt, die Wahrheiten zu ergreifen und die Hoffnung auf das aufzugeben, was in den Händen der Geschöpfe ist.“
Wer die Wirklichkeit bei Gott sucht, hört auf, sie bei den Menschen zu erbetteln. Beides gehört zusammen: Die Hinwendung zum Wahren und die Abwendung von der Kriecherei vor den Geschöpfen sind ein und dieselbe Bewegung des Herzens.
Sulayman ad-Darani fragte ihn, wodurch die Gehorsamen den Gehorsam gegen Gott vermögen. Er antwortete: „Indem sie die Welt aus ihren Herzen hinaustreiben. Wäre auch nur etwas von der Welt in ihren Herzen, so wäre ihre Niederwerfung nicht echt.“ Und auf die Frage, womit die Welt aus dem Herzen weiche: „Durch die lautere Liebe zu Gott und den schönen Umgang mit den Menschen: zu tun, womit Er zufrieden ist, und zu meiden, was Er verwehrt hat.“
Zu den Kennzeichen der Gottesfreunde befragt, sprach er: „Ihr Kummer ist um Gottes willen, ihre Beschäftigung ist mit Gott, und ihre Zuflucht ist bei Gott, dem Erhabenen.“
Die Welt fasste er in vier Worte: „Die Welt besteht aus vier Dingen: Besitz, Rede, Schlaf und Speise. Der Besitz verführt den Menschen zur Auflehnung gegen Gott. Die Rede lenkt ihn von Gott ab. Der Schlaf lässt ihn Gott vergessen. Und die Speise verhärtet sein Herz.“ Diese vier Dinge sind an sich erlaubt. Zur Gefahr werden sie, sobald sie das Herz besetzen, das für Gott geschaffen ist.
Die Ritterlichkeit auf dem Pfad (futuwwa) fasste er in drei Eigenschaften, und as-Sulami wie auch al-Hudschwiri zählen ihn zu den großen Vertretern dieser Tugend:
„Treue ohne Wanken; Loben, ohne eine Wohltat empfangen zu haben; und Geben, ohne dass gebeten wird.“
Jeder lobt den, der ihm Gutes getan hat; den zu loben, von dem man nichts empfangen hat, ist die Art der Edlen. Und das schönste Geschenk ist das, um das der Bedürftige nicht erst bitten musste, denn es erspart ihm die Scham des Bittens.
Weitere seiner Worte sind überliefert:
„Hüte deine Zunge vor dem Lob ebenso, wie du sie vor dem Tadel hütest.“ Denn auch das Loben kann Schmeichelei sein, kann verderben, kann lügen.
„Es gibt viele Rechtschaffene; aber unter den Rechtschaffenen sind die Wahrhaftigen wenige.“
„Wenn Gott einem Diener Gutes will, öffnet Er ihm das Tor des Handelns und verschließt ihm das Tor des Streitens. Und wenn Er einem Diener Schlechtes will, verschließt Er ihm das Tor des Handelns und öffnet ihm das Tor des Streitens.“ In einer anderen Überlieferung: „Wem Gott Gutes will, dem öffnet Er das Tor des Werkes und verschließt ihm das Tor der Trägheit.“
„Das Zeichen, dass Gott einem Diener zürnt, ist, dass Er ihn mit dem beschäftigt sein lässt, was ihn nichts angeht.“
„Das Paradies zu begehren ohne Werk ist eine Sünde unter den Sünden. Auf Fürsprache zu hoffen ohne Grund ist eine Art von Selbsttäuschung. Und Barmherzigkeit zu erwarten von Dem, dem man nicht gehorcht, ist Unwissenheit und Torheit.“
„Wer nach Überlegenheit über die Menschen strebt, wird niemals Rettung finden.“
„Wer den Fehler seines gläubigen Bruders verhüllt, für den erschafft Gott aus dieser Tat einen Engel, der ihn an der Hand nimmt und mit ihm das Paradies betritt.“
„Vertraue so auf Gott, dass Er dein Lehrer, dein Gefährte und deine einzige Zuflucht ist. Denn die Menschen können dir weder schaden noch nützen.“
„Die Herzen der Guten stehen der Gottesfurcht offen, und aus einem Herzen, in das die Gottesfurcht eingezogen ist, geht nur Gutes hervor. Die Herzen der Schlechten aber sind von der Sünde befleckt und von übler Absicht verfinstert.“
Sein Tod
Maʿruf al-Karkhi war Zeit seines Lebens arm, und er starb so, wie er gelebt hatte. Als sein Tod nahte, hinterließ er sein Vermächtnis, und es war so kurz wie sein Besitzstand. Er wandte sich an seine Getreuen, unter ihnen sein Schüler Sari as-Saqati, und sprach:
„Wenn ich gestorben bin, gebt mein Hemd als Almosen. Ich bin nackt in diese Welt gekommen, und nackt will ich sie verlassen.“
Dieses Hemd war alles, was er besaß. Ein Leben in der Hauptstadt des reichsten Reiches seiner Zeit, beschlossen mit einem einzigen Kleidungsstück, das auch noch verschenkt wurde: Deutlicher lässt sich nicht sagen, was dieser Mann unter Entsagung verstand.
Maʿruf al-Karkhi verstarb im Jahr 200 der Hidschra in Bagdad; manche Quellen nennen auch die Jahre 201 oder 204. Er wurde an der Stätte seiner Zawiya im Karkh-Viertel beigesetzt. Sein Tod, so berichten die Quellen, bewegte die ganze Stadt, denn er hatte niemanden gekränkt und jedem Menschen mit Güte begegnet, und so trauerten um ihn die Muslime ebenso wie die Christen Bagdads, in deren Mitte er gelebt hatte. Eine bekannte Erzählung berichtet sogar, sie hätten den Anspruch erhoben, ihn auf ihren eigenen Friedhöfen zu bestatten, so sehr rechneten sie ihn zu den Ihren.
Sein Schüler Sari as-Saqati sah ihn nach seinem Tod im Traum, und dieser Traum gehört zu den kostbarsten Bildern der sufischen Überlieferung:
„Ich sah Maʿruf al-Karkhi, als stünde er unter dem Thron Gottes. Und Gott der Erhabene sprach zu Seinen Engeln: ‚Wisst ihr, wer das ist?‘ Die Engel antworteten: ‚Du weißt es am besten, o Herr.‘ Da sprach Gott: ‚Das ist Maʿruf al-Karkhi. Er ist trunken geworden von Meiner Liebe und wird nicht eher erwachen, als bis er Mir begegnet.’“
Das Grab, das eine Arznei ist
Das Grab Maʿruf al-Karkhis wurde schon bald nach seinem Tod zu einem der meistbesuchten Orte Bagdads, denn die Menschen waren überzeugt, dass sein Beistand mit seinem Tod nicht endete und dass das Bittgebet an seinem Grab Erhörung findet. Seit den frühesten Quellen ist das Wort überliefert:
„Das Grab des Maʿruf ist eine erprobte Arznei.“
Die Forschung weist darauf hin, dass die im Sufitum so verbreitete Tradition, an den Gräbern der Gottesfreunde Segen und Heilung zu suchen, vermutlich gerade mit der Verehrung dieses Grabes ihren Anfang nahm. Um seine Ruhestätte wuchs mit der Zeit ein ganzer Friedhof, der seinen Namen trägt, und über dem Grab wurde eine Moschee errichtet.
Die Geschichte dieser Grabstätte ist selbst ein Stück Geschichte Bagdads. Im Jahr 459 der Hidschra (1067) wurde sie instand gesetzt; 612 (1215) ließ der Kalif an-Nasir li-Dinillah sie erneuern und eine Moschee anfügen, aus deren Zeit das prächtige Backsteinminarett im seldschukischen Stil stammt, eines der ältesten Minarette Bagdads. In osmanischer Zeit nahmen sich die Statthalter der Stätte immer wieder an: ʿAbd ar-Rahman Pascha im Jahr 1675, ʿUmar Pascha 1690, Hasan Pascha 1892, und schließlich ließ Sultan Abdülhamid II. den Bau 1894 umfassend erneuern; sein Name und seine Tughra stehen bis heute auf der Fliesenkalligraphie über dem Eingang. Der osmanische Reisende Evliya Çelebi, der Bagdad im 17. Jahrhundert besuchte, berichtet ausführlich von dem lebendigen Brauchtum, das sich um die Türbe gebildet hatte. Nach Umbauten und Restaurierungen im 20. Jahrhundert steht der Komplex aus Moschee und Mausoleum mit seiner grün gedeckten Kuppel noch heute inmitten des Gräberfeldes von Karkh, und noch immer kommen die Menschen, um an diesem Grab zu beten.
Sein Erbe
Die Bedeutung Maʿruf al-Karkhis für die Geschichte des Sufitums hat einen sehr konkreten Grund: Eine große Zahl der späteren Ordenswege führt ihre Überlieferungskette (silsila) über ihn zurück, darunter die Qadiriyya, die Rifaʿiyya, die Mevleviyya, die Khalwatiyya, die Naqschbandiyya, die Suhrawardiyya und viele andere. In den Silsila-Verzeichnissen dieser Wege laufen bei Maʿruf gleich mehrere Linien zusammen:
Die erste Kette führt über Imam ʿAli ar-Rida und die Imame des Prophetenhauses, Musa al-Kaazim, Dschaʿfar as-Saadiq, Muhammad al-Baqir, ʿAli Zayn al-ʿAbidin und Husayn ibn ʿAli, bis zu ʿAli ibn Abi Talib. Weil in ihr sieben der zwölf Imame stehen, wird sie die „goldene Kette“ genannt.
Die zweite Kette führt über seinen Meister Dawud at-Taʾi, dessen Meister Habib al-ʿAdschami und den großen Hasan al-Basri ebenfalls zu ʿAli ibn Abi Talib.
Eine dritte Linie wird über Farqad as-Sabakhi, Hasan al-Basri und Anas ibn Malik überliefert.
So wurde der einstige Christenjunge aus Karkh zum Knotenpunkt, an dem die Ströme der frühen Frömmigkeit zusammenfließen und von dem aus sie sich in die Jahrhunderte verzweigen.
Sein bedeutendster Schüler war Sari as-Saqati, der Händler, der zum Heiligen wurde und der wiederum den großen al-Dschunayd von Bagdad heranbildete. Sari bekannte später: „Alles, was mir an Segen zuteil wurde, wurde mir durch den Segen Maʿruf al-Karkhis zuteil.“ Maʿruf hatte ihm einst geraten:
„Wenn du Gott um etwas bittest, so bitte Ihn bei der Ehrenstellung des Maʿruf.“
Dieses Wort gilt in der Geschichte des Sufitums als eines der frühesten Zeugnisse für die Tradition, Gott unter Berufung auf Seine Freunde anzurufen (tawassul). Neben Sari as-Saqati werden auch Schihab ad-Din Ahmad at-Tabrizi, Israfil al-Maghribi und Abu Hamza Muhammad al-Baghdadi als Schüler genannt, über die eigene Überlieferungslinien weiterliefen.
Auch die Großen der späteren Jahrhunderte haben sich vor ihm verneigt. Al-Ghazali zitiert seine Worte in der „Ihyaʾ“. Und der Meister Mevlana Dschalal ad-Din Rumi deutet im Masnawi die Größe Maʿrufs gerade aus seinem Dienst am Hause des Propheten: Weil Maʿruf Wächter am Heiligtum des Propheten geworden sei, sei er zum Statthalter der Liebe geworden, und sein Atem sei zum Atem Gottes geworden.
Vielleicht ist das die genaueste Zusammenfassung dieses Lebens. Maʿruf al-Karkhi hinterließ kein Buch und bekleidete kein Amt. Er liebte, diente und harrte an der Tür aus. Und Gott hat aus diesem Warten eine Quelle gemacht, aus der zwölf Jahrhunderte getrunken haben.
Möge Gott der Erhabene uns am Segen dieses großen Gottesfreundes teilhaben lassen, der als Kind unter Schlägen „Gott ist Einer“ rief und als Greis nichts besaß als ein Hemd, das er den Armen schenkte. Möge Er unsere Herzen, wie das seine, von der Welt leeren und mit Seiner Liebe füllen, uns die Tore des Handelns öffnen und die Tore des Streitens verschließen und uns zu jenen zählen, deren Kummer um Seinetwillen ist, deren Beschäftigung mit Ihm ist und deren Zuflucht bei Ihm ist. Und möge Er uns am Tage der Begegnung unter denen versammeln, die trunken sind von Seiner Liebe und nicht eher erwachen, als bis sie Ihm begegnen. Amin!
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