Aus den „Tabaqat al-Kubra“/„Die großen Schichten“ des Imam ʿAbd al-Wahhab asch-Schaʿrani, Kapitel 292
Im Namen Gottes. Ha-Mim. Der Imam ʿAbd al-Wahhab asch-Schaʿrani hat in seinem Buch, seinem großen Sammelwerk über die Gottesfreunde, auch Muhyiddin Ibn Arabi ein Kapitel gewidmet. Wir geben dieses Kapitel hier vollständig ins Deutsche übertragen wieder, so wie asch-Schaʿrani es niedergeschrieben hat: als eine Folge von Zeugnissen, Begebenheiten und knappen Nachrichten, ohne eigene Zusätze und ohne Kürzungen.
Sein Ruf unter den Großen
Möge Gott mit ihm zufrieden sein.
Sein Ruf, wie ihn die Großen uns überliefert haben, lautet: ein Mann vollkommener und vollendeter Erkenntnis, ein Meister und zugleich ein prüfender Forscher. Kurz gesagt: einer der größten Menschen, die den Gipfel der Gotteserkenntnis erreicht haben. Mein Meister… Mein Meister… Mein Herr und Meister.
Von seinem Rang und seiner Begabung als Lehrer habe ich in seinem Buch Nasab al-Khirqa („Die Genealogie des Derwischgewande“) gelesen, das er mit eigener Hand geschrieben hat. Alle prüfenden Gelehrten sind sich darin einig, dass er auch in den übrigen Wissenschaften ein Meister war. Seine Bücher bezeugen es.
Die meisten von denen, die ihn ablehnen, tun das keineswegs in der Annahme, er sei einen falschen Weg gegangen. Sie tun es wegen der feinen Bedeutungen in seinen Worten, denn diese zu begreifen ist wahrhaft schwer. Anders lässt es sich nicht denken. Wer ihn ablehnt und seine Worte nicht gut findet, hat vielmehr die Tiefe der Bedeutung nicht recht verstanden, die er in seine Sätze gelegt hat. Deshalb sind sie den Weg der Ablehnung gegangen.
Ihre Begründung lautet: In seinen Sätzen liegt eine so tiefe Bedeutung, dass es sehr schwer ist, sie zu verstehen. Wer sich in sie hineinstürzt, ohne Askese geübt zu haben und ohne den geistigen Weg gegangen zu sein, in dessen Glauben entstehen Spuren des Zweifels, die sich nicht mehr tilgen lassen. Gott bewahre: In diesem Zustand sterben sie dahin und werden diese Spuren des Zweifels niemals mehr los.
Das Lobwort des Meisters Safi ad-Din
Sehr viele Große, wie Scheich Safi ad-Din ibn Abi l-Mansur, sehen in Muhyiddin Ibn Arabi einen Mann von hohem Rang und einen Träger der Stufe der Gottesfreundschaft. Für sie ist er ein Mann edler innerer Zustände, und in der Gotteserkenntnis halten sie ihn für weit überragend. Und im Wissen gilt ihnen dasselbe. Wir aber wollen hier ein Lobwort des Meisters Safi ad-Din über Muhyiddin Ibn Arabi wiedergeben. Er sprach:
„Er ist ein Meister und ein Imam, und zwar einer von denen, die vollkommen und vollendet sind und die Wirklichkeit gefunden haben. Man muss ihn an die Spitze der weit fortgeschrittenen, überragenden Träger der Erkenntnis stellen. Zugleich zählt er zu den Ersten in der Schar derer, die Gott nahestehen. Die Zeichen, die dem Reich des Verborgenen eigen sind, kannte und verstand er. Ihm waren heilige Hauche und geistige Atemzüge gegeben. Er besaß eine offene Welt des Herzens. Durch sie ging alles hindurch, dessen Kern er erreichte, und dort fand er es. Seine Welt der Enthüllung war offen und licht. Die Zustände, die er durch innere Schau erlangte, lassen sich nur als Wunder beschreiben. Die Geheimnisse, die er enthüllte, waren wahr, und die Bedeutungen, die er auf dem Weg der Erkenntnis gewann, waren klar. Und die Dinge, deren Wahrheit er fand und kundtat: Sie leuchteten so hell, dass es die Augen blendete. Die süßeste unter den Quellen der Vereinigung floss in sein Herz. Von dort empfing er seine Eingebungen. Auf der obersten Stufe der Leitern, die zum Reich der göttlichen Wahrheit emporführen, hatte auch er seinen Platz. In der Welt der inneren Festigung besaß er einen tief verwurzelten Rang. Das ist die Stufe, an der die Askese endet und der geistige Weg sein Ziel erreicht. Besonders im Wirken nach den Ordnungen der Gottesfreundschaft zog er weit ausholende Züge. Auch in diesem Ozean war er ein schneller Schwimmer. Und schließlich: Auf diesem Weg war er einer, auf den man nicht verzichten kann. Ihn so anzunehmen und seinen Rang auf diese Weise zu ehren, das gebührt ihm.“
Die Zeugnisse des al-Yafiʿi und des Abu Madyan
Es gibt sehr viele Große, die Lobreden auf Muhyiddin Ibn Arabi geschrieben haben, und sie alle sind Menschen, deren Wissen und Erkenntnis man vertrauen darf. Einer dieser Männer, deren Wesen und Wort vertrauenswürdig sind, ist Muhammad ibn Asʿad al-Yafiʿi, möge Gott mit ihm zufrieden sein. Er sagt über Muhyiddin Ibn Arabi: „Ein Träger der Erkenntnis, der zugleich den Zustand der Gottesfreundschaft im vollen Sinn erreicht hat.“
Auch Abu Madyan al-Maghribi ist einer der großen Gottesfreunde. Er bestätigt den Vorrang Muhyiddin Ibn Arabis und gibt ihm diesen Beinamen: der Sultan der Gotteserkennenden.
Seine Worte, seine Werke und die Kunde vom Eroberer
Eines muss man gut wissen: Der größte Beweis für die geistige Höhe eines Menschen sind die Bedeutungen in seinen Worten, dazu die weisheitsvollen Sätze, die er in seine Werke eingeflochten hat. Bei Muhyiddin Ibn Arabi findet sich fast alles davon. Möge Gott mit ihm zufrieden sein.
Die Werke Muhyiddin Ibn Arabis sind sehr zahlreich, und beinahe alle sind im Volk berühmt, besonders im Land Rum, also in Anatolien.
In einigen seiner Werke hat Muhyiddin Ibn Arabi die Eigenschaften des Eroberers Sultan Mehmed II. beschrieben, des Sohnes Sultan Osmans des Ersten und Ahnherrn Sultan Süleymans. Er schrieb, dass dieser Konstantinopel erobern werde, zu einer Zeit, als davon noch nichts zu sehen war. Dabei lagen zwischen ihm und jenem Sultan zwei Jahrhunderte.
Das Grabmal in Damaskus
In Damaskus wurde für ihn ein Grabmal mit großer Kuppel errichtet und daneben ein schönes Ordenshaus gebaut. Dort werden Speisen ausgegeben, den Bedürftigen wird geholfen, Reisende und Derwische werden gesättigt.
Menschen, die sein Grab in früherer Zeit durch ihre Notdurft beschmutzt und entweiht hatten, begannen später zu ihm zu eilen, um geistigen Frieden zu finden. Es waren Leugner von kurzem Verstand und engem Blick gewesen.
Mein rechtschaffener Bruder Hadschi Ahmad al-Halabi, dessen Haus ganz nahe am Grabmal Muhyiddin Ibn Arabis lag, hat mir eine Begebenheit berichtet, die er mit eigenen Augen gesehen hatte. Er erzählte:
„Es war nach dem Nachtgebet. Auf einmal sah ich, wie sich jemand dem Grabmal näherte, und in der Hand trug er ein Feuer. Es war einer von denen, die Muhyiddin Ibn Arabi schmähten, und seine Absicht war es, den Sarkophag zu verbrennen. Gerade als er das Feuer werfen wollte, erlosch es, und neben dem Grab öffnete sich unter seinen Füßen eine Grube. Mit einem Mal versank er darin, etwa neun Armlängen tief, und war verschwunden. Ich konnte bei alledem nur zusehen. Seine Hausleute vermissten ihn in jener Nacht, und als sie auszogen, um ihn zu suchen, gab ich ihnen Nachricht von dem, was geschehen war. Sie kamen, begannen an der Stelle zu graben, an der er versunken war, und fanden seinen Kopf. Sie wollten ihn herausziehen, doch vergebens: Er sank unaufhörlich weiter hinab. Je mehr sie gruben, desto tiefer sank er. So war es nicht möglich, ihn herauszuholen. Sooft sie weitergruben, versank der Kopf nur tiefer in der Erde. Schließlich wurden sie des Grabens müde, füllten die ausgehobene Stelle wieder auf und gingen davon.“
Sein Weg und sein Hinscheiden
In seiner Frühzeit schrieb Muhyiddin Ibn Arabi Gedichte für einige arabische Herrscher. Dann ließ er davon ab. Er gab sich ganz der Entsagung und dem Gottesdienst hin, wurde ein Reisender und zog von Land zu Land. Ägypten, Syrien, der Hedschas, das Land Rum: Durch alle diese Länder ist er gewandert, und wo immer er hinkam, schrieb er Werke.
Meister ʿIzz ad-Din ibn ʿAbd as-Salam lebte in Ägypten und war dort das Oberhaupt der Gelehrten. Anfangs griff er Muhyiddin Ibn Arabi an und sprach gegen ihn. Nachdem er sich aber dem Gesprächskreis des Abu l-Hasan asch-Schadhili angeschlossen hatte, begann er den Zustand und die Sprache der Gottesfreunde zu verstehen. Von da an legte er den Zustand der Gottesfreundschaft und die Erkenntnis Muhyiddin Ibn Arabis aus und erklärte sie denen, die sie nicht kannten. Später erkannte er auch dessen Rang als Pol an.
Das Hinscheiden Muhyiddin Ibn Arabis fällt in das Jahr 638 der Hidschra. Möge Gott sich seiner erbarmen und mit ihm zufrieden sein.
Die Lebensgeschichte dieses Mannes beschließen wir an dieser Stelle. Von seinen weiteren Erzählungen und seinen erhabenen Zuständen haben wir ausführlicher in unserem Werk Tanbih al-Aghbiya ʿala Qatra min Bahr ʿUlum al-Awliya („Die Belehrung der Unwissenden über einen Tropfen aus dem Meer des Wissens der Gottesfreunde“) berichtet. Gott der Erhabene weiß es am besten.
Möge Gott mit ihm zufrieden sein.
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