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Dawud at-Taʾi: Das Weinen und die Trauer des Herzens

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Im Namen Gottes. Ha-Mim. Wenn die Gottesfreunde von den Wurzeln ihres Weges erzählen, so führt eine der ältesten und festesten Wurzeln nach Kufa, in die alte Gelehrtenstadt am Euphrat, die im zweiten Jahrhundert der Hidschra unter den Abbasiden ein Mittelpunkt des Wissens war. In den Hörsälen dieser Stadt drängten sich die Schüler um die großen Lehrer der Rechtswissenschaft, und die Luft war erfüllt vom Streit der Meinungen, von der Schärfe der Beweise und vom Ruhm derer, die am besten zu reden verstanden. Mitten in diesem Lärm lebte ein Mann, der als einer der gelehrtesten Köpfe seiner Zeit galt, der die Rechtsfragen so sicher beherrschte wie kaum ein anderer und dessen Zunge im Wortgefecht keiner standhielt. Und eben dieser Mann verließ eines Tages den Hörsaal, warf seine Bücher in den Strom und zog sich in ein verfallenes Haus zurück, in dem er fortan schwieg, weinte und auf den Tod wartete wie auf ein Fest.

Diese eine Bewegung, das Niederlegen dessen, was ein ganzes Leben errungen hatte, bildet den Kern seiner Geschichte. Viele Gottesfreunde haben Reichtum aufgegeben, manche einen Thron, andere ein Gewerbe oder einen Namen unter den Mächtigen. Dawud at-Taʾi aber gab das Feinste hin, das ein Mensch in jener Welt besitzen konnte: das Wissen und die Gewalt über das Wort. Wer Gold aufgibt, trennt sich von einem äußeren Gut; wer die Gelehrsamkeit aufgibt, in der er glänzte, der trennt sich von einem Stück seiner selbst, von dem Bild, das die Menschen von ihm trugen und das er von sich selbst gewonnen hatte. Eben darum hat die spätere Überlieferung in seiner Wende ein so reines Beispiel gesehen, denn sie zeigt einen Menschen, der gerade das Wertvollste preisgab, das er besaß, und es im Licht des Kommenden für gering hielt.

Sein Name ist Abu Sulayman Dawud ibn Nusayr at-Taʾi. Seine Kunya lautet Abu Sulayman, seine Nisba at-Taʾi nach dem alten arabischen Stamm der Tayy, dem seine Familie angehörte, und sein Beiname wird als Siradsch ad-Din überliefert, als „Leuchte der Religion“. Geboren wurde er in Kufa, und obgleich sein Geburtsjahr unbekannt geblieben ist, setzt der große Gelehrte adh-Dhahabi seine Geburt an den Beginn des zweiten Jahrhunderts der Hidschra. Dawud at-Taʾi gehört damit zu jener Generation, die noch zahlreiche Angehörige der Nachfolger der Prophetengefährten kannte und die in der Geschichte des Sufitums die zarte Brücke bildet zwischen der frühen Frömmigkeit von Basra und Kufa und den großen Wegen, die später aus Bagdad hervorgingen. Er war der Schüler des Asketen Habib al-ʿAdschami, der seinerseits am Knie des Hasan al-Basri Reue getragen hatte, und er wurde der Meister des Maʿruf al-Karkhi, der wiederum den Sari as-Saqati und über diesen den al-Dschunayd von Bagdad heranbildete. So steht Dawud at-Taʾi an einer entscheidenden Stelle jener goldenen Kette, deren Glieder beinahe alle späteren Ordenswege als ihren Ursprung nennen.

Die Quellen, die sein Andenken bewahrt haben, gehören zu den ehrwürdigsten der islamischen Überlieferung: die „Hilyat al-auliyaʾ“ des Abu Nuʿaym, die „Risala“ des Qushayri, das „Kaschf al-mahdschub“ des Hudschwiri, die „Sifat as-safwa“ des Ibn al-Dschauzi. Vor allem aber hat Farid ad-Din ʿAttar in seiner „Tadhkirat al-auliyaʾ“, der „Erinnerung an die Gottesfreunde“, ein eigenes Kapitel diesem Mann gewidmet und seine Worte und Taten so erzählt, dass sie bis heute lebendig geblieben sind. Aus diesen Quellen tritt das Bild eines Menschen hervor, in dem sich die ganze Strenge und die ganze Zartheit der frühen Entsagung vereinen.

Herkunft, Name und Zeit

Über die äußeren Umstände seines Lebens ist wenig überliefert, und das ist bei einem Mann, der die äußeren Umstände sein Leben lang gering achtete, beinahe folgerichtig. Bekannt ist, dass er einem arabischen Geschlecht entstammte, dem Stamm der Tayy, von dem seine Nisba herrührt, und dass Kufa die Stadt seiner Geburt und seines Wirkens war. Sein Vater trug den Namen Nusayr. Über Mutter und Geschwister schweigen die Berichte fast gänzlich, mit einer bezeichnenden Ausnahme: Seine Mutter erscheint in mehreren Erzählungen, und stets als die einzige Brücke, die diesen verschlossenen Mann noch mit den Menschen verband. Eine Ehe ist von ihm nicht überliefert, und es heißt, er habe zeitlebens unverheiratet im Hause seiner Mutter gelebt.

Ein eigenes Licht fällt auf seine Herkunft durch den Stamm, dessen Namen er trug. Die Tayy, aus denen Dawud at-Taʾi stammte, hatten dem Gedächtnis der Araber ihr sprichwörtliches Bild der Freigebigkeit geschenkt, denn aus ihnen war Hatim at-Taʾi hervorgegangen, jener Mann der vorislamischen Zeit, dessen Großmut zum Maßstab aller Großmut wurde und dessen Name bis heute genannt wird, wo von Gastfreundschaft und Edelmut die Rede ist. Es liegt eine stille Fügung darin, dass ein Sohn eben dieses Stammes später lehrte, der Gottesdienst dessen, der keine Freigebigkeit und keinen Edelmut besitze, sei nicht vollständig. Was im Stamm als Ruhm des Gebens gelebt hatte, kehrte in Dawud at-Taʾi als ein Wort über den inneren Edelmut wieder, der zum Gottesdienst gehört wie der Atem zum Leib. So trug er in seinem Namen ein Erbe, das er aus dem Bereich der arabischen Mannestugend in den Bereich des Glaubens hinüberhob.

Die Zeit, in die er hineingeboren wurde, war eine Zeit des Glanzes und der Gefahr zugleich. Das Reich der Abbasiden stand in seiner ersten Blüte, Bagdad wuchs zur prächtigsten Stadt der Welt heran, und Kufa war eine der großen Werkstätten des islamischen Wissens, in der die Rechtsschulen Gestalt annahmen und die Wissenschaft des Hadith gepflegt wurde. Wer in dieser Stadt als Gelehrter Rang gewinnen wollte, dem standen Ruhm, Einfluss und die Nähe der Mächtigen offen. Eben diesen Weg hatte Dawud at-Taʾi zunächst beschritten, und er hatte auf ihm ungewöhnlich weit ausgegriffen.

In den Quellen begegnen ihm Gestalten von großem Namen. Es wird berichtet, dass er mit zahlreichen Angehörigen der Nachfolgergeneration zusammenkam und dass zu seinen Bekannten Männer wie Fudayl ibn ʿIyad, Dschaʿfar as-Saadiq und Ibrahim ibn Adham zählten. ʿAttar überliefert, Fudayl ibn ʿIyad, selbst einer der größten Asketen Chorasans, habe sich dessen gerühmt, dass ihm die Ehre zuteilgeworden sei, Dawud at-Taʾi zweimal zu begegnen. Und ein Zeitgenosse fand für seine Größe ein Wort, das die spätere Überlieferung immer wieder aufgegriffen hat: Hätte Dawud at-Taʾi in den Tagen des Propheten gelebt, so hätte der Koran selbst von seiner Entsagung und seiner Gottesfurcht gesprochen. Ein höheres Lob lässt sich für einen Menschen kaum denken, und es zeigt, mit welcher Ehrfurcht die Frommen seiner Epoche auf diesen Mann blickten.

Diese Namen sind keine zufällige Gesellschaft, denn das zweite Jahrhundert der Hidschra war die große Zeit der Entsagung, in der überall im Reich Männer die Welt von sich warfen und einen Weg der Strenge gegen die eigene Seele suchten. In Chorasan gab Ibrahim ibn Adham, so erzählt die Überlieferung, den Thron von Balch dahin, um als Armer das Brot seiner Hände Arbeit zu essen. Fudayl ibn ʿIyad, den die Berichte als einen Wegelagerer kannten, wandte sich nach einem Vers, der ihn ins Herz traf, von seinem früheren Leben ab und wurde einer der gefürchtetsten Mahner seiner Zeit. ʿAbdallah ibn al-Mubarak verband Gelehrsamkeit, Entsagung und den Einsatz auf den Wegen Gottes in einer Person. In dieser Bewegung steht Dawud at-Taʾi, und doch unterscheidet sich seine Entsagung von der mancher Gefährten durch das, was er aufgab. Wer einen Thron oder ein Vermögen niederlegt, trennt sich vom Besitz; Dawud aber legte den Rang des Gelehrten nieder, die feinste Stellung, die ihm Kufa zu bieten hatte, und die spätere Überlieferung hat darin die schwerere Trennung erkannt, weil der Ruhm des Wissens sich tiefer in das Herz senkt als der Glanz des Goldes.

Der Gelehrte von Kufa

Bevor Dawud at-Taʾi zum Asketen wurde, war er ein Gelehrter, und kein gewöhnlicher. Die Quellen nennen ihn „den beredtesten Mann seiner Zeit und den besten Kenner des Arabischen“ und „einen der vordersten Imame in der Rechtswissenschaft und im selbständigen Urteil“. Diese Worte sind kein leeres Lob. Über viele Jahre, nach einer verbreiteten Überlieferung an die zwanzig Jahre, saß er in Kufa im Kreis des großen Abu Hanifa, des Begründers der nach ihm benannten Rechtsschule, den man den größten Imam, al-Imam al-Aʿzam, nannte. Unter dessen zahllosen Schülern gehörte Dawud zu den begabtesten und gefördertsten, und er erreichte in der Kenntnis des Hadith wie in der Rechtswissenschaft eine Höhe, die ihn in die erste Reihe stellte. Hadithe hat er von Lehrern wie ʿAbd al-Malik ibn ʿUmar und Muhammad ibn ʿAbdallah ibn Abi Layla überliefert, und andere wiederum, unter ihnen Ismaʿil ibn ʿAli und Abu Nuʿaym, haben aus seinem Munde überliefert.

In einer Stadt wie Kufa, in der das Wissen in hohem Ansehen stand und der Streit der Rechtsschulen die Gelehrten Tag um Tag aneinander maß, lag in eben dieser Begabung eine verborgene Gefahr. Wer im Streitgespräch siegt, kostet eine Süße, die der Seele schmeichelt, und der Beifall der Zuhörer nährt im Herzen jenen feinen Stolz, den die Frommen mehr fürchteten als die groben Sünden, weil er sich im Gewand des Verdienstes verbirgt. Das Wissen, das den Menschen vor Gott demütig machen sollte, kann ihm zum Schmuck werden, mit dem er vor den Menschen glänzt, und die Gabe der Rede, die der Wahrheit dienen sollte, kann zum Werkzeug des Sieges über den Bruder werden. Die frühen Gottesfreunde haben diese Gefahr genau gekannt und vor ihr gewarnt, und das Leben des Dawud at-Taʾi zeigt einen Mann, der sie an sich selbst erfuhr und der vor ihr floh, sobald er sie erkannt hatte.

Zu seiner Begabung trat eine außergewöhnliche Gabe der Rede. Er sprach mit einer Beredsamkeit und einer Schlagfertigkeit, die ihm im Streitgespräch das Übergewicht sicherten, und er verstand es meisterhaft, seine Meinung zu verteidigen. Doch eben hierin lag die verborgene Wunde. Wer im Wort über andere triumphiert, gerät leicht in Gefahr, das Maß zu verlieren, und die Überlieferung deutet an, dass Dawud in seinen Gelehrtenjahren viel und mitunter verletzend redete. Seine Zunge, die ihm zum Ruhm verholfen hatte, drohte ihm zum Verhängnis zu werden.

Die Mahnung des Lehrers

Die Wende, die aus dem berühmten Rechtsgelehrten den schweigenden Asketen machte, begann nach der Überlieferung mit einem einzigen, kleinen Vorfall im Hörsaal. Im Eifer eines gelehrten Streitgesprächs ließ sich Dawud so weit hinreißen, dass er seinen Gesprächsgegner mit dem Stock schlug. Sein Lehrer Abu Hanifa, der diesen Ausbruch sah, rief ihn streng zur Ordnung und sprach das Wort, das Dawud sein Leben lang nicht mehr losließ: „Abu Sulayman, deine Hand und deine Zunge sind beide zu weit geraten.“ In diesem einen Satz lag das ganze Urteil über einen Menschen, der mit Hand und Zunge über das rechte Maß hinausgeschossen war.

Die Wirkung dieser Mahnung war gewaltig. Dawud at-Taʾi verstummte. Im letzten Jahr seiner Schülerschaft, so berichten Abu Nuʿaym und adh-Dhahabi, sprach er kein Wort mehr: Er stellte keine Frage, und er beantwortete keine. Er saß im Kreis, hörte zu und schwieg. Später hat er bekannt, dass gerade diese Geduld des Schweigens, dieses Ausharren im Zuhören, ohne sich in den Streit zu mischen, ihm einen größeren Gewinn gebracht habe als alle Jahre des Redens zuvor. Abu Hanifa, der die Wandlung seines Schülers wohl bemerkte, soll ihm geraten haben, dem Wissen treu zu bleiben, die Streitgespräche aber zu meiden und mehr durch Hören als durch Reden Nutzen zu ziehen.

In dieser Mahnung des Abu Hanifa und in dem Schweigen, das aus ihr erwuchs, hat die spätere Überlieferung weit mehr gesehen als die bloße Zurechtweisung eines hitzigen Schülers. Das Schweigen, das samt, gehört zu den ältesten Übungen des Weges, denn die Zunge ist das Glied, das den Menschen am leichtesten zu Fall bringt, und wer sie zügelt, der hat einen großen Teil seiner Seele gezügelt. Aus dem Mann, der im Streit über andere triumphiert hatte, wurde durch ein einziges strenges Wort ein Mann, der ein ganzes Jahr lang schwieg und der in diesem Schweigen mehr Gewinn fand als in allen Jahren des Redens. Hierin liegt eine Lehre über die Macht des rechten Lehrers, der mit einem Wort zur rechten Zeit eine ganze Wandlung auslösen kann, und über die Bereitschaft des Schülers, der das Wort annimmt und sich von ihm formen lässt. Ohne diese Bereitschaft wäre die Mahnung verhallt; weil aber Dawud sie aufnahm, wurde sie zur Wende seines Lebens.

Neben dieser Erzählung steht eine zweite, die von der inneren Seite derselben Wende spricht. Nach ihr hörte Dawud in seiner Jugend, als er noch ein gewöhnliches Leben führte, den Vers eines Liedes, der ihn ins Innerste traf. Die Worte fragten, welches schöne Antlitz denn nicht zu Staub geworden, welches anmutige Auge denn nicht in die Erde geflossen sei. Dieser Gedanke an die Vergänglichkeit aller Schönheit erschütterte sein Bewusstsein so sehr, dass er von da an keine Ruhe mehr fand und an die Tür des Abu Hanifa kam, um Rat in seiner Not zu suchen. Der Imam erkannte die Veränderung in seinem Gesicht und riet ihm, sich von der Welt zu lösen, den Geboten der Religion vollkommen zu folgen und ihre Verbote streng zu meiden. Ob man die äußere Begebenheit des Stockschlags oder das innere Erwachen durch den Vers an den Anfang setzt, beide Berichte deuten auf dieselbe Schwelle: Aus dem Mann des Wortes wurde der Mann des Schweigens und des Werkes.

Die Bücher im Euphrat

Was nun folgte, gehört zu den eindrücklichsten Bildern der frühen Entsagung. Obgleich Dawud at-Taʾi auf der Höhe seines Ansehens stand, als Meister der Sprache und als einer der ersten Köpfe der Rechtswissenschaft, trug er eines Tages seine Bücher zum Euphrat und übergab sie dem Strom. Die Gründe, die die Quellen dafür nennen, gehen auseinander, und vielleicht liegt gerade darin eine Wahrheit: Eine solche Tat lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Manche berichten, er habe die Gelehrsamkeit als ein Tor gesehen, das ihn vom eigentlichen Werk abhielt; andere, er habe gefürchtet, das Wissen werde ihm zur Zier und zum Stolz, statt ihn vor Gott demütig zu machen. In jedem Fall wandte er sich von da an ganz der Entsagung und dem Gottesdienst zu.

Dieses Bild verlangt nach einem Wort des Verständnisses, damit es nicht missdeutet wird. Dawud at-Taʾi verachtete das Wissen keineswegs, er hatte ihm seine besten Jahre gewidmet und seine Höhen erstiegen. Was er aufgab, war das Wissen, das beim Wissen stehenbleibt, das Wort, das nicht in das Werk übergeht. Die frühen Gottesfreunde haben immer gelehrt, dass das Wissen ein Mittel ist und das Werk sein Ziel, und dass ein Wissen ohne Werk eine Last bleibt, die ihren Träger eher beschwert als trägt. In diesem Sinne bedeutete das Versenken der Bücher kein Verwerfen der Wissenschaft. Es war ihre Vollendung in der Tat. Der Gelehrte, der wusste, was zu tun ist, ging hin und tat es, und er fürchtete, das fortgesetzte Bücherwälzen könne ihm zum Vorwand werden, das Erkannte aufzuschieben. So wurde aus dem Faqih von Kufa der Asket von Kufa, und die spätere Überlieferung hat in diesem Übergang eines der reinsten Beispiele für das rechte Verhältnis von Erkenntnis und Handeln gesehen.

Die Überlieferung kennt auch andere Gottesfreunde, die sich in ähnlicher Weise von ihren Büchern trennten oder das Sammeln von Wissen einstellten, sobald sie die Schwelle zum Werk überschritten hatten, und sie hat darin nie eine Geringschätzung des Wissens gesehen. Das Wissen blieb ihnen die Lampe, die den Weg zeigt; sie aber wollten den Weg gehen, den die Lampe erhellte, und nicht ihr Leben damit zubringen, die Lampe zu betrachten. Bei Dawud at-Taʾi trat zu diesem allgemeinen Sinn ein eigener hinzu: Er fürchtete, das gelehrte Wissen, das ihm zum Ruhm geworden war, könnte ihn von der Lauterkeit der Absicht abbringen und sein Herz an den Beifall der Menschen binden. Indem er die Bücher dem Strom übergab, trennte er sich von dem Werkzeug, das ihm zur Versuchung geworden war, und behielt allein das Wissen, das er im Herzen trug und das er nun in die Tat umsetzen wollte. So wurde aus der Trennung von den Büchern kein Verlust, denn was ihm wahrhaft galt, hatte er bewahrt.

Der Pfad der Entsagung

Den inneren Weg betrat Dawud at-Taʾi nicht ohne Führer. Die Überlieferung nennt als seinen Meister Habib al-ʿAdschami, jenen Asketen persischer Herkunft, der sich am Knie des Hasan al-Basri von der Welt abgewandt und einer der frühen Gottesfreunde von Basra geworden war. Über Habib al-ʿAdschami und Hasan al-Basri reicht die Kette dieses Weges bis zu ʿAli ibn Abi Talib und damit bis in die erste Frömmigkeit des Islams hinein. In dieser Schule lernte Dawud, was die frühe Entsagung unter dem Werk verstand: das Wenige im Essen, das Wenige im Reden, das Wenige im Schlafen, die Furcht vor Gott und die Träne aus Sorge um das Kommende. Diese vier oder fünf Züge bilden gleichsam das Gerüst der frühen Frömmigkeit, und in Dawud at-Taʾi fanden sie eine ihrer vollkommensten Verkörperungen.

Diese drei Verringerungen, das Wenige im Essen, das Wenige im Schlafen und das Wenige im Reden, bilden gleichsam das tägliche Handwerk der frühen Entsagung, und keine von ihnen ist um ihrer selbst willen geübt worden. Das Wenige im Essen hielt den Leib leicht und das Herz wach, denn ein gefüllter Magen, so lehrte die Überlieferung, macht den Sinn träge und das Gebet schwer. Das Wenige im Schlafen schenkte die Stunden der Nacht dem Gottesdienst, in denen der Beter mit seinem Herrn allein ist, während die Welt ruht. Und das Wenige im Reden bewahrte die Zunge vor dem überflüssigen Wort, das die Frommen für eine der größten Quellen des Verderbens hielten, weil aus ihm Verleumdung, Prahlerei und leeres Geschwätz erwachsen. Dawud at-Taʾi hat alle drei in einem Maße geübt, das die Späteren in Staunen versetzte, und er fügte ihnen eine vierte Übung hinzu, die ihm vor allen eigen war: das beständige Gedenken des Todes, das wie ein Salz alle anderen Übungen würzte und ihnen ihren Ernst verlieh.

Nachdem er sich von den Menschen abgewandt hatte, zog er sich vollständig in sein Haus zurück und mied jeden überflüssigen Umgang mit der Welt und ihren Geschäften. Allein zu den Gebetszeiten verließ er die Schwelle, um sich der Gemeinde anzuschließen, und sogleich danach kehrte er zurück. Sein Inneres war so sehr mit dem Einen beschäftigt, dass er, wie überliefert wird, zwanzig Jahre lang nicht einmal die Decke seines Hauses anschaute, weil sein Blick nach innen gerichtet war und das Äußere ihn nicht mehr berührte. Qushayri, der die Zustände der Gottesfreunde sorgfältig unterschieden hat, bemerkt von Dawud at-Taʾi, der ihn beherrschende Zustand sei die Trauer gewesen, jenes huzn, das aus dem Bewusstsein der eigenen Geringheit und der Größe Gottes erwächst und das die frühe Frömmigkeit über alle Heiterkeit stellte. Es war keine Schwermut der Verzweiflung. Es war vielmehr die Trauer dessen, der die Schwere der Begegnung mit Gott vorausahnt und der das Lachen verlernt, weil ihm das Kommende beständig vor Augen steht.

Sein berühmtester Schüler, Maʿruf al-Karkhi, hat das Wesen seines Meisters in einen einzigen Satz gefasst, der die ganze Verehrung der Späteren in sich trägt: „Ich habe keinen gesehen, der die Welt so gering achtete wie at-Taʾi.“ Aus dem Munde des Maʿruf, der selbst zu den größten Entsagenden gehörte und dessen eigene Armut sprichwörtlich wurde, wiegt dieses Zeugnis besonders schwer. Wer von einem Maʿruf al-Karkhi als der genannt wird, der die Welt am geringsten achtete, der muss in der Verachtung des Vergänglichen einen Gipfel erreicht haben, den kaum ein anderer erstieg.

Das Weinen und die Trauer des Herzens

Wer die Berichte über Dawud at-Taʾi liest, dem fällt ein Zug auf, der durch beinahe jede Erzählung geht: Dieser Mann weinte. Er weinte über einem trockenen Stück Brot, er weinte unter dem mondhellen Himmel, er weinte, als ein Verwandter ihn um eine Mahnung bat, und er weinte über dem Vers, der vom Feuer sprach, bis ihn die Furcht aus dem Leben trug. Das Weinen war bei ihm keine vorübergehende Regung, es war der beständige Grundton seines Inneren, und die Quellen haben darin das sichere Zeichen eines bestimmten Zustandes gesehen.

Qushayri hat diesen Zustand mit einem Namen benannt: huzn, die Trauer. Sie galt der frühen Frömmigkeit als eine hohe Stufe, denn sie erwächst aus dem Bewusstsein zweier Dinge zugleich: der eigenen Geringheit und Schuld auf der einen Seite, der Größe und Heiligkeit Gottes auf der anderen. Wer beides zugleich erblickt, dem vergeht das leichte Lachen, und sein Herz wird von einer Schwere erfüllt, die es wach hält und doch nicht niederdrückt. Diese Trauer ist von der Verzweiflung weit entfernt, denn die Verzweiflung verschließt das Herz und nimmt ihm die Hoffnung, die Trauer der Gottesfreunde aber öffnet es und treibt es zu Gott hin. Sie ist die Trauer dessen, der liebt und der fürchtet, in einem.

Das Weinen war in der Frömmigkeit von Basra und Kufa, aus der Dawud at-Taʾi hervorging, ein vertrautes Gut. Schon um Hasan al-Basri sammelten sich Männer, die man die Weinenden nannte, weil ihnen das Gedenken Gottes und des Jenseits die Tränen in die Augen trieb. Über Habib al-ʿAdschami, den Meister des Dawud, reicht diese Linie der weinenden Frommen unmittelbar in seine eigene Schule hinein. So steht das Weinen des Dawud at-Taʾi in einer langen Reihe, und es ist die leibliche Sprache eines Herzens, das den Ernst des Daseins durchschaut hat. Wo der Achtlose über die Welt lacht, weinte dieser Mann, weil er hinter der Welt das Gericht und hinter dem Gericht den Herrn des Gerichts erblickte.

Das Haus ohne Tür

Wie sehr Dawud at-Taʾi die Welt gering achtete, zeigt kein Bericht deutlicher als die Beschreibung seines Hauses, die mehrere Quellen bewahrt haben. Ein Mann namens Abu Yahya suchte ihn eines Tages auf und fand ein Haus, dessen Teile aus Vernachlässigung bereits eingestürzt waren. Der Bewohner wollte sich nicht mit der Welt befassen, auch nicht so weit, dass er sein eigenes Dach ausgebessert hätte. Im Inneren fand sich nichts als ein Wasserkrug, ein Brotbeutel und ein gebrannter Lehmziegel, der ihm als Kissen diente. Nicht einmal eine Tür besaß das Haus.

Einige der Besucher, denen dieser Zustand Sorge bereitete, sprachen ihn darauf an: „Erlaube uns wenigstens, eine Tür einzusetzen. Es könnten wilde Tiere eindringen und dir Schaden zufügen.“ Die Antwort, die Dawud at-Taʾi gab, gehört zu seinen denkwürdigsten Worten. Er sprach: „Ihr versucht, mich vor den wilden Tieren der Welt zu schützen. Wer aber schützt mich vor den Schlangen und Skorpionen des Grabes? Und jene des Grabes sind um vieles heftiger als diese der Welt.“ Und es heißt, er habe bei diesen Worten zu weinen begonnen. In dieser einen Antwort liegt die ganze Ausrichtung seines Lebens: Wer das Grab beständig vor Augen hat, dem erscheint die Gefahr der Welt klein neben der Gefahr des Kommenden, und er verwendet seine Sorge auf das, was bleibt, statt auf das, was vergeht.

Auch von seiner Weise zu essen erzählt die Überlieferung, und sie ist von derselben Art. Um keine Zeit zu verlieren, weichte er das Brot in Wasser ein und nahm es wie eine Suppe zu sich. Auf die Frage nach dem Grund antwortete er, das Kauen verlängere die Zeit, und das Kauen eines einzigen Bissens halte ihn vom Lesen von fünfzig Versen des Korans ab, weshalb er die Zeit nicht vergeuden wolle. So genau ging er mit den Augenblicken seines Lebens um, als seien sie gezählte Münzen, von denen keine einzige für etwas anderes ausgegeben werden durfte als für das Werk. In seinem Hause hielt er ohne Unterlass am Gottesdienst fest, als werde er im nächsten Augenblick sterben. Mit Nichtigem beschäftigte er sich nicht, kein überflüssiges Wort kam über seine Lippen, und sein Blick fiel auf nichts, woraus nicht eine Lehre zu ziehen war.

Ein Mann namens Abu ʿAyyasch berichtet, er habe Dawud at-Taʾi in seinem Hause besucht und ihn mit einem trockenen Stück Brot in der Hand weinend angetroffen. Dieses Bild, der gelehrteste Mann seiner Stadt, in einem dachlosen Haus, ein hartes Brot in der Hand, die Augen voller Tränen, fasst seine Entsagung in einem einzigen Augenblick zusammen. Es ist die Armut dessen, der freiwillig arm geworden ist, weil er die Reichtümer woanders sucht.

In diesen Bildern des dachlosen Hauses, des eingeweichten Brotes und des Lehmziegels als Kissen liegt mehr als die Schilderung einer äußeren Armut. Sie zeigen einen Menschen, der jede Sorge, die ein anderer auf die Dinge der Welt verwendet, auf das Eine gerichtet hatte, das ihm wichtig war. Das Haus durfte zerfallen, weil sein Bewohner darin keine bleibende Stätte sah; seine bleibende Stätte lag im Grabe und im Jenseits. Das Essen durfte das Geringste sein, weil der Leib nur so weit genährt werden sollte, dass er dem Gottesdienst diente. Und der Schlaf durfte hart sein, weil die Nacht dem Gebet gehörte. Was dem Betrachter als Entbehrung erscheint, war für Dawud at-Taʾi eine Befreiung, denn jede Sorge um die Welt, die er von sich abtat, schenkte ihm eine größere Freiheit für das, worum allein sich sein Herz mühte.

Die Gegenwart des Todes

Über allem, was von Dawud at-Taʾi überliefert ist, liegt die Gegenwart des Todes wie ein beständiges Licht. Der Tod war ihm kein fernes Schreckbild. Er war ihm ein naher Gefährte, dessen Schritt er in jedem Augenblick zu hören meinte. Es wird berichtet, dass er aus dem Hause nur zum Gebet ging, in der Moschee betete und danach in solcher Eile heimkehrte, als fliehe er vor jemandem. Auf die Frage nach dem Grund seiner Eile antwortete er: „Die Soldaten warten auf mich.“ Und als man weiterfragte, welche Soldaten er denn meine, sprach er: „Die Toten, die auf dem Friedhof liegen.“ Für ihn waren die Verstorbenen kein abgeschlossenes Kapitel. Sie waren eine Versammlung, die ihn erwartete und zu der er bald stoßen würde, und so eilte er zu ihnen wie zu einer Verabredung.

Eine andere Überlieferung führt ihn in einer mondhellen Nacht auf das Dach seines Hauses. Dort blickte er zum Himmel empor, versenkte sich in den Gedanken an die Allmacht Gottes und in das Betrachten der Schöpfung. In diesem Zustand füllte sich sein Inneres, und er begann zu weinen. Der Anblick des nächtlichen Himmels, der so viele Menschen nur zerstreut, trieb ihm die Tränen in die Augen, weil er hinter der Schöpfung den Schöpfer sah und vor dessen Größe sein eigenes Herz erbebte.

Am deutlichsten zeigt sich seine Haltung zum Tod in der Weise, in der er anderen Gutes wünschte. Wenn er jemandem eine Segenswunsch zukommen lassen wollte, gebrauchte er die Worte: „Möge der Tod dein Fest sein.“ Wo andere ein langes Leben wünschten, wünschte er das gute Sterben, denn er sah im Tod die Befreiung aus dem Kerker dieser Welt und den Eintritt in die Begegnung, nach der sich das Herz des Gläubigen sehnt. In der Nacht, in der er selbst starb, sah ihn jemand im Traum, und er sprach das Wort, das diese ganze Haltung besiegelt: „Soeben bin ich aus dem Kerker befreit worden.“ Diese heitere und beinahe sehnsuchtsvolle Auffassung des Todes hat in der späteren Überlieferung weitergewirkt und sich gewandelt, bis aus dem Tag des Sterbens die „Hochzeitsnacht“ geworden ist, von dem die Späteren sprechen, wenn der Gottesfreund seinem Herrn entgegengeht wie der Bräutigam der Braut. In der Trauer des Dawud at-Taʾi und in der Freude dieses späteren Bildes wirkt dieselbe Wahrheit: Wer Gott liebt, für den ist der Tod kein Ende. Er ist eine Tür, durch die der Liebende zum Geliebten tritt.

Hierin zeigt sich, wie weit die Todesfurcht des Dawud at-Taʾi von der bloßen Angst entfernt war, die das Ende als Vernichtung scheut. Seine Furcht galt der Abrechnung und dem Gericht, seine Sehnsucht aber galt der Begegnung, und in ihm wohnten beide zugleich, die zitternde Sorge und die heitere Erwartung. Wer das Grab als die Schwelle zu seinem Herrn begreift, der fürchtet die Schwelle und ersehnt zugleich das, was hinter ihr liegt. So eilte Dawud at-Taʾi durch dieses Leben wie ein Reisender, der weiß, dass die Heimat naht, und der jeden überflüssigen Aufenthalt scheut, weil ihn das Ziel ruft. Das beständige Gedenken des Todes verfinsterte ihn keineswegs zu bloßer Schwermut. Es machte ihn wach, ernst und für die Welt unempfänglich, und es schenkte seinem kurzen Tun jene Dichte, die ein ganzes Leben in jeden Augenblick legt.

Der Kalif vor der Tür

Die Welt, der Dawud at-Taʾi den Rücken gekehrt hatte, ließ ihn dennoch nicht in Ruhe, und gerade ihre Mächtigsten suchten seine Nähe. Die berühmteste Begebenheit seines Lebens handelt vom Kalifen Harun ar-Raschid, dem Herrscher über das größte Reich seiner Zeit. Eines Tages sprach der Kalif zu Abu Yusuf, dem vornehmsten Schüler des Abu Hanifa und ersten Oberrichter des Reiches: „Führe mich zu Dawud. Ich will ihn besuchen, ihn um Rat bitten und sein Bittgebet erlangen.“ So machten sich die beiden auf und gingen zum Hause des Asketen. Sie baten um Einlass, doch sie erhielten ihn nicht.

In ihrer Not wandten sie sich an die Mutter des Dawud, die einzige, deren Wort bei ihm noch Gewicht hatte. Sie sprach zu ihrem Sohn: „Mein Kind, gestatte ihnen, einzutreten.“ Doch er erwiderte: „Mütterchen, was habe ich mit den Leuten der Welt zu schaffen? Wenn ich sie sehe, erinnere ich mich der Welt und vergesse das Jenseits. Halte mich darum für entschuldigt.“ Erst als die Mutter erneut bat, gab er nach, und die Worte, mit denen er die Tür öffnete, sind selbst eine Unterweisung. Er sprach: „O mein Gott, weil Du befohlen hast, das Recht der Mutter zu wahren, und weil ihr Wohlgefallen mein Wohlgefallen ist, darum öffne ich die Tür.“ So trat selbst der Verzicht auf den Verzicht in den Dienst des Gehorsams gegen Gott, denn der Gehorsam gegen die Mutter ist von Gott geboten, und ihm gab Dawud den Vorrang vor seiner eigenen Zurückgezogenheit.

Harun ar-Raschid und Abu Yusuf traten ein und reichten ihm die Hand, und Dawud at-Taʾi sprach zum Kalifen Worte voller Mahnung. Die Überlieferung hat diese Szene auch in dichterischer Gestalt bewahrt: Dawud habe die Hand des Kalifen lange in der seinen gehalten, sie geprüft und gewendet und gesprochen, welch zarte, welch feine Hand dies sei, die gewiss vor dem Feuer bewahrt bleibe, wenn sie nur vor dem Unrecht bewahrt werde. Und er habe hinzugefügt, der Kalif habe nun so lange gelebt und geherrscht, er möge sich hüten, sich dem Unrecht zuzuneigen, denn vor der Abrechnung gebe es kein Entrinnen. In der gesegneten Rede dieses Mannes seien beide, der Kalif und sein Richter, in Tränen zerflossen.

Beim Abschied bot der Kalif ihm einen Beutel voll Gold und bat ihn unter vielen Entschuldigungen, ihn anzunehmen. Doch Dawud at-Taʾi nahm ihn nicht. Er wies den dargebotenen Beutel mit aller Höflichkeit zurück, ohne jemanden zu kränken, und gab den Grund: Er habe sein Haus verkauft, und dessen Preis genüge ihm. Für dieses erlaubte Geld habe er Gott gebeten: „O Herr, wenn dieses Geld zu Ende geht, so möge auch mein Leben enden, damit ich zur Auferstehung hinübergehe.“ Er wollte nichts annehmen, dessen Herkunft ihm zweifelhaft war, und er bemaß sein Leben nach dem Wenigen, das er sich auf erlaubtem Wege erworben hatte.

Diese Begebenheit hat ein erstaunliches Nachspiel. Harun ar-Raschid und Abu Yusuf, so wird berichtet, suchten den Verwalter auf, der über Dawuds geringen Besitz Buch führte, und erkundigten sich nach der Höhe seines verbliebenen Geldes. Aus dieser Summe rechneten sie aus, wie lange das Wenige noch reichen würde, und auf diese Weise fanden sie den Tag, an dem der Asket nach seinem eigenen Bittgebet sterben würde. Als jener errechnete Tag herankam, sprach Abu Yusuf: „Geht und seht nach, heute ist Dawud at-Taʾi gestorben.“ Und als man hinging und nachsah, fand man ihn tatsächlich verschieden. Abu Yusuf bezeugte über ihn: „Sein Bittgebet ist erhört. Sein Platz bei Gott ist unter den Erwählten.“ Kurz darauf brachte der Bote die Nachricht von seinem Tod. Man mag diese Erzählung deuten, wie man will: Sie spricht von einem Menschen, der sein Leben so genau an Gott gebunden hatte, dass selbst seine Lebensdauer dem Maß seines Vertrauens folgte.

Diese Begegnung zwischen dem mächtigsten Mann des Reiches und dem ärmsten Mann von Kufa gehört zu den lehrreichsten Bildern der frühen Überlieferung, weil in ihr zwei Welten aufeinandertreffen. Der Kalif Harun ar-Raschid gebot über Heere, Länder und Schätze, und doch kam er als Bittender an die dachlose Tür eines Mannes, der nichts besaß und nichts begehrte. Die Macht der Welt suchte den Segen dessen, der die Welt verlassen hatte, und sie fand ihn nur durch die Fürsprache einer Mutter. Dawud at-Taʾi aber bat den Herrscher, der vor ihm stand, um keine Gunst. Er nutzte den Augenblick zur Mahnung, und seine Worte über die zarte Hand, die vor dem Feuer bewahrt bleibe, wenn sie nur vor dem Unrecht bewahrt werde, treffen den Kern aller Herrschaft. Denn vor Gott zählt die Macht des Herrschers nichts, es zählt allein, ob seine Hand gerecht oder ungerecht gewesen ist. So wurde der Asket, der kein Amt bekleidete, zum Lehrer des Mannes, dem alle Ämter unterstanden.

Die Mutter und die Härte gegen sich selbst

Die Mutter des Dawud at-Taʾi ist die zarteste Gestalt in seiner Geschichte, und an ihr zeigt sich, wie Milde gegen die Geschöpfe und Härte gegen die eigene Seele in einem Herzen wohnen können. Eine Überlieferung erzählt, die Mutter habe ihren Sohn eines Tages bemerkt, wie er draußen unter der Sonne saß und im fastenden Zustand vor Hitze schwitzte. Aus Sorge sprach sie: „Mein Kind, du fastest. Warum sitzt du in der Hitze? Könntest du dich nicht in diesen Schatten setzen?“ Er aber antwortete: „Mütterchen, ich habe Gott versprochen, für das Begehren meiner Seele keinen Schritt zu tun. Und überdies finde ich in mir keine Kraft mehr zu gehen.“

Als die Mutter erstaunt nach dem Grund fragte, gab er eine Antwort, die in ihrer Strenge erschüttert. Er sprach, er habe die unschicklichen Zustände unter den Menschen gesehen und darum zu Gott gebetet, Er möge ihm die Kraft des Gehens nehmen, damit er, selbst wenn er gezwungen wäre, sich nicht mehr unter die Menschen mische und ihren Anblick meiden könne. Hier zeigt sich die äußerste Spitze seiner Entsagung: Er bat um den Verlust seiner eigenen Kraft, um vor der Welt sicher zu sein. So unerbittlich war er gegen sich, dass er die Schwäche dem Umgang mit dem vorzog, was ihn von Gott ablenkte. Und doch öffnete derselbe Mann seine Tür, sobald die Mutter es zweimal erbat, weil ihr Recht von Gott geboten war. In dieser Spannung liegt das Geheimnis seines Wesens: nach innen von einer Strenge, die kein Maß kennt, nach außen, gegenüber dem von Gott gesetzten Recht der Mutter, von einer Milde, die sich beugt.

In dieser Spannung liegt zugleich eine Lehre, die das Bild des Asketen vor dem Missverständnis bewahrt. Wer von der Härte des Dawud at-Taʾi gegen sich selbst hört, könnte meinen, sein Weg sei ein Weg der Lieblosigkeit gewesen, der die Bande des Blutes und die Pflichten gegen die Geschöpfe geringachtete. Das Gegenteil ist überliefert. Dieselbe Seele, die sich selbst keine Schonung gönnte, beugte sich sogleich, wenn die Mutter ein von Gott gebotenes Recht geltend machte, und öffnete die Tür, die sie dem mächtigsten Herrscher des Reiches verschlossen gehalten hatte. So zeigt sein Leben, dass die wahre Strenge gegen die eigene Seele die Güte gegen die Geschöpfe nicht aufhebt. Sie macht diese Güte vielmehr erst rein, weil sie alle Selbstsucht aus ihr entfernt. Die Härte des Gottesfreundes richtet sich gegen das eigene Begehren, seine Milde aber gehört allen, die ein Recht an ihn haben.

Diese Härte gegen sich selbst trug Dawud at-Taʾi nie zur Schau, und sie verband sich bei ihm mit einer Freigebigkeit, die zu seinen festen Überzeugungen gehörte. Nachdem er sich der Entsagung zugewandt hatte, gab er das Geld, das ihm von seinem Vater verblieben war, gemeinsam mit seinen Gefährten aus, denn er hielt nichts vom Anhäufen. Zugleich aber bewahrte er einen Teil aus dem Erlös seines Hauses für sich, und als Gefährten ihm vorhielten, ihr Weg sei der Weg des Verteilens an die Bedürftigen und nicht der des Aufbewahrens, gab er ihnen eine bedachte Antwort: Er bewahre dieses Geld, um sich gegen die Mühen des Gelderwerbs zu schützen und um, ohne anderen zur Last zu fallen, bis zu seinem Tode Vorsorge für das Jenseits zu treffen. Sogar sein Leichentuch erwarb er aus diesem Gelde. So war seine Armut keine achtlose Armut. Sie war eine sorgfältig gehütete Armut, die niemandem zur Bürde werden wollte und die selbst im Bewahren nur das Jenseits im Blick hatte.

Aus seinen Worten

Dawud at-Taʾi hat kein Buch hinterlassen, und das ist bei einem Mann, der seine Bücher dem Strom übergab, kein Zufall. Was von seinen Worten überliefert ist, sind knappe, gewichtige Sätze, die meist aus einer bestimmten Lage hervorgingen und die gerade darum so tief eindringen. Sie kreisen um wenige Themen: die Geringheit der Welt, die Nähe des Todes, die Wachsamkeit des Herzens und das rechte Verhältnis zum Gottesdienst.

Über den Gottesdienst lehrte er etwas, das auf den ersten Blick überrascht, da niemand so unablässig betete wie er. Er gab dem Gottesdienst die höchste Bedeutung, und doch sagte er, der Mensch solle seinen eigenen Gottesdienst niemals für vollkommen halten und sich nicht auf ihn verlassen. Wer auf das eigene Werk vertraut, dem wird das Werk zur Falle, denn er sieht auf sich selbst statt auf die Gnade dessen, dem er dient. Und er fügte hinzu, der Gottesdienst dessen, der keine Freigebigkeit und keinen Edelmut besitze, sei nicht vollständig. Damit verband er, was die frühe Frömmigkeit zu oft trennte: die Strenge gegen sich selbst und die Güte gegen die Menschen. Wer Gott dient, die Geschöpfe aber kalt behandelt, dessen Dienst hat einen Riss, und der Edelmut, die Ritterlichkeit auf dem Pfad, gehört zum Gottesdienst wie das Gebet selbst.

Als ein Verwandter ihn um Rat bat und sprach: „Wir sind verwandt, gib mir eine Mahnung“, da begann Dawud at-Taʾi zu weinen. Erst nach einer Weile fand er die Fassung zu reden und sprach: „Tag und Nacht sind wie eine Raststation auf einer Reise. So weit ist der Weg zwischen dieser Welt und dem Jenseits, nicht weiter. Da wir gewiss aus der Welt in das Jenseits hinübergehen, müssen wir uns dafür rüsten. Denn das Ende der Reise ist nah, und das Kommen des Todes ist noch eiliger als das. Ich sage dir dies, doch dieser Mahnung bedarf ich selbst mehr als du.“ In diesem letzten Satz liegt der ganze Geist des Mannes: Er belehrte niemanden von oben herab, und jede Mahnung, die er aussprach, richtete er zuerst gegen das eigene Herz.

Aus diesen Worten und aus den Berichten über ihn tritt ein einheitliches Bild hervor. Dawud at-Taʾi sprach kein überflüssiges Wort, weil ihm die Zunge einst zu weit geraten war und er ihre Macht zu fürchten gelernt hatte. Er blickte auf nichts ohne Lehre, weil ihm das Auge ein Tor zum Herzen war. Er weinte viel, weil ihm die Trauer das Maß seiner Liebe und seiner Furcht war. Und er hütete jeden Augenblick, weil ihm die Zeit das einzige Gut war, das sich nicht zurückkaufen lässt. In allem suchte er die Lauterkeit, das ichlas, jene Reinheit der Absicht, in der das Werk allein um Gottes willen geschieht und sich von jedem Blick auf den eigenen Vorteil löst.

Sein Tod

Dawud at-Taʾi starb so, wie er gelebt hatte: lesend, weinend und allein, in jenem verfallenen Haus, das er nie hatte ausbessern lassen. Die Quellen berichten, er sei beim Lesen des Korans verschieden. In einer Nacht, so heißt es, las er bis zum Morgen einen Vers, der vom Feuer und von der Strafe des Jenseits handelte, und er geriet so sehr unter dessen Gewalt, dass ihn die Furcht erfasste, er erkrankte und starb. Es ist ein bezeichnendes Ende für einen Mann, dessen ganzes Leben von der Furcht vor dem Kommenden durchdrungen war: Ein einziger Vers, lange genug betrachtet, genügte, um ihn aus dieser Welt zu lösen.

Sein letzter Wille entsprach seinem ganzen Leben. Er bestimmte, dass sein Grab an einem einsamen, abgelegenen Ort angelegt werde, damit seine Zurückgezogenheit, seine Klause in dieser Welt, auch im Grabe fortdaure. Wer im Leben die Menschen gemieden hatte, um Gott näher zu sein, der wollte auch im Tode keine Versammlung um sich. Er wollte die Stille, in der das Herz allein mit seinem Herrn ist. Über das Jahr seines Todes gehen die Angaben auseinander, und sie schwanken zwischen dem Jahr 160 und dem Jahr 166 der Hidschra, was den Jahren zwischen 776 und 783 entspricht; am häufigsten wird das Jahr 165 genannt.

Bei seinem Begräbnis sprach Ibn as-Sammak, jener berühmte Mahner jener Zeit, ein Wort, das die spätere Überlieferung als seine treffendste Grabrede bewahrt hat. Er sprach zu dem Verstorbenen: „Du warst schon wie ein Toter, bevor dein Tod gekommen war. Du hattest deine Abrechnung gesehen, bevor du zur Rechenschaft gezogen wurdest.“ In diesem Satz liegt die ganze Frucht eines solchen Lebens. Wer sich zeitlebens vor das Gericht gestellt und sich selbst zur Rechenschaft gezogen hat, dem nimmt der Tod seinen Schrecken, weil er die Abrechnung in jedem Augenblick schon vollzogen hatte. Der Tod fand bei Dawud at-Taʾi nichts mehr vor, was er erst hätte vollenden müssen, denn der Mann war innerlich längst hinübergegangen, lange bevor sein Leib es tat.

Der Vorwurf der Forschung und das Maß der Überlieferung

Es gehört zur Redlichkeit, auch die Stimmen zu nennen, die in neuerer Zeit anders über Dawud at-Taʾi geurteilt haben. Einige zeitgenössische Forscher, unter ihnen ʿAli Sami an-Naschschar, haben seine asketischen Züge, das Schweigen und das Meiden der Ehe, mit dem Einfluss christlicher Asketen erklären wollen, die in den Klöstern Mesopotamiens ein ähnliches Leben führten. Eine solche Deutung ordnet die Entsagung des Dawud at-Taʾi in die größere Geschichte der Frömmigkeit ein und sucht nach äußeren Wurzeln für eine innere Bewegung.

Die Überlieferung selbst weist in eine andere Richtung, und sie verdient gehört zu werden. In ihren Augen war das Schweigen des Dawud at-Taʾi die Folge einer eigenen, bitteren Erfahrung und keine übernommene fremde Gewohnheit. Eine Zunge, die zu weit geraten war, lernte das Maß im Schweigen. Sie zeigt seine Furcht vor dem Grabe als die Frucht des Korans, den er Tag und Nacht las, und seine Trauer als das huzn, das die frühe Frömmigkeit aus dem Bewusstsein der Gottesgröße schöpfte. Wo die Forschung nach äußeren Vorbildern sucht, erzählt die Überlieferung von einem inneren Weg, der seine Quellen in der eigenen Reue, im eigenen Lehrer und im eigenen Gottesdienst hatte. Beide Blickweisen mögen je ihr Recht behalten; das Herz dieses Lebens aber liegt dort, wo ein Mensch die Welt verlässt, weil ihn die Liebe und die Furcht Gottes nicht mehr loslassen.

Sein Platz in der Kette

Die bleibende Bedeutung des Dawud at-Taʾi für die Geschichte des Sufitums liegt an einem sehr greifbaren Ort: in der Überlieferungskette, der silsila, über die beinahe alle späteren Ordenswege ihren Ursprung herleiten. In den Verzeichnissen dieser Wege läuft eine der Hauptlinien durch ihn hindurch. Sie führt von ʿAli ibn Abi Talib über Hasan al-Basri und dessen Schüler Habib al-ʿAdschami zu Dawud at-Taʾi, von ihm zu Maʿruf al-Karkhi, von diesem zu Sari as-Saqati und weiter zu al-Dschunayd von Bagdad, in dem sich die Ströme der frühen Frömmigkeit sammeln und von dem aus sie sich in die großen Wege der folgenden Jahrhunderte verzweigen.

So steht Dawud at-Taʾi an einem Knotenpunkt. Vor ihm liegt die erste Frömmigkeit von Basra, das Erbe des Hasan al-Basri und der frühen Weinenden; nach ihm öffnet sich der Weg, der über Maʿruf al-Karkhi und al-Dschunayd zur Blüte des Sufitums in Bagdad führt. Der Mann, der seine Bücher in den Euphrat warf, wurde so selbst zu einem der Bücher, aus denen die Späteren lasen, geschrieben im Beispiel eines gelebten Lebens und nicht in Zeilen aus Tinte. Sein Schüler Maʿruf al-Karkhi hat ihm das schönste Denkmal gesetzt, indem er ihn den nannte, der die Welt geringer achtete als jeder andere, und indem er den Pfad der Entsagung, den er bei Dawud gelernt hatte, an seine eigenen Schüler weitergab.

Was von Dawud at-Taʾi auf Maʿruf al-Karkhi überging, war kein Buch und keine Sammlung von Lehrsätzen, denn Bücher hatte er dem Strom übergeben. Was überging, war die Weise eines gelebten Lebens, die Haltung der Entsagung, der Furcht und der Lauterkeit, die ein Schüler nur in der Nähe des Meisters lernt und die sich von Herz zu Herz überträgt. Maʿruf al-Karkhi nahm diese Haltung auf und gab sie an Sari as-Saqati weiter, und Sari gab sie an seinen Neffen und Schüler al-Dschunayd, in dem die Frömmigkeit von Basra und Kufa zur reifen Lehre der Schule von Bagdad wurde. Auf diese Weise wirkte Dawud at-Taʾi fort, lange nachdem sein dachloses Haus zerfallen war, denn das, was er gelebt hatte, lebte in seinen Nachfolgern weiter und durch sie in den Wegen der folgenden Jahrhunderte. Die Glieder der Kette tragen verschiedene Namen, das Erbe aber, das durch sie läuft, ist eines, und Dawud at-Taʾi gehört zu denen, die es am reinsten verkörpert und am treuesten weitergegeben haben.

In diesem Übergang vom Gelehrten zum Asketen, vom Wort zum Werk, vom Lärm des Hörsaals zur Stille des Grabes, hat die spätere Überlieferung ein Vorbild gesehen, das weit über seine Zeit hinausreicht. Dawud at-Taʾi lehrt, dass das Wissen sein Ziel im Tun findet, dass das Reden sein Maß im Schweigen hat, dass die Welt ihren wahren Wert im Licht des Todes zeigt und dass die Trauer um Gottes willen süßer sein kann als jede Freude der Welt. Er bekleidete kein Amt, er sammelte keinen Besitz, er hinterließ keine Schrift. Er schwieg, er weinte und er wartete, und Gott hat aus diesem Schweigen, diesem Weinen und diesem Warten eine Quelle gemacht, aus der die Gottesfreunde vieler Jahrhunderte getrunken haben.

Möge Gott der Erhabene uns am Segen dieses großen Gottesfreundes teilhaben lassen, der die Bücher dem Strom übergab, um das Werk zu ergreifen, der sein Haus dachlos ließ und doch das Grab fürchtete, und dem der Tod ein Fest war, weil er die Begegnung ersehnte. Möge Er unsere Zungen vom überflüssigen Wort bewahren und unsere Augen vor dem lehren, woraus eine Mahnung erwächst. Möge Er die Welt aus unseren Herzen leeren und sie mit Seiner Furcht und Seiner Liebe füllen, uns die Augenblicke unseres Lebens als ein anvertrautes Gut wahren lehren und uns am Tage der Abrechnung unter jene zählen, die ihre Rechenschaft gesehen hatten, bevor sie zur Rechenschaft gerufen wurden. Amin.


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