Die Lehrer von Ahmad asch-Scharnubi im Sufitum
Im Namen Gottes. Ha-Mim. Kein geistiger Meister entsteht aus dem Nichts. Auch Ahmad asch-Scharnubi, dessen Name später ehrfürchtig in den Kreisen der Sufis geflüstert wurde, begann seinen Weg nicht als Lehrer sondern als Lernender. Sein Herz glich einem Gefäß, das nach und nach an vielen Brunnen gefüllt wurde, bis es selbst zu einer Quelle werden konnte. Wer seine Biographie betrachtet, blickt zugleich auf die Männer, die ihn prägten und deren Schatten ihn umhüllte, bis er selbst zum Träger von Licht wurde.
Ali al-Muttaqi und die Hadith-Lehre
Unter seinen Lehrern war Ali al-Muttaqi, ein aus Indien stammender Hadith-Gelehrter, der 1567 starb und zu den angesehensten Autoritäten seiner Zeit zählte. Er verbrachte viele Jahre in Mekka und Medina und verfasste dort sein monumentales Werk Kanz al-Ummal, eine gewaltige Sammlung von Überlieferungen, die noch heute zu den wichtigsten Hadith-Sammlungen zählt. In Mekka lebte Ahmad asch-Scharnubi sieben Jahre lang als Mudschawir, also als Diener der heiligen Stätte, und in dieser Zeit stand er unter dem Einfluss von al-Muttaqi. Von ihm lernte er eine Wirklichkeit, die ihn sein Leben lang begleitete, nämlich dass eine Predigt nicht durch Rhetorik wirkt, sondern durch die Kraft von Koran und Hadith. Dies wurde später zu seinem unverwechselbaren Merkmal, eine Form der Ansprache, in der die Worte der Offenbarung wie feiner Regen die Herzen berühren.
Abd al-Wahhab asch-Schaʿrani und die spirituelle Praxis
Der ägyptische Mystiker Abd al-Wahhab asch-Schaʿrani, der 1565 starb und für seine großen Biographiensammlungen über Sufis bekannt ist, berichtet, wie er al-Muttaqi im Jahr 1540 in Mekka sah. Er beschreibt ihn als einen Mann, der fastete, in Zurückgezogenheit lebte und sein Haus nur zum Freitagsgebet verließ. Wer ihn aufsuchte, traf dort Arme und Jünger, die rezitierten, meditierten oder im Dhikr versunken waren. Es war ein Kreis voller Hingabe, der auch den jungen Ahmad asch-Scharnubi tief beeindruckte und sein Herz für die Schönheit einfacher Frömmigkeit öffnete.
Al-Baqri und die Verbindung von Wissen und Inspiration
Nach seiner Zeit in Mekka führte ihn der Weg nach Kairo. Dort begegnete er Abu l-Hasan Muhammad ibn Muhammad al-Baqri al-Siddiqi, der um 1545 starb. Er war ein bekannter Gelehrter aus einer Familie, die ihre Abstammung auf Abu Bakr as-Siddiq zurückführte. Al-Baqri verband Rechtswissenschaft, Koranexegese und Sufismus miteinander. Von ihm lernte Ahmad asch-Scharnubi, wie man strenge Texttreue mit innerer Inspiration verbindet, ohne dass das eine das andere schwächt. Bei ihm fand er ein Gleichgewicht von Disziplin und Tiefe, einen Funken, der sein Denken dauerhaft prägte.
Sulaiman al-Chudairi und die Kontemplation
Ein weiterer Lehrer war Sulaiman al-Chudairi, ein Schüler der Schule des berühmten Gelehrten Dschalal ad-Din as-Suyuti, der als einer der produktivsten Autoren des 15. Jahrhunderts gilt. Chudairi lebte in Abgeschiedenheit, umgeben von Berichten über Visionen und Wunder. Von ihm lernte Ahmad asch-Scharnubi die Kraft des Schweigens und der stillen Kontemplation. Diese Tugenden sollten später wie ein unsichtbarer Duft seine Zawiya in Damanhur prägen. Schritt für Schritt reifte er weiter, und jeder Lehrer verlieh seinem Wesen eine neue Farbe, bis sein geistiges Bild Gestalt gewann.
Zayn ad-Din al-Marsafi und die Sprache der Poesie
Auch Zayn ad-Din al-Marsafi, ein Jurist und Kommentator mystischer Dichtung, trat in sein Leben. Er erklärte die Gedichte des berühmten Ibn al-Farid, eines der größten Dichter der islamischen Mystik, und zeigte Ahmad asch-Scharnubi, wie die Sprache der Poesie zu einem Tor der Erkenntnis werden kann. So lernte er, dass Worte nicht nur belehren, sondern wie Schlüssel sein können, die Türen öffnen, wo der Verstand allein nicht weiterkommt. Damit erhielt sein Lernen eine neue Dimension, nämlich die Sprache der Schönheit als Sprache der Wirklichkeit.
Die Begegnung mit Nureddinzade
Doch die entscheidende Wende geschah, als Ahmad asch-Scharnubi nach Konstantinopel zog und Nureddinzade Muslihuddin Mustafa begegnete. Dieser Mann stammte aus Philippopolis, war Schüler von Sofyali Bali und wirkte als Prediger in der Hagia Sophia. Außerdem verfasste er Kommentare zu den Schriften von Sadreddin Konewi, einem der bedeutendsten Philosophen und Sufi in der Nachfolge Ibn Arabis. Von Nureddinzade empfing Ahmad asch-Scharnubi die Erkenntnis der göttlichen Einheit, des Einheitgottes, nicht als trockenen Lehrsatz, sondern als lebendige Erfahrung, als Geschmack und als Zustand. Zwischen Meister und Schüler entstand ein geistiges Band von seltener Tiefe, das seine gesamte spätere Lehre durchdrang.
Die Vielfalt seiner Lehrer
Neben diesen herausragenden Persönlichkeiten lernte Ahmad asch-Scharnubi noch viele weitere kennen. Unter ihnen waren Ibrahim az-Zakir, Muhammad Idris, Abdurrahman at-Tadschuri, Ali as-Sukkari und Badr ad-Din Adili. Der eine führte ihn in die Kunst der Koranrezitation ein, der andere in die Wissenschaft der Hadith-Überlieferung, ein dritter in die Methodik des Rechts. Es war, als wandere er von Feuerstelle zu Feuerstelle, und überall nahm er einen Funken mit, bis sich aus den vielen Funken ein eigenes Licht entzündete.
Vom Schüler zum Meister
So erkennen wir, dass Ahmad asch-Scharnubi ein Mann vieler Quellen war. Strenge und Demut, Schweigen und Rede, Gelehrsamkeit und Vision, all dies floss in ihm zusammen und machte ihn zu dem Lehrer, den wir heute kennen.
Doch was wäre ein Lehrer ohne Schüler. Ein Gefäß, das sich an den reinsten Quellen gefüllt hat, muss selbst zur Quelle werden. Erst wenn andere aus ihm trinken, erfüllt sich sein Sinn. Im nächsten Kapitel wenden wir uns daher jenen zu, die sich um Ahmad asch-Scharnubi sammelten, die an seinen Füßen saßen, aus seinen Worten schöpften und sein Licht weitertrugen. Denn im Erbe seiner Schüler vollendet sich das Bild des Meisters, und in ihren Herzen lebt seine Lehre bis heute fort.
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