Wundertat von Ahmad asch-Scharnubi und ihre Bedeutung
Im Namen Gottes. Ha-Mim. Die größten Wunder sind oft die stillsten, und die mächtigsten Zeichen jene, die nicht in prunkvollen Spektakeln erscheinen, sondern in der schlichten Verwandlung menschlicher Herzen. So verhält es sich auch mit den Berichten über Ahmad asch-Scharnubi, deren Wirklichkeit nicht in ihrer Außergewöhnlichkeit liegt, sondern in der Art, wie sie die Seelen seiner Zeitgenossen berührten und zum Guten wandelten.
Die Erzählungen über Ahmad asch-Scharnubi wären unvollständig, wenn man nicht auch von den außergewöhnlichen Begebenheiten spräche, die seine Schüler als karamat (göttliche Gnadengaben) überlieferten. Für den Scheich selbst waren diese Ereignisse niemals Selbstzweck oder Beweis seiner besonderen Stellung, sondern vielmehr Zeichen, die seine Anhänger zur Reue, zum Vertrauen auf Gott und zur unerschütterlichen Treue gegenüber Koran und Sunna (die prophetische Überlieferung) führen sollten. In dieser Haltung zeigt sich seine wahre Größe: nicht als Wundertäter, der Staunen erregen wollte, sondern als geistlicher Anführer, der jede außergewöhnliche Fügung als Gelegenheit zur seelischen Belehrung nutzte.
Die Verwandlung von Herzen als wahres Wunder
Eine der frühesten und aufschlussreichsten Geschichten berichtet von einem gewissen Hammad aus Scharnub, einem Mann, dessen Herz noch verschlossen war vor den Geheimnissen der Frömmigkeit. Er verspottete die Asketen und Sufis und sah Ahmad asch-Scharnubi einst am Grab Muhammed al-Aradschs, wie dieser mit ehrfürchtiger Hingabe ein Stück des Mantels des Heiligen betrachtete und berührte. Die Verachtung in Hammads Stimme war nicht zu überhören, als er höhnte: „Was tust du da, Ahmad? Du bist ja nicht einmal mehr ein einfacher Schafhirt.“
Doch Ahmad asch-Scharnubi antwortete mit jener ruhigen Gewissheit, die alle seine Worte prägte: „Es sind unsere Freunde, über deren Gräber ihr gedankenlos mit euren Schuhen tretet. Alles, was sie sagen, erscheint mir schön.“ Es waren Worte ohne Zorn, ohne Rechtfertigung, nur die schlichte Bekundung einer Liebe, die den Spott nicht verstand und ihm mit Sanftmut begegnete.
Am nächsten Morgen jedoch überkam Hammad eine unsichtbare Kraft, die ihn zu Boden warf. Erst zur Mittagszeit kam er wieder zu sich. Doch er war nicht mehr derselbe Mann, der am Vortag gespottet hatte. Geläutert, voller Reue und von da an aufrichtig in seinem Glauben, wurde er zu einem lebendigen Zeugnis für jene geheimnisvolle Macht, die nicht durch Streit oder Diskussion wirkt, sondern durch die stille Ausstrahlung eines gereinigten Herzens.
Ibrahim al-Laqqani und die Zawiya in Kairo
Auch Ibrahim al-Laqqani, jener außergewöhnliche Gelehrte, der später als Autor der berühmten Jawharat at-Tawhid (Perle der Einheitslehre) unsterblichen Ruhm erlangen sollte, berichtete von den prägenden Jahren seiner Jugend in der Zawiya (Versammlungshaus, geistliche Herberge) von Darb al-Ahmar in Kairo. Dort, so bezeugte er zeitlebens, habe er Worte der Weisheit von Ahmad asch-Scharnubi gehört, die er von keinem anderen Gelehrten seiner Zeit vernommen habe – Erkenntnisse, die wie kostbare Perlen aus den Tiefen einer von Gott erleuchteten Seele aufstiegen.

Besonders eindrücklich schilderte al-Laqqani eine Begebenheit, die sich tief in sein Gedächtnis eingegraben hatte: Einmal kam er mit einer Gruppe von Azhar-Gelehrten zum Scheich, und unterwegs entspann sich unter ihnen ein Gespräch über weltliche Gelüste. Der eine wünschte sich Feigen, der andere Vogelbeeren, ein dritter sehnte sich nach Honig und frischem Käse. Als sie schließlich bei Ahmad asch-Scharnubi ankamen, begrüßte er sie mit Worten, die sie alle in tiefes Erstaunen versetzten: „Willkommen, ihr, die ihr bereut habt, noch bevor ihr gesündigt habt.“
Und wie durch eine unsichtbare Hand geführt, ließ er Speisen vor ihnen erscheinen, so dass jeder genau das erhielt, was sein Herz zuvor heimlich begehrt hatte. Doch wichtiger als diese wundersame Speisendarreichung waren die Worte, mit denen er die Begebenheit abschloss: „Unser Weg ist der Weg von Koran und Sunna. In ihm gibt es weder Täuschung noch Neuerungen.“ Alle, die an jenem Tag bei ihm waren, schlossen sich seiner Bruderschaft an, nicht aus Staunen über das Wunder, sondern aus Überzeugung von der Klarheit seiner Lehre.
Berichte von Reisen und Visionen
Andere außergewöhnliche Ereignisse geschahen während seiner Reisen, jenen langen Wanderungen, die den Meister von der heimatlichen Zawiya bis in die fernen Länder des Osmanischen Reiches führten. Sulaiman ibn Salih, einer seiner treuesten Begleiter, erzählte von einer Begebenheit auf der Pilgerreise, die sich für immer in sein Gedächtnis eingeprägt hatte: Er sah die Gefährten des Scheichs still und regungslos stehen, doch während sie körperlich zu ruhen schienen, bewegte sich der Boden unter ihren Füßen stetig weiter, als trüge eine unsichtbare Kraft sie ihrem Ziel entgegen.
Als Sulaiman später seinen Meister nach dieser rätselhaften Erfahrung fragte, erhielt er eine Antwort, die charakteristisch war für Ahmad asch-Scharnubis Art, auch das Außergewöhnliche in Demut zu hüllen: „Das war nur für einige wenige unter ihnen bestimmt.“ Auch wenn er nie laut von seinen besonderen Fähigkeiten sprach, spürten die Schüler unmissverständlich: Hier war jemand, der über die sichtbare Ordnung der Dinge hinaus Zugang zu verborgenen Welten und deren geheimnisvollen Kräften besaß.
Weitere Überlieferungen und Deutung der Wunder
So ranken sich noch viele weitere Geschichten um seine Gestalt, jede ein Mosaikstein in jenem größeren Bild, das seine Schüler von ihrem verehrten Lehrer bewahrten: Da ist die Erzählung von dem Brief, der einem Jünger mitten in der seelischen Klausur überbracht wurde und ihm befahl, sofort den Rückzug zu verlassen und obwohl es gegen alle Regeln der Askese verstieß, gehorchte er dem geheimnisvollen Schreiben und fand später heraus, dass nur dieser Gehorsam ihn vor einer großen Gefahr bewahrt hatte.
Da ist die Geschichte von der weißen Kamelstute, die plötzlich aus dem Nichts erschien, um einen erschöpften Pilger zu retten, der allein und kraftlos in der Wüste zurückgeblieben war. Und da ist schließlich jene geheimnisvolle Antwort, die Ahmad asch-Scharnubi gab, als er in den Bergen bei Damanhur gefragt wurde, wo die gegenwärtige Reise ihr Ende finden würde: „In den fernen Ländern des Maghrib und auf den Olivenbergen.“ Und er fügte mit einem Lächeln hinzu, das nur die Eingeweihten zu deuten wussten: „Siehst du, mein Sohn – auch das ist der Berg Qaf.“ – jener mythische Berg, der in der islamischen Kosmologie die sichtbare von der unsichtbaren Welt scheidet.
Diese Erzählungen sind keine phantasievollen Märchen oder fromme Erfindungen späterer Generationen, sondern treue Spiegel der inneren Haltung seiner Schüler und der Art, wie sie ihren Meister erlebten und verstanden. Sie zeigen, wie sehr Ahmad asch-Scharnubi für sie zum lebendigen Zeichen wurde – nicht durch die Zurschaustellung übernatürlicher Macht, sondern durch die ständige, nie erlahmende Erinnerung an Gott, die von seinem ganzen Wesen ausging.
Die Wunder, von denen sie berichteten, waren für diese Männer nicht in erster Linie Beweise einer übermenschlichen Kraft oder Bestätigungen einer besonderen Heiligkeit. Sie waren vielmehr Wegweiser auf ihrer eigenen Suche nach Wirklichkeit, Zeichen, die ihnen halfen, die Grenzen des Gewöhnlichen zu durchbrechen und in jenen Bereich vorzudringen, wo das Herz unmittelbar die Nähe seines Schöpfers erfährt.
In dieser Deutung liegt vielleicht das eigentliche Geheimnis der Karamat des Ahmad asch-Scharnubi: Sie wirkten nicht nach außen, um die Welt zu beeindrucken, sondern nach innen, um die Seelen seiner Schüler zu verwandeln. Und in dieser stillen, unsichtbaren Wirkung zeigt sich jene Art von Wunder, die dauerhafter ist als alle spektakulären Ereignisse – die Verwandlung eines menschlichen Herzens von der Gleichgültigkeit zur Liebe, vom Zweifel zur Gewissheit, von der Zerstreuung zur Sammlung.
So bleibt Ahmad asch-Scharnubi auch in den Berichten über seine außergewöhnlichen Gaben jener bescheidene Diener Gottes, als den ihn seine Zeitgenossen kannten: ein Mann, der die Wunder nicht suchte, aber dem sie begegneten, weil sein ganzes Leben ein einziges Wunder der Hingabe war. Und in dieser Hingabe, nicht in den außergewöhnlichen Ereignissen selbst, liegt das bleibende Zeugnis seiner spirituellen Größe. Wir werden dort fortsetzen, wo wir aufgehört haben.
Um das Audiomaterial zu diesem Beitrag auf YouTube zu verfolgen, klicke darauf.
Und um den Beitrag auf Substack anzusehen, klicke darauf.