Abu Madyan al-Maghribi (Der Meister, den Ibn Arabi nie vergaß)
Im Namen Gottes. Ha-Mim. Es gibt Bäume, deren Krone so weit in den Himmel reicht, dass man das Erdreich, aus dem sie aufgestiegen sind, darüber vergisst. Und es gibt Heilige, deren Wirkung so tief in die Geschichte eingesickert ist, dass selbst jene, die in ihrem Schatten stehen, ihren Namen kaum noch kennen. Abu Madyan – das Westliche Abendland des Islam hat keinen Größeren hervorgebracht. Er ist der Scheich der Scheichs. Nicht weil man ihn so nannte, obwohl man ihn so nannte, sondern weil die Geschichte selbst dieses Urteil fällte, ohne gefragt worden zu sein.
Die großen Ordensgründer des Sufitums entstammen in aller Regel einer von zwei geistigen Schulen: der Schule des al-Dschunayd aus Bagdad oder der Schule des Bayezid Bistami aus Zentralasien. Die eine ist die Schule der Nüchternheit und des Gleichmuts, die andere die Schule der heiligen Entgrenzung. Doch was aus Abu Madyan hervorging, lässt sich in keinen dieser beiden Rahmen pressen. Das westliche Sufitum, das durch ihn Form und Charakter gewann, bildete eine eigenständige dritte Gestalt mit unverwechselbarem Antlitz.
Der Ehrentitel, der Abu Madyan am häufigsten zugesprochen wird, lautet der al-Dschunayd des Maghreb. Dieser Titel trägt eine doppelte Bedeutung in sich. Zum einen hatte Abu Madyan die sunnitische, schriftgebundene Sufi des al-Dschunayd, jene Mystik der Besonnenheit und der Gesetzestreue, aufgenommen und im Westen heimisch werden lassen. Zum anderen hatte er in der Geschichte des westlichen Sufitums jene einzigartige Stellung eingenommen, die al-Dschunayd für den gesamten Ordenszusammenhang des Ostens besaß, nämlich die Stellung des unentbehrlichen Verbindungsgliedes, um das sich alles ordnet. Abu Madyan ist wie ein gewaltiger Baum, dessen Äste, sein geistiger Einfluss, Nordafrika und den gesamten Osten überspannen.
Das Erbe, das durch die Schüler fließt
Derjenige, der die Lehre Abu Madyans am weitesten getragen hat, war ohne Zweifel Abu l-Hasan asch-Schadhili. Denn Abu Madyan war der Meister jener vier Männer, die ihrerseits die Meister des asch-Schadhili wurden. Es waren dies: Abu Muhammad al-Mahdi, Abd as-Salam ibn Maschisch, Abu Said al-Badschi sowie Abu Abdallah ibn Harasim. Aus diesem Grund gilt asch-Schadhili in der Überlieferung als geistiger Statthalter Abu Madyans.
Asch-Schadhilis Schüler, selbst ein Schüler eines Schülers Abu Madyans, trug das in Fès und Tlemcen Empfangene nach Ägypten und ließ dort Erben zurück, die bis heute strahlen. Zu ihnen zählen Abu l-Abbas al-Mursi, der als Schutzherr von Alexandria gilt, sowie Ibn Ataullah al-Iskandari, der Verfasser der Sammlung der Gottesweisheiten, die zu den bedeutendsten Werken über Gotteseinheit und Gotteskenntnis in ganz Ägypten gerechnet wird. Auch Ahmad al-Badawi gehört zu diesem Erbe, der Volksgeliebte und Vater der Ritterschaft des Geistes, dessen Mutter Fatima eine Enkelin Abu Madyans war.
Was den Orden der Disukiyya betrifft, so war Scheich Abu l-Fath al-Wasiti, der den Rifai-Orden in Ägypten verbreitete, der Großvater des Ibrahim ad-Disuki. Wegen der Gemeinsamkeiten in Brauchtum und Ordensregel wird zwischen dem Disuki-Orden und dem Abu-Madyan-Orden eine verwandtschaftliche Verbindung angenommen.
All dies zeigt: Abu Madyan besaß einen Einfluss auf das sufische Denken des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts, der sich weit über seinen unmittelbaren Lebenskreis hinaus erstreckte. Persönlichkeiten wie Ibn Arabi nannten ihn meinen Meister und räumten seinen Gedanken in ihren Werken einen besonderen Platz ein.
Abu Madyan und Ibn Arabi
Ibn Arabi schreibt in seinem berühmten Werk über die mekkanischen Offenbarungen, diese Welt sei eine Schule und ihr Eigentümer sei Gott. In ihr unterrichteten Propheten und Gottesfreunde. Er selbst, so berichtet er, habe in dieser göttlichen Schule mit nahezu dreihundert Meistern zusammengelebt und darüber hinaus noch zahlreiche weitere Lehrer getroffen.
Einer von ihnen war Abu Madyan. Er nennt ihn seinen Meister und tut dies beständig, durch sein gesamtes Werk hindurch.
Beide waren andalusische Sufipersönlichkeiten. Die Frage, ob sie einander in Andalusien tatsächlich begegnet sind oder nicht, ist in der Forschung umstritten. Eine der Überlieferungen spricht von einer engen Freundschaft, die zwischen ihnen entstand. Eine andere berichtet, Ibn Arabi habe Abu Madyan tief verehrt, ihn über nahezu alle anderen Meister gestellt, seine Worte gesammelt, seine Überlieferungen in seinen Büchern bewahrt, ohne ihm jedoch jemals leibhaftig begegnet zu sein.
Diese zweite Sichtweise wird durch folgende Worte Ibn Arabis gestützt: Eines Abends, nach dem Nachtgebet, saß ich in meinem Haus in Sevilla und dachte daran, ob es mir je vergönnt sein würde, Scheich Abu Madyan zu begegnen. Er befand sich zu jener Zeit in Bedschaja, vierzig Tagesreisen von Sevilla entfernt. Da trat Abu Imran ein und gab seinen Gruß. Ich bat ihn herein und fragte: Woher kommst du? Von Scheich Abu Madyan aus Bedschaja, antwortete er. Wann hast du ihn zuletzt gesehen? Das Abendgebet habe ich noch heute mit ihm verrichtet. Nach dem Gebet wandte er sich mir zu und sprach: Geh sofort und bring Ibn Arabi diese Botschaft von mir. Sage ihm, die Begegnung unserer Seelen ist möglich, die Begegnung unserer Leiber aber hat Gott in dieser Welt untersagt. Beruhige sein Herz.
Den Titel Meister der Meister hat Ibn Arabi dem Heiligen von Bedschaja verliehen. Er hat diesen Titel zwar nicht erfunden, doch wer die Arbeitsweise des großen Sufis kennt, weiß, dass er nichts ohne tiefen Grund in seine Werke aufnahm. Ibn Arabi hat auch auf ein Lobgedicht Abu Madyans eine Erweiterungsdichtung verfasst. All das ist Ausdruck einer tiefen, aufrichtigen Verehrung, nicht bloßer Reflex, sondern bewusste geistige Positionierung.
Obwohl Ibn Arabi Abu Madyan selbst nie begegnet war, lernte er den Meister Kumi kennen, einen Schüler Abu Madyans. Von diesem empfing er die Unterweisung in den inneren geistigen Übungen, und er bezeichnet ihn sowohl als seinen Meister wie auch als seinen Schüler. In seinem Werk über den heiligen Geist berichtet Ibn Arabi von einer gemeinsamen Reise mit dem Meister Kumi und davon, wie durch den Segen Abu Madyans Dinge sich auf wundersame Weise fügten.
Die Meister, denen Ibn Arabi auf seinem Weg begegnete, schützten ihn vor den Gefahren, die dem Wanderer auf dem Pfad der inneren Übung lauern. Doch keiner von ihnen hatte ihm die Grundregeln dieser inneren Disziplin vermittelt. Diese besondere Aufgabe und dieses besondere Vorrecht fiel dem Meister Kumi zu, dem Schüler Abu Madyans. Ebenso bedeutsam war, dass Kumi seinem jungen Schüler Ibn Arabi unermüdlich von den Wundern und Tugenden Abu Madyans erzählte, sodass in Ibn Arabi bald nur noch ein einziger Wunsch brannte, nämlich dem Heiligen von Bedschaja zu begegnen. Auch die Meister, denen Ibn Arabi später begegnete, trugen dazu bei, die Gedanken Abu Madyans an ihn weiterzureichen.
Ibn Arabi lernte zudem einen weiteren Schüler Abu Madyans kennen, von dem er die berühmte Geschichte des Berges Kaf übernahm. Dieser berichtete: Ich und jemand aus dem Kreis der verborgenen Gottesfreunde reisten zum Berg Kaf. Dort erschien uns eine Schlange. Mein Begleiter sprach zu mir: Grüß die Schlange, sie wird deinen Gruß erwidern. Wir grüßten, und sie erwiderte unseren Gruß. Dann sprach sie: Wie steht es um Scheich Abu Madyan? Es geht ihm gut. Woher kennst du ihn? Gibt es jemanden auf der Erde, der ihn nicht kennt und liebt? Bei Gott, wenn Gott jemanden zu seinem Freund erkoren hat, dann lässt er uns seinen Namen hören und sendet seine Liebe auf die Erde und in unsere Herzen herab. So kennen ihn und lieben ihn Stein, Erde, Baum und Tier. Und doch gibt es Menschen, die ihn töten wollten, weil sie ihn nicht kannten und Feindschaft gegen ihn hegten. Ich hätte niemals geglaubt, dass jemand so handeln könnte gegenüber einem, den Gott liebt.
Mit solch bilderreichen Schilderungen wollte Ibn Arabi deutlich machen, dass sein Meister Abu Madyan eine Persönlichkeit war, die von der gesamten Schöpfung erkannt wird. Diese Besonderheit ist als Zeichen seiner tiefen Liebe und Verehrung zu lesen.
Ibn Arabi liebte Abu Madyan so sehr, dass er sogar gegen jemanden innerlich Abneigung empfand, der dem Heiligen feindlich gesonnen war. Im Jahr 1193 sah er in Tlemcen den Propheten im Traum, der ihn fragte: Warum hegst du Abneigung gegen jene Person? Ibn Arabi antwortete: Weil sie Abu Madyan gegenüber Feindschaft zeigt. Der Prophet entgegnete: Liebt sie denn nicht Gott und mich? Ja, o Gesandter Gottes, sie liebt sowohl Gott als auch dich. Warum dann hegst du Abneigung gegen sie, nur weil sie Abu Madyan gegenüber feindselig ist? Daraufhin bereute Ibn Arabi und sprach zum Propheten: Abu Madyan ist mir unter allen Menschen der Liebste. Aber du hast mich belehrt und mich ermahnt.
Nach dem Erwachen nahm Ibn Arabi Kleidung und wertvolle Dinge mit sich und begab sich zum Haus jener Person. Er erzählte ihr den Traum. Jene Person weinte, nahm die Geschenke an und deutete den Traum als einen Hinweis von Gott. Von da an wich die Feindschaft gegen Abu Madyan aus ihrem Herzen, und sie begann, den Heiligen zu lieben. Auf Ibn Arabis Frage, warum sie Abu Madyan überhaupt jemals abgeneigt gewesen sei, antwortete sie: Man brachte ihm zu einem Opferfest in Bedschaja Fleisch vom Schlachtopfer. Er verteilte es unter seinen Gefährten, mir aber gab er nichts. Das war der Grund meiner Abneigung.
Diese Überlieferung zeigt, dass die Feindschaft gegen Abu Madyan mitunter aus rein persönlichen, ja kleinlichen Gründen herrührte. Ibn Arabi berichtet sie wohl genau darum, um diesen Punkt zu verdeutlichen und um seine starke innige Verbundenheit mit dem Heiligen zum Ausdruck zu bringen.
Ibn Arabi gilt unter den Sufis als einer der bedeutendsten Denker und als Begründer eines hochentwickelten geistigen Systems. Zu dieser Höhe war er nicht zuletzt durch Abu Madyan gelangt, dem er zeitlebens Dank schuldete. Über dessen geistigen Rang sprach er folgende Worte: Unser Meister Abu Madyan gehört zu jenen achtzehn Wesen, die dem Befehl Gottes und zugleich dem sichtbaren Bereich angehören. In allem Geschaffenen erblicken sie nichts außer Gott. Sie sind vom Stamme der offenkundigen Gottesoffenbarung. Sie gehen den Weg der Mittel und besitzen außergewöhnliche übernatürliche Fähigkeiten.
Diese Aussage mag wie eine kühne Behauptung klingen, doch Ibn Arabi belegt sie an verschiedenen Stellen seines Werkes. So schreibt er: Die göttlichen Namen stehen einander gegenüber, daher gibt es zwei gerade Pfade. Einer ist der Pfad der Wahrheit, der andere der Pfad des Irrtums. Der Pfad des Irrtums folgt den Befehlen der Seele und der Begierde. Doch angesichts dieser Wirklichkeit lässt sich der Irrtum in seiner eigenen Verfassung nicht einfach verneinen. Unser Meister Abu Madyan hat diesen Sachverhalt in folgenden Versen ausgedrückt:
Verwirf das Falsche nicht allein wegen seines äußeren Anscheins
Denn auch es ist eine der Erscheinungsweisen der Wahrheit.
Ibn Arabi greift dieses Verspaar nahezu jedes Mal auf, wenn er in seinen Werken über Gegensatzpaare schreibt.
Was die äußere Lebensbeschreibung Abu Madyans betrifft: Das Quellenmaterial, das ältere Verfasser hinterlassen haben, kreist in aller Regel um dieselben Themen. Doch über Abu Madyans innere Reise, seinen Unterricht in der Glaubenslehre, seine geistigen Zustände und Stationen findet man in diesen Quellen kaum etwas. Einzig Ibn Arabi gibt in seinem Hauptwerk Antworten auf diese Fragen, verstreut über Tausende von Seiten, dem geduldigen Sucher preisgegeben. Wer mit Ausdauer und Liebe sucht, kann dabei die feinsten und erstaunlichsten Seiten von Abu Madyans innerem Wesen ans Licht bringen.
Die Auslegung und Deutung Abu Madyans, soweit die überlieferten Worte und Handlungen es erlauben, fiel Ibn Arabi zu. So erklärt er etwa, welcher Art das Wunder der Augenöffnung war, das Abu Madyan vor seinem Meister Abu Ya‘sa erlebte. Im Kern verfolgt Ibn Arabi dabei das Ziel, ein vollständiges Bild von Abu Madyans geistigen Zuständen, Stationen, Geheimnissen und heiligem Rang zu zeichnen und klärende Deutungen hinzuzufügen.
Ibn Arabi betonte immer wieder, dass seine eigenen Ansichten mit denen seines Meisters Abu Madyan übereinstimmen. Als ein besonders aufschlussreiches Beispiel dient folgende Stelle, an der er das Hervortreten des Seins erläutert: Das Sein trat durch den zweiten Buchstabe des arabischen Alphabets in Erscheinung, und durch den Punkt darunter wurde der Dienende von seinem Dienst geschieden und der Gotteskenner von dem, dem er dient. Dieser Buchstabe, der allem Seienden beiwohnt, gehört in der Stufe des Zusammenschlusses und des Seins zur Stufe des Wahren. Alles ist durch ihn entstanden und in Erscheinung getreten. Unser Meister und Imam Abu Madyan sprach: Alles, was ich sah, trug dieses Zeichen. Es schien zu sagen: Durch mich bin ich entstanden. Wie an dieser wie auch an anderen Stellen seines Werkes deutlich wird, griff Ibn Arabi bei der Darlegung seiner Anschauungen über Sein und Gotteseinheit immer wieder auf Abu Madyan zurück und zitierte ihn ausgiebig.
Als Ibn Arabi das Grab seines Meisters Abu Madyan besuchte, brachte er seine Verehrung und Bewunderung in folgenden Worten zum Ausdruck: Zu dir bin ich gekommen, o Schuayb! Du, Pol der Gotteskenner, du Wegweiser der Wanderer, du Empfänger des Lichtes vom Herrn der Propheten! Zu dir bin ich gekommen, Freund der Einsamen, Geliebter der Vögel, Hüter der Menschen, du der das Feuer der Einheit in die Becher goss! Und in tiefer innerer Bewegtheit fügte er hinzu: Welch ein Stand ist der Stand des innig Geliebten! Was lässt sich über diesen Pol noch sagen!
Was Abu Madyan und Ibn Arabi miteinander verbindet, ist unter anderem, dass beide zur Klasse jener vollendeten Gottesfreunde gehörten, die keinem einzigen Meister zugeordnet werden können. Ebenso ist beiden gemeinsam, dass ihre Lehre sowohl im westlichen wie im östlichen Teil der islamischen Welt eine außerordentlich breite Wirkung entfaltete. Im Falle Ibn Arabis waren es seine Schriften, die seine Gedanken zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten trugen. Im Falle Abu Madyans waren es seine zahlreichen Schüler, von denen viele in den Osten zogen, vor allem nach Ägypten, aber auch nach Syrien und sogar bis in den Jemen, und so dafür sorgten, dass ihr Meister ab dem dreizehnten Jahrhundert eine bestimmende Rolle in der Entfaltung der islamischen Mystik spielte.
Wunder und Überlieferungen
Abu Madyan lehrte, dass die außergewöhnlichen Zeichen der Gottesfreunde Früchte der Wunder der Propheten sind. Er beklagte, dass die Menschen solchen Zeichen verfallen sein könnten wie Götzenanbetern ihren Götzen, ja dass manche das Gebet nur verrichteten, um dabei übernatürliche Erlebnisse zu suchen. Dazu sprach er: Wenn ihr einen Mann seht, der außergewöhnliche Dinge vollbringt, dann vertraut ihm nicht blindlings. Schaut zuerst, wie er mit dem Erlaubten und dem Verbotenen umgeht. Trotz dieser nüchternen Haltung bewahrten die Schüler des Meisters seine Wundertaten sorgsam im Gedächtnis und gaben sie weiter.
Eines Tages, als der Meister am Strand entlangging, näherte sich ein Schiff von Seeräubern, die ihn gefangen nahmen und an Bord brachten. Auf dem Schiff befand sich bereits eine Gruppe gefangener Muslime. Die Seeräuber wollten auslaufen, doch das Schiff bewegte sich trotz günstigem Wind nicht vom Fleck. Ratlos sagten sie schließlich: Dieser Mann muss der Grund sein, er könnte ein Gottesfreund sein. Sie forderten ihn auf, das Schiff zu verlassen. Doch er erklärte, er werde nicht gehen, bevor die muslimischen Gefangenen freigelassen seien. Daraufhin ließen die Seeräuber alle Gefangenen von Bord und fuhren dann aufs Meer hinaus.
In dieser Überlieferung zeigt sich Abu Madyan bereit, die eigene Gefangenschaft hinzunehmen, um seinen Glaubensbrüdern beizustehen. Er weicht nicht, solange sie nicht frei sind. Abu Madyan zog es stets vor, mitten unter den Menschen zu sein, anstatt sich von ihnen zurückzuziehen, und betrachtete es als seine Pflicht, den Bedrängten beizuspringen.
Einmal reiste Scheich Abu Madyan mit einer Gruppe von Begleitern und übernachtete mit ihnen in der Wüste. In der Nacht hörten sie beängstigende Laute, und die Angst bemächtigte sich ihrer. Sie sprachen: Wenn doch nur ein Licht wäre, das die Umgebung erhellen würde! Der Meister trat an einen Baum heran, verrichtete zwei Gebetseinheiten und betete. Da erstrahlte der Baum in Licht und erhellte die ganze Umgebung bis zum Morgengrauen.
Eines Tages rezitierte Abu Madyan im Gebet den Koranvers über den Becher des Paradieses und leckte sich dabei die Lippen. Nach dem Gebet fragte man ihn, warum er das getan habe. Er antwortete: Als ich den Vers rezitierte, wurde mir wirklich aus jenem Becher zu trinken gegeben.
Ebenso berichtet man: Einmal verlor er beim Reinigungsritual am Strand seinen Ring ins Wasser und sprach: O Herr, ich möchte meinen Ring zurück. Im selben Augenblick schwamm ein Fisch heran und brachte den Ring im Maul.
Einer seiner Schüler berichtet von folgendem Wunder: Eine Reisegruppe kam aus dem fernen Osten, um den Meister aufzusuchen. Die Gäste äußerten den Wunsch nach Trauben. Im Maghreb war es jedoch nicht Traubenzeit. Der Meister wies ihn an: Geh in den Garten und bring Trauben. Er erwiderte: Ich bin eben erst aus dem Garten zurückgekehrt, es waren keine Trauben da. Der Meister beharrte: Geh, du wirst welche finden. Er ging, und der Garten war voller Trauben, wie mitten in der Erntezeit. Er brachte sie, und alle aßen gemeinsam. Die Gäste wandten sich an den Meister: Als wir Trauben wünschten, wussten wir, dass außer Euch niemand im Maghreb sie uns hätte bieten können.
Der Meister war bei einer alten Frau und ihrem Sohn zu Gast. Die Frau reichte ihm Brot und Milch. Als der Sohn beim Essen bedauerte, dieses oder jenes andere Gericht nicht zu haben, sprach der Meister zu ihm: Denke an das Gericht, das du dir wünschst, sprich den Namen Gottes und iss. Was immer der Junge sich vorstellte, der Bissen schmeckte nach jenem Gericht.
Die Schriftgelehrten in Bedschaja debattierten über die Bedeutung eines Prophetenwortes, wonach einem Gläubigen beim Tod die Hälfte des Paradieses gegeben werde, ohne zu einer befriedigenden Deutung zu gelangen. Dem Wortlaut zufolge müsste das ganze Paradies bereits nach dem Tod zweier Gläubiger aufgebraucht sein. Was wäre dann mit allen übrigen? Sie suchten den Meister auf. Er war gerade mit der Lektüre einer sufischen Schrift beschäftigt und unterhielt sich mit seinen Schülern. Durch inneres Erkennen wusste er schon, weshalb sie gekommen waren, und antwortete noch bevor sie ihre Frage stellen konnten: Es handelt sich nicht um das gesamte Paradies, sondern um das je eigene Paradies jedes einzelnen Gläubigen. Wenn ein Gläubiger stirbt, genießt er bis zum Jüngsten Tag die Hälfte seines eigenen Paradieses.
Ein Überlieferer berichtet: Ich bestieg einen Berg zum Spaziergang und traf auf einen frommen Mann in Begleitung von zehn Angehörigen des Gottesvolkes. Ich grüßte sie, und sie erwiderten meinen Gruß. Ich fragte: Wer seid ihr? Ich habe euch noch nie gesehen. Der Älteste unter ihnen antwortete: Wir sind Schüler unseres Herrn Abu Madyan Schuayb. Er hat uns ausgesandt, eine heilige Höhle zu besuchen. Und dies geschah zu einer Zeit, da der Orden des asch-Schadhili auf der Erde noch nicht bestand.
Die Verbundenheit mit den Tieren
In der Geschichte der islamischen Mystik finden sich zahlreiche Überlieferungen über das innige Verhältnis zwischen Gottesfreunden und Tieren. Aus Sicht der Sufis ist diese Verbundenheit kein Wunder, das der Erklärung bedürfte. Jedes Geschöpf preist Gott in seiner eigenen Sprache. Wer seine Seele geläutert hat, versteht dieses Lobpreisen und kann daran teilhaben. Hat der Gottsucher einmal den Hund der Seele bezähmt und sich vollständig Gott ergeben, so ordnen sich ihm alle Geschöpfe zu.
Über Abu Madyan ist folgendes überliefert: Als das Gespräch auf die Verbundenheit der Sufis mit wilden Tieren kam, die al-Ghazali in seinen Schriften beschreibt, sprach er: Ich habe Menschen gesehen, die diesen Weg in siebzig Jahren zurücklegten, jede Wegstrecke erschloss sich in zehn Jahren. Und ich habe Menschen gesehen, die ihn in einer einzigen Stunde zurücklegten. So wie Ibrahim ibn Adham, der diesen Weg mit Gottes Hilfe in einer Stunde zurücklegte.
Wilde Tiere fügten sich Scheich Abu Madyan und fürchteten sein Erscheinen. Einmal hatte ein Löwe den Esel eines Mannes angefallen und zerrissen. Der Meister führte den Mann zum Löwen, fasste das Tier am Ohr und sprach: Weil du den Esel dieses Mannes gefressen hast, wirst du für sein ganzes Leben lang sein Lasttier sein. Daraufhin übergab er den Löwen dem Mann. Bis zu seinem Lebensende benutzte der Mann den Löwen wie einen Esel.
Abu Madyan zog sich einmal ein ganzes Jahr lang in sein Haus zurück und verließ es nur zum Freitagsgebet. Am Ende dieses Jahres versammelten sich die Menschen vor seinem Haus und baten ihn, wieder zu predigen. Als er heraustrat, erschreckten die Vögel auf der Zeder in seinem Innenhof und flogen auf. Der Meister kehrte sofort um und zog sich ein weiteres Jahr zurück. Dann versammelten sich die Menschen erneut und baten ihn abermals. Diesmal blieben die Vögel ruhig sitzen, als er heraustrat. Da begann er zu sprechen, und seine feurigen Worte versetzten die Vögel in solche Aufregung, dass sie mit den Flügeln schlugen, einige von ihnen tot zu Boden fielen und sogar ein Mensch aus der Versammlung starb.
Scheich Abu Madyan pflegte regelmäßig einen bestimmten Berg aufzusuchen und sich dort in Einsamkeit zurückzuziehen. Auf dem Berg kam eine Hirschkuh zu ihm und nährte ihn mit ihrer Milch. Eines Tages bestieg er den Berg wieder, und die Hirschkuh erschien zur gewohnten Zeit, doch sie war unruhig. Wollte er sie greifen, wich sie zurück oder wehrte ihn mit dem Geweih ab. Er dachte über den Grund dieser Veränderung nach. Da fiel ihm ein Goldstück in seiner Tasche ein. Er zog es sofort heraus und warf es fort. Daraufhin kam die Hirschkuh ruhig zu ihm und ließ ihn heran.
Der Chronist Ibn Kunfus schreibt über die Wunder Abu Madyans: Wir schöpften von seinen zahlreichen Zeichen. Sollten wir seine Tugenden und Vorzüge aufzählen, würde uns kein Buch ausreichen. Seine höchste Ehre ist, dass nahezu tausend Meister aus seiner Hand die Lehrerlaubnis empfingen. Daher wurde er der Meister der Meister des Islam und der Imam der Frommen und Asketen genannt.
Das eigentliche Wunder Abu Madyans aber war, wie bei allen Gottesfreunden, dass er Tausende von Schülern zu wahrhaften Dienern Gottes heranbildete. Zu seinen Lebzeiten führte er nahezu tausend Schüler auf den Weg Gottes. Auch nach seinem Tod fuhr er durch seine erlesenen Schüler fort, die Suchenden von Generation zu Generation zur Rechtleitung zu geleiten. Durch seine Werke, die von Weisheit und mahnender Belehrung durchdrungen sind, wies er den Menschen den Weg. Sein Segen und seine geistige Wirkung dauern bis heute an.
Abu Madyan war nicht nur in den äußerlichen Wissenschaften bewandert, auch in den inneren Wissenschaften ragte er heraus. Sein Nachdruck auf innerer Übung, auf dem Ringen der Seele und auf dem aufrechten Wandel, sein Leben in Gottesehrfurcht und Weltentsagung, seine Art, Schüler durch das gemeinsame Gespräch zu formen und das lebenslange Aufrechterhalten seiner Lehr- und Weisheitszirkel, all das ließ ihn zu einer überragenden Gestalt werden.
Dem großen islamischen Gelehrten Imam Scharani zufolge waren alle bedeutenden Meister einig in ihrer Anerkennung von Abu Madyans Größe und hohem Rang, denn sie hatten in seinem Lehrkreis Bildung empfangen. Er war ein feinsinniger, vornehmer und anmutiger Mann. Er gehörte zu den Menschen der Gottesehrfurcht, der inneren Scheu und der Wahrheit. Es schien, als seien in seiner Zeit alle edlen Charakterzüge in ihm vereint. Sein geistiger Schüler Abu l-Abbas berichtete, dass sein Wissen einundsiebzig Wissenschaften umfasse und sein geistiger Rang der eines Hauptes der sieben verborgenen Gottesfreunde sei.
Der Biograph und Gelehrte Muhammad at-Tadifi schrieb über ihn: Er ist der Träger der erhabenen Öffnung und des klaren Schauens, der Vorauseilende in den Stufen der Gottesnähe und den heiligen Stationen, derjenige mit festem Stand in der Besonnenheit und mit weiter Hand in geistiger Einwirkung, der die Wissenschaften des Gottesgesetzes und der inneren Wahrheit in sich vereint. Dessen Ruhm sich von Ost nach West durch alle Länder verbreitet hat, ein großer Mann, den Gott den Menschen als Wegführer geschenkt hat.
Auf die Frage, was ihm Gott besonders verliehen habe, antwortete Abu Madyan: Meine Station ist Dienerschaft und mein Wissen ist das Wissen der Gottheit. Mein Wesen ist aus den Eigenschaften des Herrn geformt. Sein Wissen hat mein Innerstes, meinen Innenraum und mein Äußeres erfüllt. Sein Licht hat mich ganz durchdrungen. Ich war Wissender und wurde Nahestehender. Das geläuterte Herz ist jenes, das außer Ihm vor allem sicher ist. Es tritt nicht aus dem Becher heraus, den sein Herr geformt hat, und von außen kann keiner zu ihm gelangen. Das Herz des Gotteskenners durchwandert die Welt des Geistes. Und er verwies auf das Wort der Heiligen Schrift: Du siehst die Berge und wähnst sie fest, doch sie ziehen dahin wie Wolken, das Wirken Gottes, der alles vollkommen gemacht hat. Abu Madyan verglich die Berge mit den Herzen der Gotteskenner. So wie die Berge sich unaufhörlich bewegen, durchwandert das Herz des Gotteskenners unablässig die Welt des Geistes.
Einmal wurde in Abu Madyans Lehrkreis debattiert, ob der geheimnisvolle Prophet Khidr ein Prophet oder ein Heiliger sei. Ein frommer Mann, bekannt für seine Heiligkeit, sah in jener Nacht im Traum den Propheten, der zu ihm sprach: Khidr ist Prophet, Abu Madyan aber ist ein Heiliger. Ein anderer Gottesfreund begegnete einst dem Widersacher und fragte ihn, wie es zwischen ihm und Abu Madyan stehe. Der Widersacher antwortete: Mein Bemühen, ihn irrezuführen, gleicht dem Mann, der in ein weites Meer uriniert. So viel wirken meine Einflüsterungen bei ihm.
Abu Madyans regelmäßige sufische Lehrveranstaltungen wurden von breiten Volksschichten begeistert aufgenommen, und seine Versammlungen waren stets überfüllt. Als man ihm sagte, die Menschen kämen ständig zu ihm, küssten seine Hand, ob er dabei keine Selbstgefälligkeit empfinde, erwiderte er, er sei wie der Schwarze Stein in Mekka, an dem Propheten und Heilige ihre Lippen gesetzt hatten, ohne dass er dadurch je verändert worden wäre.
Seine wichtigsten Quellen im Unterricht waren der Heilige Koran und die gesunde Bindung an die prophetische Überlieferung. Dazu kamen die Schriften des Haris al-Muhasibi, jenes Meisters der Gewissensforschung, der jeden seiner Atemzüge unter Rechenschaft stellte, sowie die Werke des Imam al-Ghazali und des Imam al-Kuschajri. Abu Madyan führte auch zu rechtswissenschaftlichen Themen Gesprächsrunden durch und erteilte gelegentlich Rechtsgutachten. In seinen Koranauslegungsstunden erleuchtete er das Herz durch das Licht des heiligen Wortes. Er war eine vollendete Persönlichkeit, die äußeres Wissen und inneres Handeln in sich vereinte. Wer diese Einheit von Wissen und Tat nicht verwirklicht hat, kann seinen Meisterrang nicht erreichen. Sein Grundprinzip lautete: entschlossenes und geradliniges Handeln, Streben nach dem Vollkommeneren, Geduld in Mühsal und Erschwernis und beständiges Trachten nach Rechtleitung und Gottesnähe.
So wie alle großen Mystiker des westlichen Maghreb im zwölften Jahrhundert legte auch Abu Madyan entschiedenen Nachdruck auf strenge innere Übung und die Bändigung der seelischen Begierden. Zu seinen Grundsätzen gehörten die Lehre vom aufrichtigen Handeln aus reiner Absicht sowie das fortdauernde Streben nach Läuterung der Seele als Fundament jeder geistigen Vollendung.
Der Meister betonte, dass für die geistige Reifung des Menschen nicht allein Aufrichtigkeit und Lauterkeit genügten. Ebenso notwendig sei ein gesundes Miteinander in der Gemeinschaft. In einem seiner Weisheitssprüche beschreibt er dies so: Die Ausbreitung von Bestechung in der Gesellschaft erzeugt eine ungerechte Ordnung. Die Verderbnis der Gelehrten und der Vornehmen führt dazu, dass die Religion auf den Kopf gestellt wird. Er riet seinen Schülern, sich von falschen Ansprüchen fernzuhalten: Wenn ihr jemanden seht, der behauptet, etwas sei erlaubt, das Gott nicht erlaubt hat, dann meidet ihn. Das Schädlichste ist der Umgang mit dem achtlosen Gelehrten, dem unwissenden Gottsucher und dem schmeichelnden Prediger.
Was bleibt, wenn man alles über Abu Madyan gesagt hat? Es bleibt das Staunen darüber, dass ein Mensch so zum Brennpunkt des Lichtes werden kann, dass Generationen nach ihm noch in seiner Wärme stehen. Es bleibt die Erkenntnis, dass wahre geistige Größe sich nicht in der Zahl der Wunder misst, sondern daran, wie viele Herzen durch einen einzigen Menschen zum Leuchten gebracht wurden.
Epilog: Was bleibt, wenn alles vergeht
Ibn Kunfud, der Biograph, schrieb über Abu Madyan: Würden wir versuchen, seine Tugenden und Vorzüge zu zählen, reichten uns keine Bücher. Sein höchster Ruhm ist, dass tausend Scheichs aus seiner Hand die Erlaubnis empfingen.
Aber der eigentliche Ruhm liegt tiefer. Er liegt darin, dass durch Abu Madyan eine Art zu sein in die Welt getreten ist – eine Art, die lehrt: Gott nicht im Außergewöhnlichen zu suchen, sondern im Gewöhnlichen so aufzumerken, dass das Gewöhnliche aufhört, gewöhnlich zu sein.
Er selbst sagte über sich: Mein Stand ist Dienerschaft. Mein Wissen ist das Wissen des Göttlichen. Mein Licht erleuchtete mein Innen und mein Außen. Und das Herz des Gotteskenners wandert durch die Welt des Geistes, wie die Berge, von denen es in der Schrift heißt, sie stehen fest, während sie in Wirklichkeit ziehen wie Wolken. Die Berge ziehen. Und die Herzen, die Gott kennen, ziehen mit ihnen – still, unbemerkt, unaufhaltsam.
Das ist Abu Madyan. Der Pol des Westens. Der Baum, unter dessen Ästen die Hälfte der Welt Schatten fand. Der Scheich, den Ibn Arabi nie mit den Augen des Leibes sah und nie vergaß. Möge Gott uns durch den Segen unserer Meister Abu Madyan und Ibn Arabi erleuchten und unsere Herzen in ihrer Liebe vereinen. Amin.
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