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Im Namen Gottes. Ha-Mim. Dieses monumentale Werk stammt aus der Feder des erhabenen Meisters der Qadiriyya-Tradition, des Königs der Heiligen, Abd al-Qadir al-Dschilani (gest. 561/1166), und repräsentiert einen Gipfelpunkt der sufischen Erbauungsliteratur. Das Opus magnum entstand durch die sorgfältige Kompilation der Unterweisungen, die der große Meister in seinen spirituellen Versammlungen, in der Sufi-Konvent und in den Lehrzirkeln erteilte. Sein Sohn Abd ar-Razzaq zeichnete diese kostbaren Belehrungen auf und gliederte sie in achtundsiebzig wertvolle Abschnitte.

Die Betitelung „Futuh al-Ghayb“ (Die Eröffnungen des Verborgenen) ist keineswegs arbiträr gewählt. Diese eindrucksvolle Bezeichnung verweist darauf, dass al-Dschilani diese Erkenntnisse durch göttliche Inspiration unmittelbar aus transzendenten Sphären empfing.

Das Heiligtum von Abd al-Qadir al-Dschilani

In der sufischen Überlieferung wird eine bemerkenswerte Erzählung über das Zustandekommen von Futuh al-Ghayb überliefert. Demnach unterbrach al-Dschilani in seinen Versammlungen in Bagdad mitunter unvermittelt seine Rede, versank in ein tiefes Schweigen und äußerte anschließend höchst eindringliche Ermahnungen, ohne sich dabei auf einen zuvor vorbereiteten Text zu stützen. Die Anwesenden berichteten, dass diese Worte unmittelbar ihren jeweiligen inneren Zuständen entsprachen und die Fragen ihrer Herzen direkt berührten. Daher wurde das Werk unter Sufis nicht lediglich als ein niedergeschriebenes Buch verstanden, sondern als Ansprachen, die unmittelbar an das Herz der jeweiligen Zeit und des jeweiligen Zustands gerichtet sind.

Das Werk beginnt mit der Thematik der Befolgung göttlicher Gebote, der Meidung des Verbotenen und der Ergebenheit in das Schicksal. Es kulminiert in einem kraftvollen Kapitel über die Notwendigkeit des spirituellen Kampfes gegen die niederen Triebe. Im Epilog finden sich die goldwerten Ratschläge des Scheichs an seine Nachkommenschaft sowie Berichte über seine letzten Tage und sein Ableben. Futuh al-Ghayb behandelt die zentralen Topoi des Sufitums:

1- Das wahre Wesen des irdischen Daseins,

2- Die Stufen der Weltentsagung,

3- Das Bewusstsein der Gottesfurcht,

4- Die Realität der spirituellen Armut und des inneren Reichtums,

5- Die Balance zwischen Ehrfurcht und Hoffnung,

6- Die Stationen der Zufriedenheit und Ergebenheit,

7- Die Etikette der Schülerschaft und das Licht der sufischen Schau,

8- Der Weg der Gotteserkenntnis und die Läuterung der Seele.

All diese subtilen Materien werden in einer klaren, allgemein verständlichen, dennoch wirkungsmächtigen Sprache dargelegt. Dieses Hauptwerk erfuhr Kommentierungen durch bedeutende Autoritäten der islamischen Wissenschaften: Ibn Taymiyya verfasste mit seinem „Scharh Kalimat min Futuh al-Ghayb“ (Kommentar zu ausgewählten Worten aus den Eröffnungen des Verborgenen) eine profunde Exegese von sechs Kapiteln des Werkes. Bemerkenswert ist, dass Ibn Taymiyya, der gemeinhin als Kritiker sufischer Strömungen bekannt ist, Abd al-Qadir al-Dschilani mit ausgesprochener Reverenz begegnet und dessen Gedankengut affirmiert – eine Haltung, die sich durch die gemeinsame Zugehörigkeit zur hanbalitischen Rechtsschule erklären lässt. Auch Abd al-Haqq ad-Dihlawi widmete dem Werk einen Kommentar, wodurch dessen Wirkungsradius über geographische Grenzen hinaus expandierte. Der König der Heiligen, der zeitlebens niemals vom Bewusstsein der göttlichen Einheit abwich, artikuliert in diesen unvergleichlichen Abhandlungen:

1- Die Dringlichkeit der Vermeidung des Götzendienstes,

2- Die Notwendigkeit, das Herz ausschließlich dem Erhabenen und Majestätischen zu weihen,

3- Die überragende Tugend der Geduld,

4- Die Essenz der Gottesehrfurcht,

5- Die Harmonie zwischen exoterischem und esoterischem Wissen – all dies in einer faszinierenden Eloquenz und mit imposanter Eindringlichkeit.

Porträt von ihm - Entstanden im Mogulreich um ca. 1680

Weitere Meisterwerke dieses spirituellen Titanen:

1- Ghunyat at-Talibin (Die Genüge der Suchenden),

2- Hizb al-Basaʾir wa-l-Khayrat (Die Litanei der Einsichten und Wohltaten),

3- Gilaʾ al-Khatir (Die Läuterung des Inneren),

4- Malfuzat Giylani (Gesammelte Aussprüche),

5- Maktubat (Briefsammlung),

6- Sirr al-Asrar wa-Mazhar al-Anwar (Das Geheimnis der Geheimnisse und die Manifestation der Lichter),

7- as-Sirag al-Wahhag fi Laylat al-Miʿrag (Die strahlende Leuchte der Himmelfahrtsnacht),

8- al-Fath ar-Rabbani (Die göttliche Eröffnung),

9- al-Fuyudat ar-Rabbaniyya (Die göttlichen Ergießungen),

10- Bahgat al-Asrar (Die Freude der Geheimnisse),

11- al-Mawahib ar-Rahmaniyya (Die Gaben des Allerbarmers),

12- Yawaqit al-Hikam (Die Juwelen der Weisheit),

13- Diwan Gawth al-Aʿzam (Dichtungssammlung des größten Beistands).

Zuvor hatten wir bereits einen Artikel über den erhabenen Qutb Abd al-Qadir al-Dschilani veröffentlicht. In diesem Artikel präsentieren wir euch nun die direkte, kommentarlose Übersetzung der ersten neuen Abschnitte besagten Werkes, also der Ermahnungen. Möge Allah es bescheren, dass wir eines Tages das gesamte Werk übersetzt haben werden.

Die ersten zwei Seiten des Werkes Futuh al-Ghayb von Abd al-Qadir al-Dschilani

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1

VON DEM, WAS JEDEM GLÄUBIGEN OBLIEGT

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist und den Er zufrieden stellte: Einem jeden Gläubigen obliegen in allen seinen Zuständen drei Dinge:

a) Der Gehorsam gegenüber dem Gebotenen,

b) Das Unterlassen des Verwehrten,

c) Die Ergebenheit in das Schicksal.

In welchem Zustande er sich auch befinden mag – kein Gläubiger vermag sich auch nur einem dieser drei Dinge zu entziehen. Daher geziemt es ihm, sein Herz mit dem Bedacht um diese zu erfüllen, sich ihrer zu jeder Stunde zu erinnern und mit allen seinen Gliedern in jedwedem Zustand und Tun daran festzuhalten.

2

VON DER EMPFEHLUNG ZUM GUTEN

Folget nach und treibet keine Neuerungen! Gehorchet und weichet nicht ab! Vereiniget euch und gesellet nichts bei! Preiset den Wahren und bezichtiget Ihn nicht! Bejahet und zweifelt nicht! Seid geduldig und lasset euch nicht von Furcht überwältigen! Beharret und fliehet nicht! Begehret und verzaget nicht! Wartet und schauet aus, doch verfallet nicht der Hoffnungslosigkeit! Seid einander Brüder und nicht Widersacher! Vereiniget euch im Gehorsam und verfallet nicht in Zwiespalt! Liebet einander und heget keinen Groll gegeneinander! Reiniget euch von den Sünden und besudelt euch nicht mit ihnen! Schmücket euch mit dem Gehorsam gegenüber eurem Herrn! Weichet nicht von der Pforte eures Meisters! Wendet euch nicht ab von der Hinwendung zu Ihm! Zögert nicht mit der Reue! Ermüdet nicht darin, euren Schöpfer um Vergebung zu bitten in den Stunden der Nacht und des Tages! Auf solche Weise werdet ihr die Barmherzigkeit erlangen und glückselig werden. Ihr werdet vor dem Feuer bewahrt werden. Im Paradies werdet ihr erfreut werden. Zu Allah werdet ihr geführt werden. Im Hause des Friedens werdet ihr der Wonne teilhaftig werden. In diesem seligen Zustande werdet ihr auf ewig verweilen. Edle Gefährtinnen werden euch zuteil sein. Mit den Reinen des Paradieses, mit jeglicher Art von Schönheit und mit himmlischen Klängen werdet ihr erfreut werden. Mit den Propheten, den Wahrhaftigen, den Märtyrern und den Rechtschaffenen werdet ihr emporgehoben werden.

3

VON DER PRÜFUNG

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist: Wenn der Diener durch ein Unglück geprüft wird, so bemüht er sich zunächst aus eigener Kraft. Vermag er sich nicht allein daraus zu befreien, so sucht er Hilfe bei Königen, bei Inhabern von Ämtern, bei den Leuten der Welt und bei den Besitzern von Macht und Einfluss. Im Falle von Krankheit und Schmerz wendet er sich an die Kundigen der Heilkunst und dergleichen Menschen. Findet er auch da keine Abhilfe, so wendet er sich mit Bittgebet, Flehen und Lobpreisung seinem Herrn zu.

Ist er aus eigener Kraft erfolgreich, so nimmt er nicht seine Zuflucht zu den Geschöpfen. Findet er bei den Geschöpfen Rettung, so nimmt er nicht seine Zuflucht zum Schöpfer. Findet er aber auch beim Schöpfer keine Rettung, so wirft er sich beständig mit Bitten und Gebeten, mit Flehen und Lobpreisung, mit Furcht und Hoffnung sowie in seiner Bedürftigkeit vor Seiner Gegenwart nieder. Nach einiger Zeit versetzt ihn der Schöpfer – erhaben und majestätisch ist Er – in einen Zustand, in dem er nicht mehr zu beten vermag, und Er antwortet ihm nicht, bis jener von allen Mitteln losgelöst ist.

Sodann vollzieht Er an ihm das Urteil des Schicksals. Er vollbringt an ihm Sein Werk. Schließlich vergeht der Diener in jeglicher Art von Ursache und Bewegung und bleibt somit allein als Geist bestehen. Er schaut einzig das Wirken des Wahren. Notwendigerweise wird er zum Besitzer der Gewissheit und der göttlichen Einheit. Mit Bestimmtheit erkennt er, dass es in der Wahrheit keinen Wirkenden außer Allah gibt. Außer Ihm gibt es weder einen Bewegenden noch einen zur Ruhe Bringenden. Gutes oder Böses, Nutzen oder Schaden, Geben oder Verwehren, Öffnen oder Verschließen, Tod oder Leben, Ehre oder Erniedrigung – all dies liegt allein in der Hand Seiner Macht – erhaben und majestätisch ist Er.

So wird er hinsichtlich des Schicksals wie der Säugling in den Händen der Amme, wie der Leichnam in den Händen des Totenwäschers, wie die Kugel am Ende der Schleuder: Er wird gedreht, verändert und umgewandelt. Weder über sich selbst noch über andere vermag er irgendeine Wirkung auszuüben. Er hat sich im Wirken seines Meisters verloren. Er sieht nichts außer seinem Meister und Dessen Wirken. Er vernimmt Sein Wort, er kennt Sein Wissen, er wird durch Seine Gnade beschenkt. Durch Seine Nähe wird er glückselig, durch die Annäherung an Ihn wird er geschmückt und geehrt, durch Sein Versprechen wird er zufrieden und findet Ruhe, in Ihm findet er Beruhigung, mit Seinem Wort wird er vertraut, von allem außer Ihm entfremdet er sich und entfernt sich. Er nimmt seine Zuflucht zu Seinem Gedenken und neigt sich Ihm zu, er vertraut auf Ihn, er verlässt sich auf Ihn, er findet seinen Weg durch das Licht der Gotteserkenntnis und kleidet sich in dieses Licht, er wird der Wunder Seiner Wissenschaften gewahr, er wird der Geheimnisse Seiner Macht kundig, er hört von Ihm und versteht. Daraufhin dankt er mit Lobpreisung und Verherrlichung und betet.

4

VOM GEISTIGEN TOD

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist und den Er zufrieden stellte: Wenn du gegenüber den Geschöpfen erstorben bist, wird zu dir gesprochen: „Allah erbarme sich deiner und lasse dich nun von der Begierde ersterben!“ Wenn du von der Begierde erstorben bist, wird zu dir gesprochen: „Allah erbarme sich deiner und lasse dich von deinem Eigenwillen und deinem Begehren ersterben!“ Wenn du von deinem Eigenwillen erstorben bist, wird zu dir gesprochen: „Allah erbarme sich deiner und belebe dich mit einem Leben, nach dem es keinen Tod mehr gibt! Mögest du reich gemacht werden mit einem Reichtum, nach dem es keine Armut mehr gibt, mögest du beschenkt werden mit einer Gabe, nach der es keine Entbehrung mehr gibt, mögest du erleichtert werden mit einer Erleichterung, nach der es kein Unglück mehr gibt, mögest du gesegnet werden mit einer Gnade, nach der es keine Mühsal mehr gibt, mögest du unterwiesen werden mit einem Wissen, nach dem es keine Unwissenheit mehr gibt, mögest du geführt werden zu einer Sicherheit, nach der es keine Furcht mehr gibt. Mögest du glückselig sein und nicht unglücklich, mögest du geehrt werden und nicht erniedrigt, mögest du nahegebracht werden und nicht entfernt, mögest du erhöht werden und nicht erniedrigt, mögest du verherrlicht werden und nicht verachtet, mögest du geläutert werden und nicht besudelt.“

Auf dass deine Hoffnungen sich verwirklichen mögen, auf dass deine Worte bestätigt werden mögen. So wirst du zu kibrit ahmar [Symbol höchster spiritueller Vollkommenheit], den kein Auge erschaut, zu einem Erhabenen ohnegleichen, zu einem Auserwählten ohne Gefährten, zu einem Einzigartigen ohne Ebenbild. Du wirst Eins für den Einen, Paar für das Paar, Verborgenes für das Verborgene, Geheimnis für das Geheimnis. Alsdann wirst du Erbe eines jeden Propheten, Wahrhaftigen und Gesandten. Mit dir wird das Heiligentum besiegelt. Zu dir kehren die Abdal zurück. Durch dich werden die Sorgen behoben. Durch dich fällt der Regen. Durch dich gedeihen die Pflanzen. Und durch dich werden die Heimsuchungen abgewehrt von den Erwählten und den Gemeinen, von denen an den Grenzen, von Hirten und Herde, von den Imamen und der Gemeinde sowie von allen Menschen. Du wirst Gebieter der Länder und der Diener sein. Zu dir wenden sich die Füße, zu dir die Hände mit Gabe und Rede, in allen Zuständen die Dinge und die Zungen – mit wohlgefälligem Gedenken, mit Lobpreisung und Verherrlichung und mit jeglichen Befindlichkeiten, mit der Erlaubnis des Schöpfers. Keine zwei Menschen unter den Gläubigen werden über dich in Zwiespalt geraten. O du Vorzüglichster derer, die auf Erden weilen und darauf wandeln! „Das ist Allahs Huld. Er gewährt sie, wem Er will, denn Allah ist der Besitzer grosser Huld.“ (Sure Dschumuʿa, Vers 4)

5

VON DER WELT UND DER ERMAHNUNG, IHR KEINE BEACHTUNG ZU SCHENKEN

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist: Wenn du einen Blick auf die Welt wirfst und ihr Äußeres berührst, so erscheint sie mit all ihrer Anziehungskraft und ihren Nichtigkeiten in den Händen ihrer Besitzer wie etwas Weiches. Doch ihr Inneres ist abscheulich durch ihre Habgier, ihre tödlichen Gifte, die Schnelligkeit, mit der sie vernichtet, und dadurch, dass sie denjenigen tötet, der sich durch sie täuschen lässt.

Gleich jenem, der einen Mann erblickt, welcher an offenem Orte mit entblößter Scham seine Notdurft verrichtet: Er wendet seinen Blick von ihm ab und hält sich die Nase zu wegen des Gestanks und der Widerwärtigkeit. So sollst auch du hinsichtlich der Welt sein. Wenn du sie erblickst, wende deinen Blick ab von ihrem Schmuck und halte dir die Nase zu vor dem Geruch ihrer Begierden und Vergnügungen. Auf solche Weise wirst du sowohl vor ihr als auch vor ihren Übeln bewahrt bleiben.

Allah, der Erhabene, sprach zu Seinem Propheten al-Mustafa: „Und richte deine Augen nicht auf das, das Wir einigen von ihnen als Glanz des irdischen Lebens geniessen lassen, um sie dadurch zu prüfen. Die Versorgung deines Herrn ist besser und beständiger.“ (Sure Taha, Vers 131)

6

VOM SICH-LÖSEN VON DEN MENSCHEN

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist: Löse dich mit Allahs Erlaubnis von den Menschen (werde in ihnen zunichte). Löse dich gemäß Allahs Gebot „Und vertraut auf Allah, wenn ihr Gläubige seid“ (Sure al-Maʾida, Vers 23) von deiner Begierde und deinen Gelüsten. Und löse dich durch Allahs Wirken auch von deinem Eigenwillen. Wenn du dies getan hast, vermagst du ein Gefäß für Allahs Wissen zu werden.

Das Zeichen dafür, dass du dich von den Menschen gelöst hast (in ihnen zunichte geworden bist), ist, dass du die Beziehungen zu ihnen beendest und die Hoffnung auf das aufgibst, was in ihren Händen liegt – dass du auch nicht die geringste Erwartung an sie hegst.

Das Zeichen dafür, dass du dich von deiner Begierde und deinen Gelüsten gelöst hast, ist, dass du das Festhalten an den Mitteln aufgibst – sowohl hinsichtlich des Erlangens dessen, was dir nützt, als auch hinsichtlich des Meidens dessen, was dir schadet. Wenn du diese Station erreichst, findet sich in dir nicht die geringste Regung mehr. Du bemühst dich nicht um das Erlangen oder Abwehren irgendeiner Sache, die dir Schaden oder Nutzen bringt. Du schützt dich nicht und fliehst nicht. All dies überantwortest du Allah. Denn Allah, der dies am Anfang auf sich genommen hat, wird es auch am Ende auf sich nehmen. Schon im Mutterleib und in der Zeit deiner Kindheit war Er es, der dich behütete und über dich wachte.

Das Zeichen dafür, dass du dich durch Allahs Wirken von deinem Eigenwillen gelöst hast – dass du also alle deine Angelegenheiten Allahs Wirken überlassen hast –, ist, dass du keinerlei Wunsch und Absicht mehr hegst und dass keine Begierde mehr in dir verbleibt, deren Erfüllung du dir wünschst oder nach der du verlangst. Denn du begehrst nichts anderes neben Allahs Willen. Über dir wirkt einzig Allahs Tat. Wenn Allahs Wille und Wirken sich verwirklicht, wirst du still und findest Ruhe im Herzen. Deine Brust weitet sich, dein Antlitz wird leuchtend, und im Vertrauen auf den Schöpfer aller Geschöpfe bist du keines Geschöpfes bedürftig. Die Hand der Macht wendet dich hin und her, die Sprache der Ewigkeit ruft dich. Der Herr aller Religionen unterweist dich, kleidet dich in Lichter und besondere Gewänder. Er gewährt dir die Station der Wissenden der ersten Zeit. So wirst du zerbrochen und verbleibst in diesem Zustand. Gleich einem durchlöcherten Gefäß, das keine Flüssigkeit zu halten vermag, findet auch in dir kein Eigenwille und keine Begierde mehr einen Platz zum Verweilen. Schließlich wirst du vollkommen gereinigt von den menschlichen Eigenschaften. In deinem Inneren bleibt nichts außer Allahs Willen.

Alsdann manifestieren sich in dir die Zeichen der Eigenschaft des Erschaffens, und dir widerfahren außergewöhnliche Zustände. Dies zeigt sich sowohl in deinen Taten als auch in deinen Worten. In Wahrheit ist dies Allahs Wirken und Wille über die Schöpfung. Sodann trittst du ein in die Schar derer mit gebrochenem Herzen. Jene, deren menschlicher Wille zerbrochen wurde, denen die ihrem Menschsein entspringenden Begierden genommen wurden und denen ein göttlicher Wille verliehen ward. So sprach der Prophet Muhammad (Friede und Segen sei auf ihm): „Mir wurden aus eurer Welt drei Dinge lieb gemacht: Wohlgeruch und Frauen und mein Augentrost ward im Gebet gewährt.“ Nachdem sein eigenes Wirken und sein eigener Wille völlig zunichte geworden waren, begann sich in ihm die Eigenschaft des Erschaffens aufs Neue zu zeigen – dies geschah aus den Gründen, die wir oben dargelegt haben.

Allah, der Erhabene, spricht [in einem heiligen Hadith]: „Ich bin bei denen, deren Herzen um Meines Wohlgefallens willen zerbrochen sind.“ Denn solange du nicht all deine Begierden und deinen Eigenwillen verleugnest – sie von dir entfernst –, ist Allah nicht mit dir. Wenn du aber zerbrochen bist und zu einem Gefäß geworden, das keine Flüssigkeit mehr zu halten vermag, erschafft Allah dich von neuem und verleiht dir einen Willen. Und du begehrst mit diesem Willen. Wenn du durch diesen neuen, dir verliehenen Willen erneut Dasein erlangst, zerbricht Allah ihn abermals, und dies währt fort, bis die Stunde des Todes kommt und die große Begegnung sich ereignet. Dies ist die Bedeutung des Wortes: „Ich bin bei denen, deren Herz um Meines Wohlgefallens willen zerbrochen ist.“ Mit den Worten „durch den neuen Willen erneut Dasein erlangen“ meinen wir, dass man sich daran vollkommen gewöhnt.

In einem heiligen Hadith spricht Allah, der Allmächtige: „Mein Diener nähert sich Mir durch freiwillige Werke immer mehr, bis Ich ihn schließlich liebe. Und wenn Ich ihn liebe, werde Ich sein hörendes Ohr, sein sehendes Auge, seine greifende Hand und sein schreitender Fuß.“ In einer anderen Überlieferung heißt es: „[…] durch Mich hört er, durch Mich greift er und durch Mich denkt er. (Wenn er Mich bittet, gebe Ich ihm; wenn er bei Mir Zuflucht sucht, beschütze Ich ihn.)“ Dies verwirklicht sich allein im Zustand des fanaʾ (Zunichtewerdens).

Die Menschen haben Gutes und Böses, und so hast auch du. Wenn du dich von den Menschen und von deinem Selbst gelöst hast und weder ihr Gutes erhoffst noch ihr Böses fürchtest, bleibt allein Allah übrig – wie eh und je. In Allahs Schicksal liegt Gutes und Böses. Doch Er bewahrt dich vor seinem Übel und taucht dich in das Meer des Guten. So wirst du zum Gefäß aller Güter, zur Festung aller Gaben, aller Freuden, aller Lichter von Sicherheit und Frieden. Das Zunichtewerden, die Wünsche, die Begehrungen und die angestrebten Ziele haben ein Ende. Dort endet der Weg der Heiligen. Dieses Ende ist die Richtung, die die großen Heiligen und die Abdal zu erlangen begehren: ihren eigenen Willen mit dem Willen des Wahren zu vertauschen. Von da an begehren sie bis zu ihrem Tod stets mit dem Willen des Wahren. Darum haben sie den Namen Abdal (die Vertauschenden, die Ersetzenden) erhalten. Möge Allah mit ihnen zufrieden sein.

Die Verfehlungen dieser Großen bestehen darin, dass sie aus Versehen, aus Vergesslichkeit, überwältigt vom Zustand, in dem sie sich befinden, ihrer selbst verlustig gehend, ihren eigenen Willen dem Willen des Wahren gleichsetzen. Wenn sie dies tun, eilt Allah ihnen in Seiner Barmherzigkeit zu Hilfe, erweckt sie aus ihrem Schlaf und erinnert sie an ihr Versehen. Sogleich kommen sie zu sich und bitten ihren Herrn um Vergebung. Denn es gibt kein Geschöpf, das vor dem Eigenwillen völlig bewahrt wäre – außer den Engeln.

Die Engel sind vor dem Eigenwillen bewahrt, die Propheten aber sind vor bösen Begierden bewahrt. Die übrigen der Verantwortlichen unter Menschen und Dschinn sind vor beidem nicht bewahrt. Doch es geschieht, dass manche Heilige vor den bösen Begierden und die Abdal vor dem Eigenwillen bewahrt werden. Aber vor beidem zugleich werden sie nicht bewahrt. Das heißt: Es kann vorkommen, dass sie bisweilen bösen Begierden oder dem Eigenwillen zuneigen. Doch Allah eilt ihnen in Seiner Barmherzigkeit zu Hilfe und erweckt sie aus ihrem Schlaf.

7

VOM BESEITIGEN DES KUMMERS AUS DEM HERZEN

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist: Tritt heraus aus deinem Selbst (nafs) und entferne dich von ihm. Trenne dich von allem, was dir gehört, und übergib alles Allah. Sei an der Pforte des Herzens Sein Pförtner. Halte Seinen Befehl ein und lass nur jene ein, denen Er befiehlt einzutreten. Jene aber, deren Eintritt Er nicht wünscht, lass nicht ein. Lass deine bösen Begierden, nachdem du sie aus dem Herzen vertrieben hast, nicht wieder hinein.

Die Begierden werden aus dem Herzen vertrieben, indem man dem Selbst zuwiderhandelt und ihm unter keinen Umständen folgt. Ins Herz gelangen sie hingegen, indem man ihnen gehorcht und ihnen nachfolgt.

Begehre nichts außer Seinem Willen. Alles andere als Er ist ein leerer Wunsch und die Ebene der Toren. Wenn du von Seinem Willen abweichst, stirbst du, gehst zugrunde, fällst aus Seiner Gunst und Allah verhüllt Sein Wesen vor dir.

Halte allezeit Sein Gebot ein, fliehe vor Seinem Verbot, ergib dich Seinem Schicksal und geselle Ihm niemanden bei. Dein Eigenwille, deine Begierde, deine Gelüste – all dies ist gänzlich Seine Schöpfung. Begehre nicht und wünsche nicht, auf dass du nicht zum Beigesellenden werdest. Allah, der Erhabene, spricht: „[…] Wer also auf die Begegnung mit seinem Herrn hofft, soll gute Taten verrichten und in der Anbetung seines Herrn niemanden neben Ihn stellen.“ (Sure al-Kahf, Vers 110)

Beigesellung bedeutet nicht allein die Anbetung von Götzen. Auch dass der Mensch den Begierden seines Selbst folgt und neben seinem Herrn irgendetwas von der Welt und ihrem Inhalt oder vom Jenseits und seinem Inhalt für sich beansprucht, ist Beigesellung. Denn alles außer Allah ist ein Anderes als Er. Wer sich zu einem Anderen neigt, hat Allah etwas beigesellt. Hüte dich und neige dich nicht! Fürchte dich und vertraue nicht! Forsche und sei nicht achtlos! Auf diese Weise wirst du Frieden finden.

Behaupte nicht, dass du dich in irgendeinem Zustand (hal) oder auf irgendeiner Station (maqam) befindest. Wird dir ein Zustand geschenkt oder wirst du zu einer Station erhoben, so wünsche dir nicht, in einem dieser Zustände zu verweilen. Denn Allah – gepriesen sei Er – ist jeden Tag in Wirksamkeit und vollzieht gewisse Fügungen und Veränderungen über die Geschöpfe. Er – gepriesen sei Er – tritt zwischen den Menschen und sein Herz und vernichtet den Zustand, den du anderen mitgeteilt hast. Da siehst du plötzlich, wie die Station, von der du dir eingebildet hattest, sie werde dauern und sich nicht ändern, sich wandelt. Dann schämst du dich vor demjenigen, dem du Kunde gegeben hast. Bewahre dies vielmehr für dich und breite es nicht vor anderen aus.

Wenn dieser Zustand beständig bleibt und nicht verändert wird, so erkenne, dass dies dir eine Gabe ist, und bitte darum, dass du ihren Dank zu erfüllen vermagst. Bewahre den Zustand, den du in dir siehst.

Bleibt dein Zustand nicht beständig und wird er verändert, so ist auch dies von Nutzen. Denn es mehrt dein Wissen, deine Gotteserkenntnis, dein Licht, deine Wachsamkeit und deine geistige Zucht. Allah – gepriesen sei Er – spricht: „Wenn Wir einen Vers aufheben oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen Wir einen besseren oder einen gleichwertigen hervor. Weisst du denn nicht, dass Allah der Fähige ist?“ (Sure al-Baqara, Vers 106)

Schreibe Allah also keine Ohnmacht in Seiner Macht zu, beschuldige Ihn nicht in Seinem Ratschluss und Seiner Fügung und zweifle nicht an Seinem Versprechen. Nimm in dieser Sache den Gesandten Allahs (Friede und Segen sei auf ihm) zum Vorbild. Verse und Suren, deren Urteile angewandt wurden, die in den Gebetsnischen rezitiert und in den Koranexemplaren niedergeschrieben waren, wurden aufgehoben und durch andere ersetzt. Dies ist die Veränderung, die sich im Äußeren der Religion – also im Bereich der Rechtswissenschaft – ereignet hat.

Was aber sein Inneres und sein Wissen sowie seinen Zustand zwischen ihm und Allah betrifft, so spricht er: „Wahrlich, mein Herz wird von einer Wolke bedeckt, und ich bitte um Vergebung siebzig Mal“ – nach einer anderen Überlieferung: „hundert Mal – am Tag.“ Der Gesandte Allahs (Friede und Segen sei auf ihm) wurde von einem Zustand in einen anderen versetzt. Er wurde in den Stationen der Nähe und auf den Feldern des Verborgenen umhergeführt, und seine Gewänder aus Licht wurden unaufhörlich gewechselt. Wenn dies geschah, erkannte der Prophet (Friede und Segen sei auf ihm), dass sein vorheriger Zustand im Vergleich zum nachfolgenden dunkel, mangelhaft und nachlässig im Bewahren der Grenzen war. Alsdann ward ihm eingegeben, um Vergebung zu bitten. Denn die Bitte um Vergebung (istighfar) und das Reuigsein sind die schönsten aller Zustände des Dieners. Denn Reue (tawba) bedeutet, dass der Mensch seine Sünde und seinen Fehler eingesteht. Reue und Vergebungsbitte sind zwei Eigenschaften, die der Diener in allen seinen Zuständen besitzen sollte. Diese beiden sind ein Erbe, das sich von Adam, dem Vater der Menschheit, bis zu Muhammad al-Mustafa (Friede und Segen sei auf ihm) fortgesetzt hat.

Da war das Herz Adams – während es noch rein war – in die Finsternis des Vergessens dessen gefallen, was er versprochen hatte, und er wünschte sich, auf ewig in der Wohnstatt des Heils, in der Nachbarschaft Allahs, des Allerbarmers und Allgütigen, zu verweilen, und dass die Engel ihn grüßend betreten mögen. Alsdann erkannte er, dass er seinen eigenen Willen dem Willen seines Herrn gleichgesetzt hatte. Darum ward sein Eigenwille zerbrochen, dieser Zustand verschwand, und diese Vollmacht – diese Nähe – ging verloren. So fiel er von der Station, die er innehatte, herab, seine Lichter verdunkelten sich, und die Lauterkeit in seinem Herzen ging verloren.

Alsdann kam der erwählte Diener des Allerbarmers zu sich und erinnerte sich. Es ward ihm eingegeben, seine Sünde und sein Vergessen einzugestehen, und er sprach: „Unser Herr, wir haben uns selbst Unrecht getan. Wenn Du uns nicht vergibst und Dich nicht unser erbarmst, werden wir gewiss zu den Verlierern gehören.“ (Sure al-Aʿraf, Vers 23)

Auf dieses Gebet hin kamen ihm die Lichter der Rechtleitung und das Wissen, wie man Reue tut. Die in diesem Ereignis verborgenen Weisheiten waren zuvor nicht bekannt gewesen. Durch dieses Ereignis traten sie zutage. Daraufhin ward jener Wille durch einen anderen ersetzt, der erste Zustand durch den zweiten vertauscht. Durch diesen Tausch kam Adam die größte Heiligkeit zu, und ihm ward gewährt, zunächst auf der Erde und dann im Jenseits zu weilen. So wurde die Welt für ihn und seine Nachkommenschaft zu einer Herberge, das Jenseits aber zur letzten Station und zum Hause der Ewigkeit.

Nimm dir im Eingestehen deiner Fehler und im Bitten um Vergebung in allen deinen Zuständen den Gesandten Allahs und Seinen Geliebten Muhammad al-Mustafa sowie seinen Vater Adam zum Vorbild.

8

VOM SICH-NÄHERN ZU ALLAH

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist: Wenn du dich in einem Zustand befindest, begehre nicht einen anderen Zustand, der höher oder niedriger ist als dieser. Befindest du dich an der Pforte des Palastes des Herrschers, so wünsche dir nicht, ins Innere des Palastes einzudringen. Denn wenn du eintrittst, trittst du nicht mit der Erlaubnis des Herrschers ein, sondern mit Gewalt. Begnüge dich auch nicht damit, dass dir die Erlaubnis zum Eintritt erteilt wird. Denn diese Erlaubnis könnte eine Falle sein, die der Herrscher für dich bereitet hat, und du könntest auf etwas stoßen, das du nicht wünschst. Verharre dort im Warten, auf dass du mit Nachdruck hineingeführt werdest. In diesem Falle trittst du durch die Huld und das Drängen des Herrschers ein, und der Herrscher bestraft dich nicht für eine Tat, die er selbst vollbracht hat. Die Strafe trifft dich nur wegen deiner falschen Wahl, deiner Gier, deiner Ungeduld, deiner Respektlosigkeit und deines Unvermögens, in dem Zustand, in dem du dich befindest, zu verharren.

Wirst du hineingeführt, so senke dein Haupt, schließe deine Augen und sei wohlerzogen. Fahre fort, den Dienst zu verrichten, der dir befohlen ward, und begehre nicht, zur höchsten Spitze emporzusteigen. Allah, der Erhabene, spricht: „Und richte deine Augen nicht auf das, die Wir einigen von ihnen als Glanz des irdischen Lebens geniessen lassen, um sie dadurch zu prüfen. Die Versorgung deines Herrn ist besser und beständiger.“ (Sure Taha, Vers 131)

Dies ist eine Zucht, die Allah, der Erhabene, Seinem auserwählten Propheten erteilt – hinsichtlich der Bewahrung seines Zustandes und der Zufriedenheit mit dem Gegebenen. Die Bedeutung des Wortes „Die Versorgung deines Herrn ist besser und beständiger“ ist folgende: Was Ich dir gegeben habe – die Botschaft, das Prophetentum, das Wissen, die Genügsamkeit, die Geduld und die religiöse Vollmacht – ist wertvoller als das, was Ich anderen gegeben habe.

Alles Gute liegt darin, dass der Mensch seinen Zustand bewahrt, mit seinem Zustand zufrieden ist und nicht auf andere blickt. Denn der irdische Besitz ist entweder dein Anteil, der Anteil anderer, oder er ist niemandes Anteil und Allah hat ihn als Prüfung erschaffen. Wenn er dein Anteil ist, so wird er dich erreichen, ob du ihn begehrst oder nicht. Daher ziemt es sich nicht für dich, respektlos zu sein und gierig zu handeln, um ihn zu erlangen. Dies ist das, was aus der Sicht des Wissens und des Verstandes gepriesen wird.

Was den Anteil anderer betrifft: Mühe dich nicht vergeblich ab um etwas, das du niemals erlangen wirst. Und wenn es niemandes Anteil ist und für die Menschen als Prüfung erschaffen wurde – wie könnte ein vernünftiger Mensch damit einverstanden sein, in die Versuchung zu geraten und geprüft zu werden? Hieraus wird deutlich, dass das Gute und die Rettung vollständig darin liegen, dass der Mensch seinen Zustand bewahrt.

Wirst du in eine Kammer im Palast des Herrschers geführt und sodann auf das Dach – so bewahre auch dann deinen Zustand, senke dein Haupt und sei wohlerzogen. Ja, in diesem Zustand wird die Bewahrung deines Zustandes für dich noch wichtiger. Denn nun bist du dem Herrscher näher und befindest dich somit in größerer Gefahr. Begehre daher weder, von deinem Zustand in einen höheren oder niedrigeren überzugehen, noch wünsche dir, darin zu verweilen, noch dass sich irgendeine seiner Eigenschaften ändere. Habe überhaupt keine Wahl. Denn dies alles ist Undankbarkeit gegenüber der Gnade des gegebenen Zustandes. Undankbarkeit aber erniedrigt ihren Besitzer in dieser Welt und im Jenseits.

Handle also stets auf die Weise, die wir beschrieben haben, bis du zu einer Station gelangst, von der du dich niemals mehr trennst. Wenn du zu einer beständigen Station gelangt bist, erkennst du, dass dies eine Gabe (Mawhiba) ist, deren Erklärung und Beweis zutage getreten sind. Du hältst sie fest und trennst dich niemals von ihr. Denn die Zustände (ahwal) sind für die Heiligen, die Stationen (maqamat) aber für die Abdal. Und Allah ist es, der dich rechtleitet.

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VON DER ENTHÜLLUNG (KASCHF) UND DER MYSTISCHEN SCHAU (MUSCHAHADA)

Es sprach derjenige, mit dem Allah zufrieden ist: Den Heiligen  und den Abdal werden gewisse Taten Allahs gezeigt, welche die Verstände in Staunen versetzen und die gewöhnlichen Abläufe durchbrechen. Diese Taten sind von zweierlei Art: Die Taten der Majestät (dschalal) und die Taten der Schönheit (dschamal).

Die Majestät und die Erhabenheit führen zu einer Furcht, die beunruhigt, Bedrängnis verursacht und das Herz gänzlich umhüllt. So wird überliefert, dass vom Gesandten Allahs (Friede und Segen sei auf ihm), wenn er im Gebet verweilte, aus seiner Brust ein Laut vernommen ward, der dem Brodeln eines Kessels glich – wegen der Furcht, die er empfand. Denn ihm offenbarte sich die Majestät und Erhabenheit Allahs. Gleiches wird auch von Ibrahim, dem Freund des Allerbarmers (Friede sei auf ihm), sowie von ʿUmar al-Faruq (möge Allah mit ihm zufrieden sein) überliefert.

Die Betrachtung der Schönheit hingegen schmückt die Herzen mit Lichtern, mit Glückseligkeit und Huld, mit süßen und das Herz erwärmenden Worten, mit der Verheißung großer Gaben, erhabener Stationen und der Nähe zu Allah. Als eine Notwendigkeit von Allahs Huld und Barmherzigkeit hat die Feder des Schicksals ihre Anteile seit Anbeginn niedergeschrieben und vollendet. Es ward ihnen bestimmt, auf der Erde zu verweilen, bis ihre festgesetzte Frist erfüllt ist. Andernfalls würde ihre Liebe durch die Sehnsucht nach Allah derart anwachsen, dass ihre Gebeine zerbrächen und sie zugrunde gingen, und sie würden nicht die Kraft finden, ihre Dienerschaft bis zur Stunde des Todes zu erfüllen. So handelt Allah aus Huld und Erbarmen an ihnen – um sie zu heilen, ihre Herzen zu erziehen und zu trösten. Wahrlich, in allem, was Er tut, liegt Weisheit, und Er ist der Allwissende. Er behandelt sie mit Seiner Huld, erbarmt sich ihrer und ist barmherzig zu ihnen.

Darum sprach Muhammad (Friede und Segen sei auf ihm) zu seinem Muezzin Bilal (möge Allah mit ihm zufrieden sein): „O Bilal! Verschaffe uns Erleichterung, indem du den Gebetsruf zum unmittelbaren Beginn des Gebetes sprichst.“ Denn jener befand sich in dem Zustand, den wir oben beschrieben haben – nämlich in der Betrachtung der Schönheit Allahs. Dies war der hauptsächliche Grund für sein Wort: „Mein Augentrost ward im Gebet gewährt.“

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Damit ist die Übersetzung der ersten neun Ermahnungen an ihr Ende gelangt. Mit diesen Ermahnungen aus dem Buch haben wir einen kleinen Einblick in die sufische Weisheit des erhabenen Scheichs Abd al-Qadir al-Dschilani (möge Allah mit ihm zufrieden sein) gewährt. Seine Worte durchdringen die Schleier der Oberfläche und führen den aufrichtigen Sucher zur Wahrheit. Möge Allah uns allen ermöglichen, aus diesen kostbaren Belehrungen Nutzen zu ziehen und sie in unserem Leben zu verwirklichen. Möge Er uns durch die Segen und die geistige Unterstützung des Königs der Heiligen rechtleiten und unsere Herzen mit dem Licht der Gotteserkenntnis erfüllen. O der Größte Beistand, sei unser Fürsprecher und Helfer auf dem Wege zu Allah! Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.


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Abd al-Qadir al-Dschilani: Die ersten neun Ermahnungen aus Futuh al-Ghayb