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Fudayl ibn Iyad: Der Wegelagerer, der zum Nachbarn der Kaaba wurde

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Im Namen Gottes. Ha-Mim. Wenn die Überlieferung von der Umkehr spricht, von jenem Augenblick, in dem sich ein Leben in einem einzigen Herzschlag wendet, dann kehrt sie immer wieder zu einem Namen zurück: Fudayl ibn Iyad. Kaum ein frommer Mann des achten Jahrhunderts ist so eng mit dem Bild der Reue verbunden wie er, denn seine Geschichte trägt in sich, was Menschen aller Zeiten und aller Glaubensrichtungen am meisten ersehnt und am meisten gefürchtet haben: dass ein Mensch, der auf dem tiefsten Grund seines Lebens steht, in einem einzigen Augenblick emporgehoben werden kann, wenn ihn ein Satz, ein Wort, ein Anruf aus der Verborgenheit trifft. Wer heute unter den nächtlichen Sternen Mekkas betet, an jenem Ort, an dem er vierzig Jahre lang keine erste Gebetsreihe versäumte, der betet in der Nachbarschaft eines Mannes, der einst als gefürchteter Anführer einer Räuberbande zwischen zwei Städten Zentralasiens die Karawanenwege beherrschte.

Sein voller Name lautet Abu Ali al-Fudayl ibn Iyad ibn Masud ibn Bischr. Er gehörte einem arabischen Stamm an, dessen Vorfahren sich im Zuge der frühen islamischen Ausbreitung nach Osten gezogen hatten, bis in jene Gegend, die man heute Zentralasien nennt und die damals unter dem Namen Chorasan bekannt war. Geboren wurde er im Jahr 725. Über den genauen Ort seiner Geburt gehen die alten Berichte auseinander, und diese Uneinigkeit selbst ist lehrreich, denn sie zeigt, mit welcher Sorgfalt die frühen Erzähler jedes Detail zu sichern suchten, auch wenn sich am Ende nicht alle Fäden zu einem einzigen Bild zusammenfügen ließen. Nach der verbreitetsten Überlieferung kam er in der Stadt Samarkand zur Welt und wuchs in der Stadt Abiward auf, die den Schauplatz seiner jungen, unruhigen Jahre bildete. Sein Sohn hat überliefert, dass ihm sein Vater selbst gesagt habe: „Ich wurde in Samarkand geboren und wuchs in Abiward auf, und ich habe in Samarkand gesehen, wie zehntausend Walnüsse für eine einzige kleine Münze verkauft wurden.“ Dieses kleine Detail, die Erinnerung an eine vergangene Fülle in einer fernen Kindheit, ist eines der wenigen Fenster, das uns einen Blick auf den Menschen hinter dem später so gefürchteten und geliebten Namen gewährt.

Der Herr der Karawanenwege

Bevor Fudayl ibn Iyad zu einem der größten Prediger der Umkehr wurde, war er, wie es die verlässlichsten alten Berichte einhellig bezeugen, das Haupt einer Räuberbande, die im Grenzgebiet zwischen mehreren Städten Zentralasiens die Karawanen überfiel. Die frühesten schriftlichen Quellen über ihn berichten dies ohne Umschweife, und keine der späteren Überlieferungen hat versucht, diese Vergangenheit zu verschleiern oder zu mildern. Im Gegenteil: Gerade weil die Geschichte diesen Abgrund so offen benennt, gewinnt die Höhe, die er später erreichte, ihr ganzes Gewicht. Nach der Überzeugung der Gläubigen, die diese Geschichte über Jahrhunderte weitergetragen haben, schließt die Nähe zu Gott niemanden von vornherein aus. Sie kann den größten Übeltäter ebenso erreichen wie den gehorsamsten Frommen, und in keinem Leben zeigt sich dies deutlicher als in dem des Fudayl.

Und doch war selbst dieser Wegelagerer, so berichten die Quellen übereinstimmend, kein Mann ohne Maß. Was ihn von den gewöhnlichen Räubern seiner Zeit unterschied, war ein eigentümlicher Rest von Anstand, der wie ein verborgener Same in ihm ruhte, bis er später zur vollen Frucht erwuchs. Wenn sich in einer überfallenen Karawane eine Frau befand, rührte er sie nicht an. Wer verschuldet war oder nur über ein geringes Vermögen verfügte, dessen Habe ließ er unangetastet. Und wenn sich unter seinen eigenen Gefährten einer fand, der sein tägliches Gebet vernachlässigte, so verstieß er ihn aus seiner Bande. Fudayl selbst, so erzählt die Überlieferung, hielt an seinen Gebeten und an seinem Fasten fest, selbst in den Jahren seiner Verirrung, als lebte in ihm ein Same, der auf seine Zeit wartete.

Ein Bericht schildert, wie eines Tages eine Karawane überfallen wurde und die Räuber sich anschließend zum Essen niedersetzten. Der Besitzer der Karawane fragte nach dem Anführer, und man antwortete ihm: „Er ist hier nicht, er betet dort unter dem Baum.“ Verwundert fragte der Mann, warum er nicht mit den anderen esse, und erhielt zur Antwort: „Er fastet.“ Der Karawanenführer trat zu ihm und fand ihn versunken im Gebet. Als Fudayl geendet hatte, sprach der Mann: „Wie können Gebet, Fasten und Raubzug zugleich in einem Menschen wohnen?“ Fudayl antwortete mit den Worten seiner heiligen Schrift, wo es von jenen heißt, die ihre Verfehlungen eingestehen und gute Taten mit schlechten vermischen. Der Mann verstummte vor Staunen, wagte aber nicht zu fragen, warum er dann nicht schlicht umkehre.

Eine zweite, ähnliche Erzählung berichtet von einem reichen Kaufmann, der bei Annäherung der Räuber sein Gold in einem Zelt bei einem betenden Mann in Verwahrung geben wollte, ohne zu ahnen, dass dieser Mann selbst der Anführer der Bande war. Als die Karawane geplündert war und der Kaufmann sein Gold zurückforderte, entdeckte er zu seinem Schrecken, dass er es dem Räuberhauptmann anvertraut hatte, der es nun unter seinen Leuten verteilte. Doch Fudayl gab ihm sogleich zurück, was er ihm anvertraut hatte, und sprach zu seinen erstaunten Gefährten: „Er hat mir ein gutes Vertrauen entgegengebracht, und ich vertraue auf Gott ein ebenso gutes Vertrauen. Ich habe die gute Meinung, die er von mir hatte, wahr gemacht. Möge Gott auch die gute Meinung wahr machen, die ich von Ihm hege.“ In diesem einen Satz liegt bereits, verborgen unter der rauen Schale des Räubers, der Kern dessen, was ihn später auszeichnen sollte: das feste Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit einem meint, jenes Vertrauen, das die Frommen für eine der höchsten Stufen des Glaubens hielten.

Die Stimme in der Nacht

Die Wende, die aus dem Wegelagerer den frommen Mann machte, wird in den Quellen auf zwei Weisen erzählt, die einander wie zwei Seiten eines einzigen Ereignisses ergänzen. Die kürzere Fassung berichtet: Fudayl war einer Karawane nachgestellt, als er einen Vers seiner heiligen Schrift vernahm, der einen Reisenden aus ihrer Mitte rezitierte: „Ist es für die Gläubigen nicht an der Zeit, dass ihre Herzen sich demütigen vor der Ermahnung Gottes und vor dem, was von der Wahrheit herabgesandt wurde?“ Von diesem Satz so tief getroffen, dass er sich von dem Ort entfernte, sprach er nur die Worte: „Doch, o Herr, jetzt ist die Zeit gekommen.“ So verließ er die Straße der Räuberei, tat Buße über sein früheres Tun und wandte sich ganz dem Dienst an Gott zu.

Die ausführlichere, vielfach überlieferte Fassung setzt diese Erschütterung in einen persönlicheren Rahmen. Fudayl hatte sich, so wird erzählt, in eine Frau verliebt und pflegte nachts an der Mauer des Hauses emporzusteigen, in dem sie wohnte, um sie bis zum Morgen zu betrachten. In einer solchen Nacht, als er auf der Mauer saß, vernahm er von allen Seiten, von vorn und von hinten, von rechts und von links, eine Stimme, die ihn bis ins Innerste erschütterte und denselben Satz rezitierte: „Ist es für die Gläubigen nicht an der Zeit, dass ihre Herzen sich demütigen vor der Ermahnung Gottes…?“ Unter der Wucht dieser Stimme blieb Fudayl lange bewegungslos auf der Mauer sitzen, wie aus sich selbst herausgehoben, und als er zu sich kam, brachen die Tränen aus ihm hervor, und er stöhnte: „Sie ist gekommen, sie ist gekommen, o mein Herr!“

Von der Mauer stieg er herab und suchte Zuflucht in einer Ruine. Dort hörte er Stimmen von draußen, Reisende, die sich untereinander berieten und sprachen: „Lasst uns hier nicht bleiben, um diese Stunde kreuzt Fudayl unseren Weg.“ Diese Worte, die von der Furcht anderer vor ihm zeugten, wurden ihm zum letzten Anstoß. Er trat hervor und verkündete ihnen: „Freut euch! Er hat bereut und seine früheren Taten bereut. Wie ihr einst vor ihm geflohen seid, so flieht er nun vor eben diesem Weg, meidet ihn und hütet sich vor ihm.“ So bezeugte er seine eigene Umkehr vor den Menschen, die noch eben seine Beute hätten sein können.

Von diesem Augenblick an begab sich Fudayl auf die Suche nach jedem, dem er Unrecht getan hatte. Er zog durch das Land, fand die Bestohlenen, erstattete ihnen mehr als er ihnen genommen hatte, und suchte mit jedem einzelnen die Versöhnung. Eine der bekanntesten Erzählungen aus dieser Zeit berichtet von einem Mann, der sich lange weigerte, ihm sein Recht zu erlassen, und der ihn auf die Probe stellte, indem er unmögliche Bedingungen stellte. Solche Erzählungen von der Probe eines Bekehrten gehören zum festen Bestand der frühen religiösen Erzähltradition, in der die Aufrichtigkeit einer Umkehr durch eine überraschende, oft wundersame Bewährung bezeugt wird, und sie sollten nicht als historischer Bericht über eine einzelne Person, sondern als literarische Form gelesen werden, mit der die frühe Überlieferung ihre zentrale Botschaft einprägen wollte: dass eine aufrichtige Reue auch den skeptischsten Betrachter überzeugen kann. Der Mann verlangte, Fudayl solle einen felsigen Hügel eigenhändig einebnen. Fudayl nahm die Hacke zur Hand und begann zu graben, doch die Kraft eines einzelnen Mannes reichte für ein solches Werk nicht aus. In der Morgendämmerung, so erzählt die Überlieferung, sandte Gott einen Wind, der den Hügel in einer einzigen Nacht einebnete. Als der Mann dies mit eigenen Augen sah, verlangte er nun sein gestohlenes Gut zurück, das angeblich unter einem Kissen verborgen sei, doch er hatte in Wahrheit nur Kieselsteine dorthin gelegt, um Fudayl zu prüfen. Als dieser mit Gottes Segen seine Hand unter das Kissen legte, wurden die Kieselsteine zu Gold. Der Mann, außer sich vor Staunen, erklärte, er habe in seiner eigenen heiligen Schrift gelesen, dass sich in der Hand dessen, der aufrichtig Buße tue, Kieselsteine in Gold verwandeln, und er schloss sich daraufhin dem Glauben des Fudayl an. Ob man diese Erzählung als reales Geschehen oder als eine der symbolischen Formen liest, mit denen die frühe Überlieferung die Lauterkeit einer aufrichtigen Reue zu bezeugen suchte, sie zeigt jedenfalls, welchen Rang die damalige Gemeinschaft der Ehrlichkeit des Fudayl in ihrem kollektiven Gedächtnis zumaß.

Der Weg des Wissens

Nach seiner Umkehr verließ Fudayl seine Heimat und wandte sich in eine große Gelehrtenstadt am Euphrat, in der zu jener Zeit einige der bedeutendsten Lehrer seiner Religion unterrichteten. Dort besuchte er die Lehrkreise mehrerer angesehener Gelehrter, darunter des Begründers einer bis heute bestehenden Rechtsschule. Dreißig Jahre lang, so berichten die Quellen, widmete er sich dort dem Studium seiner heiligen Schrift und der religiösen Überlieferung zugleich mit dem täglichen Gottesdienst. Seine Gedächtniskraft war außergewöhnlich, und in kurzer Zeit hatte er sich eine so umfassende Kenntnis der religiösen Überlieferung angeeignet, dass er selbst zu einem verlässlichen Lehrer wurde. Später sollten mehrere der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit von ihm lernen.

Nach diesen dreißig Jahren zog Fudayl weiter nach Mekka, wo er bis zu seinem Tod verblieb. Es heißt, er habe sich für würdig erachtet, den heiligen Bezirk um die Kaaba zu betreten, und dort seine letzten Jahrzehnte im Dienst der Anbetung verbracht. Man nannte ihn später den Anbeter der beiden Heiligtümer, weil er, wie die Überlieferung berichtet, vierzig Jahre lang an der Kaaba keine einzige erste Gebetsreihe versäumte. Er starb im Januar des Jahres 803 und wurde in Mekka bestattet, auf dem alten Friedhof der Stadt, in unmittelbarer Nähe zum Grab der ersten Frau des Religionsstifters, dessen Botschaft er folgte.

Der Weinende ohne Lächeln

Unter den Zügen, die Fudayl ibn Iyad in der Überlieferung am tiefsten einprägen, steht seine ständige Trauer an erster Stelle. Man rechnete ihn zu jenen frommen Männern seiner Zeit, die für ihr ständiges Weinen bekannt waren, und es wird berichtet, dass man ihn dreißig Jahre lang nicht lächeln sah. Sein eigener Sohn, den er selbst großzog, überragte ihn nach dem Zeugnis mancher alter Berichte in dieser Furcht vor Gott sogar noch.

Seine Furcht vor dem Jenseits war so tief verwurzelt, dass er einmal sprach: „Wenn der Mensch wüsste, was der Tod ist, würde ihm das Leben zum Gift.“ In diesen Worten spricht ein Herz, das den Ernst der Rechenschaft in jedem wachen Augenblick vor Augen hatte. Es wird berichtet, dass ein Vorleser einst zu Fudayls Sohn Ali geschickt wurde, damit dieser dem Jungen aus der heiligen Schrift vorlese, und Fudayl den Mann bat, zwei bestimmte, besonders eindringliche Abschnitte über das Jüngste Gericht auszulassen, weil der Junge deren Erwähnung nicht ertragen könne. Doch der Vorleser vergaß diese Warnung, und als er zu einer solchen Stelle gelangte, rief der Sohn: „Gott!“, fiel um und starb.

An diesem Punkt der Überlieferung öffnet sich eines der ergreifendsten Bilder aus dem Leben des Fudayl. Als sein Sohn starb, lächelte er, ausgerechnet er, der dreißig Jahre lang kein Lächeln gezeigt hatte. Man fragte ihn erstaunt, ob dies ein Tag zum Lächeln sei, und er antwortete: „Ich habe soeben den Schmerz erfahren, den auch der Religionsstifter, dessen Lehre ich folge, um den Verlust eines Kindes erfahren hat. Ich habe verstanden, dass Gott mit dem Tod meines Kindes einverstanden ist. Und da im Tod meines Sohnes das Wohlgefallen Gottes liegt, bin auch ich mit dem Wohlgefallen Gottes einverstanden. Darum habe ich gelächelt.“ In diesem einen Satz liegt die ganze Lehre, die Fudayl zeitlebens gepredigt hatte: die vollkommene Ergebung in das, was Gott bestimmt, nun in der äußersten und schwersten Prüfung erprobt und bestanden.

Eine kleinere, gleichwohl bewegende Erzählung berichtet, wie Fudayl seinen kleinen Sohn eines Tages in die Arme nahm und ihn liebkoste. Das Kind fragte: „Vater, liebst du mich?“ „Ja.“ „Liebst du auch Gott?“ „Gewiss.“ „Wie viele Herzen hast du?“ „Eines.“ Da sprach das Kind: „O Vater, wie kannst du in ein einziges Herz zwei Lieben hineinlegen?“ Fudayl erkannte, dass diese Worte durch eine höhere Fügung gesprochen waren, nicht aus dem bloßen Munde eines Kindes. Er setzte den Jungen ab, begann sich mit der eigenen Hand an den Kopf zu schlagen und gelobte, sich von nun an in jedem Augenblick allein mit Gott zu beschäftigen.

Der Herrscher an der geschlossenen Tür

Von allen überlieferten Begebenheiten aus dem Leben des Fudayl ibn Iyad ist keine so oft erzählt und so tief in das kollektive Gedächtnis eingegangen wie seine Begegnung mit dem mächtigsten Herrscher seiner Zeit, dem Kalifen Harun ar-Raschid, der über ein Reich gebot, das sich von Nordafrika bis nach Zentralasien erstreckte. Der Herrscher, so berichten mehrere übereinstimmende Fassungen, sprach eines Nachts zu seinem engsten Berater: „Führe mich zu jemandem, bei dem ich Ruhe für mein Herz finde. Meine Seele ist dieses blendenden, prunkvollen Lebens müde geworden. Ich suche Frieden und Herzensruhe.“ Der Berater führte ihn zunächst zum Haus eines bekannten Gelehrten. Als dieser hörte, dass der Herrscher selbst vor seiner Tür stand, rief er bestürzt: „Warum habt ihr mich nicht vorher benachrichtigt? Hätte ich es gewusst, wäre ich selbst zu ihm gekommen.“ Der Kalif, der diese Worte vernahm, sprach: „Der, den ich suche, ist dieser Mann nicht.“ Und der Gelehrte selbst, mit der Redlichkeit eines wahrhaftigen Mannes, wies ihn weiter: „Der, den ihr sucht, ist Fudayl ibn Iyad.“

So gingen sie zur Tür des Fudayl. Von drinnen hörte man ihn aus seiner heiligen Schrift rezitieren, gerade jenen Satz, der von jenen spricht, die üble Taten verüben und dennoch glauben, mit den Aufrichtigen gleichgestellt zu werden. Man klopfte, und Fudayl fragte: „Wer ist da?“ „Der Herrscher.“ Und Fudayl antwortete: „Was hat der Herrscher bei mir zu suchen, und was habe ich mit ihm zu schaffen? Belästigt mich nicht.“ Der Berater erwiderte, dem Herrscher sei Gehorsam geschuldet, doch Fudayl beharrte: „Belästigt mich nicht.“ Als man fragte, ob man mit oder ohne seine Erlaubnis eintreten solle, sprach er: „Meine Erlaubnis habt ihr nicht, doch wenn ihr mit Gewalt eintreten wollt, ist dies eure Sache.“

Der Kalif trat ein. Fudayl, der niemandes Gesicht sehen wollte, löschte die Lampe. In der Dunkelheit berührte die Hand des Herrschers versehentlich die seine, und Fudayl sprach: „Wie weich diese Hand ist. Wie schade wäre es, sollte sie dem Höllenfeuer nicht entgehen.“ Bei diesen Worten begann der Kalif zu weinen und bat um weitere Ermahnung. Fudayl sprach: „Dein Vorfahre war ein Onkel des Religionsstifters. Er hatte darum gebeten, zum Anführer eines Stammes gemacht zu werden. Doch die Antwort, die er erhielt, lautete: Sich selbst in Gehorsam gegen Gott zu führen, ist besser als tausend Jahre der Herrschaft über andere Menschen. Denn eine Führerschaft ist am Ende des Lebens nichts als Reue.“ Auf die Bitte um weitere Worte erzählte Fudayl von einem früheren, für seine Gerechtigkeit berühmten Herrscher, der bei seiner Erhebung zur Macht mehrere angesehene Ratgeber um Rat gefragt und die Antwort erhalten hatte, er möge die Alten wie seinen Vater, die Jungen wie seine Brüder, die Kinder wie seine eigenen Kinder und die Frauen wie seine Schwestern und seine Mutter behandeln.

Fudayl fuhr fort: „Dein Reich ist wie dein eigenes Haus, seine Menschen wie deine eigene Familie. Behandle die Alten mit Güte, die Jüngeren und Kinder mit Wohltat.“ Und weiter, mit größerer Eindringlichkeit: „Ich fürchte, dieses schöne Antlitz möge im Feuer verbrennen und entstellt werden. Wie viele schöne Gesichter werden im Jenseits entstellt, wie viele Herrscher werden dort zu Gefangenen.“ Der Kalif weinte nun heftiger und bat um noch mehr Ermahnung. Fudayl sprach die Worte, die den Kern seiner ganzen Rede bilden: „Fürchte Gott, und überlege dir, was du Ihm antworten wirst. Bereite deine Antworten schon jetzt vor, denn am Ende wird Gott dich über jeden einzelnen Menschen aus deinem Reich befragen und für jeden Gerechtigkeit fordern. Wenn eine alte Frau eines Nachts in ihrem Haus hungrig schlafen geht, wird sie sich morgen an deinem Gewandsaum festhalten und dein Ankläger sein.“ Von diesen Worten überwältigt, verlor der Kalif beinahe die Fassung.

Am Ende dieser Begegnung fragte der Herrscher, ob Fudayl jemandem etwas schulde. „Ja“, antwortete Fudayl, „ich schulde Gott den Gehorsam, und wehe mir, sollte ich Ihm mit dieser Schuld gegenübertreten.“ Der Kalif präzisierte, er meine eine Schuld gegenüber Menschen. „Gott sei Dank, Er hat mir so viele Gaben gewährt, dass ich mich über nichts beklagen kann“, sprach Fudayl. Der Herrscher legte eine große Menge Gold vor ihn hin und erklärte, dies sei rechtmäßig erworbenes Geld aus dem Erbe seiner Mutter. Fudayl aber erwiderte: „All diese meine Ermahnungen haben dir überhaupt keinen Nutzen gebracht“, erhob sich und ging. Später, wenn der Name Fudayls fiel, pflegte der Kalif zu sagen: „Ach, was für ein Mensch das ist! Er ist wahrhaftig ein Mann von edler Gesinnung.“

In dieser Begegnung, die von so vielen unabhängigen Überlieferungssträngen bewahrt wurde, liegt eine Lehre, die weit über die konkrete historische Situation hinausreicht. Der mächtigste Mann seiner Zeit kam als Bittsteller vor die Tür eines Mannes, der nichts besaß außer seiner Ehrfurcht vor Gott, und dieser Mann verweigerte ihm zunächst den Einlass, weil er die Nähe der Macht als Gefahr für seine eigene Lauterkeit erkannte. Als er schließlich Ermahnung sprach, tat er dies ohne die Absicht, den Herrscher zu beschwichtigen oder ihm zu schmeicheln, und lehnte sogar sein Geld ab, weil ihm die Reinheit der eigenen Absicht wichtiger war als jeder weltliche Gewinn.

Der Feind blinder Neuerungen

Zu den durchgängigsten Zügen des Fudayl ibn Iyad gehört seine unerbittliche Ablehnung jeder religiösen Neuerung, die sich der überlieferten Praxis seines Glaubens entgegenstellte. Es wird berichtet, dass er sprach: „Wer sich mit einem Neuerer niedersetzt und mit ihm verkehrt, dem wird keine Weisheit gewährt.“ Diese Worte zeigen, mit welcher Strenge die frommen Männer seiner Zeit über die Reinheit ihrer religiösen Praxis wachten. Wer die Nähe eines solchen Neuerers suche, so lehrte Fudayl, verliere damit den Zugang zu jener Weisheit, die allein aus dem treuen Festhalten an der überlieferten Tradition erwachse.

Fudayl mahnte in dieser Sache mit großer Eindringlichkeit: „Hütet euch vor demjenigen, der mit einem Neuerer zusammensitzt und ihn aufsucht. Begegnest du auf deinem Weg einem solchen Menschen, so wechsle deinen Weg. Erweise ihm keine Freundlichkeit und erhebe ihn nicht.“ Diese Strenge mag heute hart erscheinen, doch sie entsprang der Sorge um die Lauterkeit seiner Gemeinschaft, jener Sorge, die auch seine übrige Lehre durchzieht.

Zwischen Furcht und Liebe, zwischen Verzicht und Ergebung

Die geistliche Lehre des Fudayl ibn Iyad lässt sich um zwei Achsen ordnen, die einander durchdringen: die Achse von Gottesehrfurcht und Gottesliebe, und die Achse von Weltentsagung und dem Wohlgefallen an Gottes Bestimmung. Der Weg zu Gott, so lehrte er, verlaufe geradlinig nur dann, wenn beide, Liebe und Ehrfurcht, im rechten Gleichgewicht gehalten würden. Wer Gott allein aus Liebe, ohne Ehrfurcht, zu erkennen suche, verfalle der Sorglosigkeit und gehe an seiner eigenen Zärtlichkeit zugrunde. Wer Ihn allein aus Ehrfurcht kenne, weiche ängstlich vor Ihm zurück. Wer Ihn aber mit beidem zugleich erkenne, den liebe Gott, ziehe ihn zu sich heran, mache ihn besonnen und lehre ihn, was er zuvor nicht wusste.

Über das Verhältnis von Weltentsagung und Ergebung wurde er einst befragt, welche der beiden Haltungen höher stehe. Fudayl antwortete: „Das Wohlgefallen an Gottes Bestimmung steht höher als die Entsagung, denn wer in diesem Wohlgefallen verweilt, wünscht sich keine höhere Stufe als die, auf der er sich bereits befindet.“ In dieser Antwort liegt eine feine Unterscheidung: Die Entsagung ist noch ein Akt des menschlichen Willens, ein Verzicht, den der Mensch aktiv vollbringt; das Wohlgefallen aber ist die vollkommene Ruhe eines Herzens, das mit jeder Fügung Gottes zufrieden ist, ohne sich nach etwas anderem zu sehnen. Es ist die höhere, weil stillere Haltung.

Seine Auffassung der Weltentsagung war radikal, aber niemals bloß theoretisch. „Würde mir die Welt in ihrer Gesamtheit angeboten“, sprach er, „so würde ich, ohne nachzudenken, mit Leichtigkeit über ihre Unreinheit urteilen.“ Über die Welt und den Verzicht auf sie lehrte er: „Alles Böse hat sich in einem Haus versammelt, und die Neigung zur Welt ist der Schlüssel dieses Hauses geworden. Alles Gute hat sich in einem anderen Haus versammelt, und die Entsagung ist dessen Schlüssel geworden.“ Und in einem seiner eindringlichsten Bilder verglich er die Welt mit einem Ort für Geisteskranke: „Die Welt ist ein Ort der Heilung und zugleich ein Irrenhaus. Die Menschen, die dort leben, gleichen Geisteskranken. Dort gibt es Fesseln und Ketten für die Kranken. Die Begierden der Seele sind die Fessel, die Verfehlungen sind die Kette.“

Auf die alltägliche Frage „Wie hast du den Morgen verbracht?“, die meist bloß nach körperlichem Befinden fragt, antwortete Fudayl gerne mit einer geistlichen Wendung, die seine Umgebung überraschte. „Im Guten“, sagte er zunächst knapp, und als man weiterfragte, wie es ihm gehe, sprach er: „Welchen meiner Zustände fragst du? Fragst du nach meinem weltlichen Zustand, so hat sich die Welt uns zugewandt, und wir sind alle ihre Wege gegangen. Fragst du nach dem Jenseits, so sage: Wie mag der Zustand eines Menschen sein, dessen Verfehlungen zahlreich, dessen gute Taten wenige, dessen Leben im Verlöschen begriffen ist und der keine Vorbereitung auf das Jenseits und den Tod getroffen hat?“ Diese Antwort, in ihrer schonungslosen Selbstprüfung, zeigt, mit welcher Wachheit Fudayl jeden Augenblick seines Lebens vor die Waage der Rechenschaft stellte.

Als er einmal einen betrübten Mann sah, fragte er ihn: „Fürchtest du, dass dir etwas anderes zuteilwerden könnte als das, was Gott dir zugedacht hat?“ Der Mann verneinte. „Warum also bist du betrübt?“, fragte Fudayl, und fügte hinzu: „Solange die Welt den Menschen nicht zu ihrem Sklaven macht, oder der Mensch sich nicht selbst zum Sklaven der Welt macht, ist der Weg leicht.“ In diesem knappen Wechselgespräch liegt die ganze Lehre vom Herzensfrieden, die Fudayl predigte: Die innere Bindung an die Welt bestimmt, ob ein Mensch frei oder gefangen ist, weit mehr als die äußeren Umstände selbst.

Der Gelehrte, der schweigt

Fudayl unterschied streng zwischen dem Wissen, das dem Jenseits zugewandt ist, und dem Wissen, das der Welt dient. „Das Wissen des Gelehrten des Jenseits ist verborgen, das Wissen des Weltgelehrten ist offenkundig“, lehrte er. „Folgt dem Gelehrten des Jenseits, und hütet euch davor, mit den Weltgelehrten zusammenzusitzen. Denn diese Art von Gelehrten verführt euch mit ihrem Stolz, ihren geschmückten Worten, ihren tatenlosen, hohlen Behauptungen und ihren Werken ohne Aufrichtigkeit und Lauterkeit in die Verwirrung.“ An die Gelehrten selbst richtete er strengere Worte: „O ihr Gelehrten, ihr wart einst wie Leuchten, die die Länder erhellten. Warum ist euer Licht nun erloschen? Ihr wart Sterne, die der Gemeinschaft den Weg wiesen; warum habt ihr euren eigenen Weg verloren? Schämt ihr euch nicht davor, dass ihr an die Tore der Machthaber geht und von ihrem Vermögen zehrt, dessen Herkunft ihr nicht kennt?“ Wenn er solche Worte gesprochen hatte, so wird berichtet, lehnte er seinen Rücken an die Wand des Gebetsraumes und begann, aus der religiösen Überlieferung zu lehren, während einer der größten Gelehrten seiner Zeit, der zugehört hatte, den Kopf senkte und sprach: „Ich bitte um Vergebung und kehre um.“

Über die Vorleser und Rezitatoren der heiligen Schrift äußerte Fudayl einen ähnlich strengen Maßstab: Der Vorleser solle keines Menschen bedürfen, weder des Volkes noch der Herrscher. Vielmehr solle das ganze Volk seiner bedürfen. Nur wer die heilige Schrift allein um Gottes willen vortrage, besitze Demut und Ehrfurcht; wer sie für Richter und Machthaber vortrage, besitze Hochmut und Überheblichkeit.

Die Gerechtigkeit des Herrschers als letztes Bittgebet

So sehr Fudayl den Umgang mit Machthabern mied, so sehr trug er zugleich Sorge um das Wohl der Gemeinschaft, das von der Gerechtigkeit ihrer Herrscher abhängt. Er sprach einst die bemerkenswerten Worte: „Wüsste ich, dass mir ein einziges Bittgebet gewiss erhört würde, so würde ich es allein für den Herrscher sprechen. Denn wenn der Herrscher rechtschaffen ist, sind die Städte wohlgeordnet und die Menschen in Sicherheit.“ In diesem Wort liegt eine Weisheit, die weit über den engen Kreis persönlicher Frömmigkeit hinausreicht: Fudayl erkannte, dass das geistliche Wohl des Einzelnen untrennbar mit der Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Ordnung verknüpft ist, und dass darum das Gebet für einen gerechten Herrscher letztlich ein Gebet für das Wohl aller ist.

Der Prüfer der eigenen Seele

Ein durchgängiger Zug in den Worten des Fudayl ist die schonungslose Prüfung der eigenen Seele. Er sprach: „Ich erkenne meinen Ungehorsam gegen Gott am Verhalten meines Esels und meines Dieners mir gegenüber.“ Diese Selbstbeobachtung, die eigene Schuld im spiegelnden Verhalten der ihm Untergebenen zu erblicken, zeigt eine geistliche Feinfühligkeit, die weit über die gewöhnliche Buße hinausgeht. Wer sich selbst so genau prüft, dem entgeht nichts, und ihm wird jede Kleinigkeit des Alltags zum Anlass der Selbstprüfung.

Über die Fallstricke, mit denen der Versucher den Menschen zu Fall bringt, lehrte er: „Er fängt den Menschen mit einem von drei Dingen: erstens, dass er sich selbst gefällt; zweitens, dass er seine eigenen Werke in seinen Augen übertreibt; drittens, dass er seine Verfehlungen vergisst.“ Über die Verfehlung selbst sprach er ein Wort von großer Feinheit: „Je geringer eine Verfehlung dem Menschen erscheint, desto größer erscheint sie vor Gott. Je größer eine Verfehlung dem Menschen erscheint, desto geringer erscheint sie vor Gott.“ Dieses Wort kehrt die gewöhnliche menschliche Selbstwahrnehmung um: Wer seine eigenen Fehler bagatellisiert, vergrößert sie in den Augen Gottes gerade dadurch, dass er sie verkleinert, denn in dieser Bagatellisierung liegt bereits ein Mangel an Ehrfurcht.

Über die wahre Frömmigkeit lehrte er, dass die innere Läuterung und die aufrichtige Sorge um die Gemeinschaft weit mehr wiegen als das bloße Übermaß an rituellem Gottesdienst: „Der vollkommene Mensch ist nicht derjenige, der viel betet und viel fastet, sondern derjenige, der seine Seele zur Großzügigkeit und sein Inneres zum Frieden führt und der Gemeinschaft mit Rat zur Seite steht.“ Auf die Frage, was wahre Ritterlichkeit des Geistes bedeute, antwortete er: „Sie besteht darin, die Fehler der Freunde nachsichtig zu übersehen.“ Und über die Freundschaft selbst sprach er streng: „Wer dir zürnt, weil du ihm etwas nicht gegeben hast, um das er dich gebeten hat, der ist nicht dein Bruder.“

Sein Platz in der Geschichte der frommen Männer

Fudayl ibn Iyad steht an einem bedeutenden Knotenpunkt in der Geschichte der frühen frommen Bewegungen der Religion. Zu seinen Schülern zählten mehrere Männer, die später selbst zu den bedeutendsten Gelehrten und geistlichen Lehrern ihrer Zeit wurden, darunter der Begründer einer der großen Rechtsschulen des Islam. Über diese Schüler und deren eigene Schüler reicht eine geistliche Kette bis in jene spätere Bewegung, aus der die innere, sufisch geprägte Strömung des Islam in ihrer reifen Form hervorging. So verbindet Fudayl in seiner Person die Strenge der frühen Gelehrsamkeit mit dem Beginn dieser inneren, geistlichen Bewegung, und er gehört zu jenen Männern, in deren Leben sich zeigt, dass wahre Frömmigkeit ihre Vollendung im Werk und in der Läuterung des Herzens findet, ganz im überlieferten Wissen selbst gegründet.

Sein Sohn Ali, der schon zu Lebzeiten des Vaters verstorben war, wurde von manchen alten Berichten für noch strenger in der Gottesehrfurcht gehalten als sein Vater selbst. Ein weiterer Sohn hat wertvolle Nachrichten über seinen Vater überliefert und war selbst als verlässlicher Erzähler bekannt.

Das Vermächtnis der Töchter

Von Fudayls letzten Tagen berichtet eine besonders anrührende Überlieferung. Er hatte zwei Töchter, und als sein Tod nahte, gab er seiner Frau ein Vermächtnis mit: Sie solle nach seinem Tod die beiden Mädchen zu einem bestimmten Hügel bei Mekka führen, die Hände erheben und beten: „O Herr, Fudayl hat mir in seinem Vermächtnis gesagt: Ich habe zu Lebzeiten, so gut ich konnte, für diese beiden anvertrauten Seelen gesorgt. Nun, da ich gestorben und ins Grab gelegt bin, gebe ich dieses Anvertraute Dir zurück.“

Als Fudayl gestorben und bestattet war, führte seine Frau die Töchter an den bezeichneten Ort und betete, wie ihr aufgetragen war, unter vielen Tränen. In diesem Augenblick zog der Herrscher eines fernen Landes mit seinen beiden erwachsenen Söhnen vorüber und sah die weinenden Frauen. Er fragte nach dem Grund, und als ihm die Frau die Geschichte erzählte, sprach er: „Lasst uns diese Töchter mit einer großzügigen Mitgift mit meinen Söhnen vermählen.“ Die Witwe des Fudayl willigte ein, ebenso die jungen Frauen und Männer selbst, und man reiste gemeinsam in jenes Land, wo die Eheschließungen unter großer Feierlichkeit vollzogen wurden. In dieser Erzählung, so einfach sie erscheinen mag, liegt eine tiefe Bestätigung dessen, was Fudayl sein Leben lang gepredigt hatte: dass Gott für den, der Ihm vertraut und die Seinen in Seine Obhut übergibt, in unerwarteter Weise sorgt.

Sein Werk

Unter den wenigen schriftlichen Zeugnissen, die Fudayl ibn Iyad selbst hinterlassen haben soll, wird ein kurzes Werk über die geistige Verhüllung des Menschen genannt, dessen Handschrift sich bis heute in einer europäischen Bibliothek erhalten hat. Das eigentliche Vermächtnis des Fudayl liegt jedoch in der mündlich weitergetragenen Erinnerung an sein Leben und seine Worte, die von den frühesten Sammlern seiner Tradition sorgfältig bewahrt und über Generationen weitergegeben wurden. Gerade dieser mündliche Charakter seiner Überlieferung, das Weiterreichen von Herz zu Herz über Jahrhunderte hinweg, entspricht dem Wesen eines Mannes, dessen ganzes Leben ein einziges lautes Zeugnis für die Möglichkeit der Umkehr war.

Schluss

Fudayl ibn Iyad lehrt in seinem Leben eine Wahrheit, die sich in keinem Buch der Theologie so eindringlich zeigen lässt wie in der Erzählung eines gelebten Lebens: dass keine Vergangenheit so dunkel ist, dass sie das Licht der Umkehr auslöschen könnte, und dass ein einziger Satz, zur rechten Stunde vernommen, das Herz eines Wegelagerers in das Herz eines der größten frommen Männer seiner Zeit verwandeln kann. Von der nächtlichen Mauer, an der er einer Frau nachstellte, bis zur Nachbarschaft der Kaaba, wo er vierzig Jahre lang keine erste Gebetsreihe versäumte, führt ein Weg, der die ganze Spannweite der menschlichen Möglichkeit in sich trägt: vom Raub zur Rückgabe, von der Ehrfurcht vor den Menschen zur Ehrfurcht vor Gott, vom Zorn über den Mangel an anderen zum Wohlgefallen an dem, was Gott bestimmt.

Möge dieser Mann, der als Räuber begann und als Nachbar der Kaaba endete, der die Hand des mächtigsten Herrschers seiner Zeit ergriff, um ihn zu ermahnen, und der noch im Tod seines eigenen Sohnes das Wohlgefallen an Gottes Bestimmung nicht verlor, uns allen zum Vorbild werden. Möge sein Leben auch uns für den einen Satz öffnen, der uns erschüttern könnte, lange bevor wir wissen, wohin er uns führen würde.


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