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Einfluss von Ibn Arabi auf Ahmad asch-Scharnubi

Im Namen Gottes. Ha-Mim. Zwischen den majestätischen Säulen der islamischen Geistesgeschichte erhebt sich eine Gestalt von außergewöhnlicher Größe: Muhyiddin Ibn Arabi (gest. 1240), jener Mann, den die Sufis ehrfürchtig „al-Schaikh al-Akbar“ (den „Größten Meister“) nennen. Seine monumentalen Werke, die Futuhat al-Makkiyya (die Mekkanischen Eröffnungen) und Fusus al-Hikam (die Ringsteine der Weisheiten), gleichen gewaltigen Ozeanen des Denkens, aus denen jahrhundertelang unzählige Ströme der Erkenntnis in alle Richtungen der islamischen Welt geflossen sind. Kein bedeutender Sufi der nachfolgenden Epochen konnte sich seiner magnetischen Anziehungskraft vollständig entziehen – auch Ahmad asch-Scharnubi nicht.

Die sufische Überlieferung

Doch die Art, wie diese geistige Begegnung stattfand, war weder zufällig noch oberflächlich. Sie vollzog sich durch jene goldene Kette der Übertragung, die das Herzstück aller sufischen Schulen bildet. Über seinen verehrten Lehrer Nureddinzade Muslihuddin Mustafa (gest. 1574), der seinerseits ein Schüler des legendären Sofyali Bali Efendi (gest. 1553) war, erreichte Ahmad asch-Scharnubi jene erhabene Lehre Wahdat al-Wujud ( Einheit des Seins). Diese Doktrin, die das innerste Geheimnis der Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung zu erhellen sucht, fand in ihm einen aufnahmebereiten Geist und ein empfängliches Herz.

Von der metaphysischen Theorie zur sufischen Praxis

Dennoch wäre es ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, Ahmad asch-Scharnubi habe die komplexen metaphysischen Konstruktionen Ibn Arabis lediglich nachgesprochen oder mechanisch reproduziert. Seine Größe lag gerade darin, dass er die erhabenen Höhen der Theorie in die Niederungen der praktischen Führung zu übersetzen wusste. Während Ibn Arabi und sein bedeutender Nachfolger Sadr ad-Din al-Qunawi (gest. 1274) ihre Gedanken in den kühnen Abstraktionen kosmischer Stufenleitern und ontologischer Hierarchien entfalteten, wandte sich Ahmad asch-Scharnubi der unmittelbaren Sprache des menschlichen Herzens zu.

In seinen Lehrversammlungen fanden die Zuhörer nicht die verschlungenen Diskussionen über die subtilen Abstufungen des Seins, die in den Gelehrtenkreisen von Damaskus oder Kairo erörtert wurden. Stattdessen vernahmen sie Erzählungen von Visionen, Berichte über die verborgenen Freunde Gottes, Schilderungen jener unmittelbaren Herzenserfahrungen und außergewöhnlichen Manifestationen, die den Glauben zum Leben erwecken und die Seele in Staunen versetzen. Seine Methode glich der eines Übersetzers, der die Gedanken aus einer erhabenen, aber schwer zugänglichen Sprache in die vertraute Mundart seiner Zeit und seines Volkes übertrug.

Vergleich mit Abd al-Karim al-Dschili

In dieser besonderen Art der Vermittlung ähnelte Ahmad asch-Scharnubi jenem anderen großen Interpreten Ibn Arabis: Abd al-Karim al-Dschili (gest. 1408), der im 15. Jahrhundert lebte, also mehrere Generationen vor Scharnubi. Beide teilten die Kühnheit der Vision, nach der die göttliche Essenz – jener erhabene Name adh-dhat – im vollendeten Sufi widerhallen und sich manifestieren kann. Diese Vorstellung war mehr als bloße Wiederholung überlieferter Formeln. Sie zeugte von einer eigenständigen geistigen Stimme innerhalb der großen Schule des größten Meisters.

Die Synthese von Lehre und Leben im Sufitum

So finden wir in Ahmad asch-Scharnubi eine bemerkenswerte Synthese verwirklicht. Mit einem Fuß stand er fest verwurzelt in der gewaltigen Tradition Ibn Arabis, schöpfte aus deren unerschöpflicher Tiefe und ließ sich von deren visionärer Kraft inspirieren. Mit dem anderen Fuß aber blieb er auf dem vertrauten Boden seiner eigenen Gemeinschaft stehen, den Bedürfnissen seiner Schüler zugewandt, den konkreten Fragen ihrer seelischen Entwicklung verpflichtet.

Diese doppelte Verankerung verlieh seinem Wirken jene besondere Kraft, die wahre geistige Führerschaft auszeichnet. Er war kein weltfremder Theoretiker, der sich in den Wolken der Spekulation verlor, aber auch kein oberflächlicher Popularisator, der die Lehre ihrer Tiefe beraubte. Vielmehr gelang ihm jene seltene Kunst der Vermittlung, die die Höhen des metaphysischen Denkens mit der Unmittelbarkeit der praktischen Führung zu verbinden weiß.

In dieser Fähigkeit zur Übersetzung lag vielleicht seine größte Gabe: Brücke zu sein zwischen dem unendlichen Ozean der Lehre und den durstigen Herzen, die sich um ihn versammelten. Wie ein erfahrener Bergführer, der die gefährlichen Pfade der Höhen kennt, aber auch die Grenzen und Möglichkeiten seiner Begleiter berücksichtigt, so führte er seine Schüler zu jenen Gipfeln der Erkenntnis, die Ibn Arabi erschlossen hatte, aber auf Wegen, die ihrer Fassungskraft und ihren Bedürfnissen entsprachen.

Die Entwicklung der Scharnubiyya

Diese besondere Begabung sollte sich als entscheidend für die Entwicklung der Scharnubiyya erweisen. Durch sie wurde diese sufische Bewegung nicht zu einer abgehobenen Schule gelehrter Spezialisten, sondern zu einer lebendigen Gemeinschaft, in der höchste Weisheit und praktische Frömmigkeit eine harmonische Einheit bildeten.

Ausblick auf das nächste Kapitel

Doch wie gestaltete sich das weitere Schicksal dieser Bewegung nach dem Tod ihres Gründers? Welche Wege nahm die Scharnubiyya in den Jahrhunderten nach Ahmad asch-Scharnubis Hinscheiden, und wie verbreitete sie sich von ihren bescheidenen Anfängen in den Dörfern des Nildeltas bis hin zu den prächtigen Tekken des Osmanischen Reiches? Im kommenden Kapitel werden wir verfolgen, wie sich ein Weg zwischen Nil und Bosporus entfaltete. Eine Geschichte der Ausbreitung und Verwurzelung, der Anpassung und Bewahrung, die das wahre Maß des Erbes offenbart, das Ahmad asch-Scharnubi der Nachwelt hinterlassen hatte.


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Ahmad asch-Scharnubi – Unter dem Licht Ibn Arabis (Teil 7)