Im Namen Gottes. Ha-Mim. In dieser Woche veröffentlichen wir die Übersetzung eines Textes einer bedeutenden Persönlichkeit der philosophia perennis, von dem wir glauben, dass er für viele von uns von besonderer Bedeutung sein mag. Dieser Denkschule, deren Anhängerkreis ich in einer bestimmten Phase meines Lebens mit Freude und Ehre angehörte, gedenke ich ihrer führenden Vertreter in Dankbarkeit: René Guénon (Abd al-Wahid Yahya al-Maliki al-Hamidi al-Shadhili), Frithjof Schuon (Isa Nur ad-Din Ahmad al-Shadhili ad-Darqawi al-Alawi al-Maryami) und Martin Lings (Abu Bakr Siraj ad-Din). Und Gott sei Dank wünsche ich dem noch lebenden Professor Seyyed Hossein Nasr, dem lebenden Repräsentanten dieser Schule, von Gott ein ruhiges und gesundes langes Leben.
Auf das Leben des großen Gelehrten René Guénon, des Autors des nachfolgenden Textes, werden wir hier nicht im Detail eingehen, ebenso wenig werden wir ausführliche Erläuterungen zur Denkschule selbst geben. Dies könnten wir vielleicht in den kommenden Monaten erwägen.
Den Originaltext (auf Französisch) oder die englische Fassung könnte man im Internet finden und vergleichen. Nach der Übersetzung des Textes haben wir eine kurze Schlussbemerkung hinzugefügt. Sämtliche Fußnoten, Hervorhebungen und sonstigen im Text sichtbaren Besonderheiten entsprechen exakt der englischen Originalfassung und wurden unverändert übernommen.
Es ist offensichtlich, dass der Text ausführlich erläutert und kommentiert werden müsste. Dafür gibt es hier jedoch weder den passenden Rahmen noch ausreichend Zeit. Möge Gott seinem Diener barmherzig sein, seine inneren Sorgen lindern und ihn sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits mit den von Gott geliebten Dienern vereinen. Amin. Lass uns anfangen.
DIE SPRACHE DER VÖGEL
René Guénon
Wa-s-saffati saffan,
Faz-zajirati zajran,
Fat-taliyati dhikran . . .
„Bei den sich Reihenden,
Bei den heftig Antreibenden,
Bei den Vortragenden zur Ermahnung.“
Koran 37:1–3
In verschiedenen Traditionen ist häufig von einer geheimnisvollen Sprache die Rede, die „Sprache der Vögel“ genannt wird – eine Bezeichnung, die eindeutig symbolisch ist, denn die große Bedeutung, die der Kenntnis dieser Sprache als Vorrecht einer hohen Initiation beigemessen wird, erlaubt es nicht, sie wörtlich zu nehmen. So lesen wir zum Beispiel im Koran: „Und Salomo war der Erbe Davids. Und er sprach: O ihr Menschen! Siehe, uns ist die Sprache der Vögel gelehrt worden (ʿullimna mantiq at-tayr), und uns ist von allen Dingen Fülle gegeben worden.“ (27:16) Andernorts lesen wir von Helden, die, nachdem sie den Drachen bezwungen haben, wie Siegfried in der nordischen Sage, augenblicklich die Sprache der Vögel verstehen. Und dies macht es leicht, den in Rede stehenden Symbolismus zu deuten. Der Sieg über den Drachen hat als unmittelbare Folge die Erringung der Unsterblichkeit, die durch einen Gegenstand dargestellt wird, dessen Zugang vom Drachen bewacht wird und diese Erringung schließt wesentlich die Reintegration in das Zentrum des menschlichen Zustandes ein, das heißt in jenen Punkt, an dem die Verbindung mit den höheren Seinszuständen hergestellt wird. Diese Verbindung ist es, die durch das Verstehen der Sprache der Vögel dargestellt wird und in der Tat werden Vögel häufig als Symbole für die Engel genommen, das heißt gerade der höheren Zustände. Wir hatten andernorts[1] Gelegenheit, das Gleichnis aus dem Evangelium anzuführen, das in eben diesem Sinne von den „Vögeln des Himmels“ spricht, die kommen und sich in den Zweigen des Baumes niederlassen, jenes Baumes, der die Achse darstellt, die durch das Zentrum jedes Seinszustandes verläuft und alle Zustände miteinander verbindet.[2]
Im oben angeführten koranischen Text wird der Ausdruck as-saffat wörtlich als die Vögel verstanden, symbolisch jedoch als Bezeichnung der Engel (al-malaʾikah) und so bezeichnet der erste Vers die Ordnung der himmlischen oder geistigen Hierarchien.[3] Der zweite Vers bringt den Kampf der Engel gegen die Dämonen, der himmlischen Mächte gegen die infernalischen Mächte zum Ausdruck, das heißt den Gegensatz zwischen höheren und niederen Zuständen.[4] In der hinduistischen Tradition ist dies der Kampf von Devas gegen Asuras und ebenso, nach einer Symbolik, die der Symbolik unseres Themas sehr nahekommt, der Kampf Garudas gegen Naga, die im Übrigen nichts anderes ist als die oben erwähnte Schlange oder der Drache. Garuda ist der Adler, und andernorts wird er durch andere Vögel ersetzt, wie etwa den Ibis, den Storch oder den Reiher, allesamt Feinde und Vernichter der Reptilien.[5] Schließlich heißt es im dritten Vers, dass die Engel dhikr rezitieren, der hier gewöhnlich als der Koran verstanden wird; selbstverständlich nicht der Koran, der in menschlicher Sprache ausgedrückt ist, sondern sein ewiges Urbild, das auf der „Wohlbehüteten Tafel“ (al-lawh al-mahfuz) eingeschrieben ist, die sich wie Jakobs Leiter vom Himmel zur Erde erstreckt und somit durch alle Stufen der universellen Existenz hindurch.[6] Ebenso heißt es in der hinduistischen Tradition, dass Devas sich in ihrem Kampf gegen Asuras durch die Rezitation der Hymnen des Veda schützen (achhandayan), und dass die Hymnen aus diesem Grund den Namen chhandas erhielten, ein Wort, das „Rhythmus“ bezeichnet. Die gleiche Vorstellung ist im Wort dhikr enthalten, das im islamischen Esoterismus für rhythmische Formeln verwendet wird, die genau den hinduistischen mantras entsprechen. Die Wiederholung dieser Formeln zielt darauf ab, eine Harmonisierung der verschiedenen Elemente des Seins hervorzubringen und Schwingungen zu erzeugen, die durch ihre Rückwirkungen in der ungeheuren Hierarchie der Zustände imstande sind, eine Verbindung mit den höheren Zuständen herzustellen, was in allgemeiner Weise der wesentliche und ursprüngliche Zweck aller Riten ist.
Dies führt uns unmittelbar und sehr deutlich zu dem zurück, was oben über die „Sprache der Vögel“ gesagt wurde, die wir auch „Engelssprache“ nennen können und deren Abbild in der menschlichen Welt die rhythmische Rede ist, denn die „Wissenschaft des Rhythmus“[*], die vielfältige Anwendungen zulässt, ist die eigentliche Grundlage aller Mittel, die eingesetzt werden können, um in Verbindung mit den höheren Zuständen zu treten. Deshalb sagt eine islamische Tradition, dass Adam im irdischen Paradies in Versen sprach, das heißt in rhythmischer Rede. Dies steht in Beziehung zu jener „syrischen Sprache“ (lughah suryaniyyah), von der wir in unserer früheren Untersuchung über die „Wissenschaft der Buchstaben“ gesprochen haben und die als unmittelbare Übersetzung der „solaren und engelischen Erleuchtung“ zu betrachten ist, wie sie sich im Zentrum des menschlichen Zustandes manifestiert. Dies ist auch der Grund, weshalb die Heiligen Bücher in rhythmischer Sprache verfasst sind, was sie offenkundig zu etwas ganz anderem macht als bloße „Gedichte“ im rein profanen Sinne, als die sie die antitraditionelle Voreingenommenheit der modernen Kritiker ansehen möchte. Im Übrigen war die Dichtung in ihren Ursprüngen keineswegs jene eitle „Literatur“, zu der sie durch eine aus dem absteigenden Verlauf des menschlichen Zyklus hervorgegangene Degeneration geworden ist, sondern sie besaß einen wahrhaft sakralen Charakter.[7] Spuren davon lassen sich im Westen bis in die klassische Antike hinein finden, als die Dichtung noch als die „Sprache der Götter“ bezeichnet wurde, ein Ausdruck, der denen gleichwertig ist, die wir angeführt haben, insofern die Götter, das heißt Devas[8], ebenso wie die Engel die Darstellung der höheren Zustände sind. Im Lateinischen wurden die Verse carmina genannt, eine Bezeichnung, die sich auf ihren Gebrauch bei der Vollziehung von Riten bezieht, denn das Wort carmen ist identisch mit Sanskrit karma, das hier in seinem besonderen Sinn von „ritueller Handlung“[9] zu verstehen ist; und der Dichter selbst, der Ausleger der „sakralen Sprache“, durch die das göttliche Wort erscheint, war vates, ein Wort, das ihn als mit einer gewissermaßen prophetischen Eingebung begabt kennzeichnete. Später wurde vates durch eine weitere Degeneration zu nichts anderem mehr als einem gewöhnlichen „Wahrsager“[10], und carmen (von dem das englische Wort charm herkommt) zu nichts weiter als einem „Zauberspruch“, das heißt zu einer Operation niedriger Magie. Auch hierin zeigt sich erneut die Tatsache, dass die Magie, ja selbst die Zauberei, als letztes Überbleibsel verschwundener Traditionen fortbesteht.[**]
Diese wenigen Hinweise sollten genügen, um zu zeigen, wie töricht es ist, über Erzählungen zu spotten, die von der „Sprache der Vögel“ sprechen. Es ist allzu leicht und allzu bequem, alles, was man nicht versteht, als Aberglauben zu verwerfen. Die Alten jedoch wussten sehr wohl, was sie meinten, wenn sie eine symbolische Sprache verwendeten. Der eigentliche „Aberglaube“ im streng etymologischen Sinn (quod superstat) ist das, was fortbesteht, kurz gesagt: der „tote Buchstabe“. Doch selbst dieses bloße Fortbestehen ist, so belanglos es auch erscheinen mag, keineswegs verächtlich, denn der Geist, der „weht, wo er will“ und wann er will, kann jederzeit kommen, um Symbole und Riten neu zu beleben und ihnen samt ihrem verlorenen Sinn die Fülle ihrer ursprünglichen Wirkkraft zurückzugeben.
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[1] Man and His Becoming according to the Vedanta,Kap. 3.
[2] Im mittelalterlichen Symbol des Peridexion (eine Entstellung des Wortes Paradision) sieht man die Vögel auf den Zweigen des Baumes und den Drachen zu seinem Fuß (vgl. The Symbolism of the Cross, Kap. 9). In einer Studie über die Symbolik des „Paradiesvogels“ (Le Rayonnement intellectuel, Mai-Juni 1930) hat Charbonneau-Lassay eine Skulptur reproduziert, in der dieser Vogel nur durch einen Kopf und Flügel dargestellt ist, eine Form, die häufig zur Darstellung der Engel verwendet wird (vgl. Le Bestiaire du Christ, Kap. 46, S. 425).
[3] Das Wort saff oder „Rang“ ist eines jener zahlreichen Wörter, die als Ursprung des Wortes sufi und tasawwuf vorgeschlagen worden sind. Und obwohl diese Ableitung aus rein linguistischer Sicht nicht annehmbar erscheint, ist es nichtsdestoweniger wahr, wie bei vielen anderen Ableitungen derselben Art, dass sie eine der Vorstellungen darstellt, die in diesen Begriffen tatsächlich enthalten sind, denn die „geistigen Hierarchien“ sind ihrem Wesen nach identisch mit den Graden der Initiation.
[4] Dieser Gegensatz drückt sich in jedem Wesen durch die beiden Tendenzen aus, die aufsteigende und die absteigende, welche die hinduistische Lehre sattva und tamas nennt. Es ist auch jener Gegensatz, den der Mazdaismus durch den Antagonismus zwischen Licht und Finsternis symbolisiert, personifiziert durch Ormuzd bzw. Ahriman.
[5] Siehe zu diesem Thema die bemerkenswerten Arbeiten von Louis Charbonneau-Lassay über die Tiersymbole Christi (vgl. Le Bestiaire du Christ). Es ist wichtig festzuhalten, dass der symbolische Gegensatz von Vogel und Schlange nur dann gilt, wenn die Schlange unter ihrem unheilbringenden Aspekt betrachtet wird, im Gegenteil, unter ihrem heilbringenden Aspekt wird sie manchmal mit dem Vogel vereint, wie im Fall von Quetzalcoatl in den alten mesoamerikanischen Traditionen. Überdies findet man auch in Mexiko den Kampf des Adlers gegen die Schlange. Was die Verbindung von Vogel und Schlange betrifft, so können wir an das Evangeliumswort erinnern: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ (Mt 10,16).
[6] Zur Symbolik des Buches, auf das sich dies unmittelbar bezieht, siehe The Symbolism of the Cross, Kap. 14.
[*] Anm. d. Hrsg.: Siehe „The Science of Letters“ in René Guénon, Grundlegende Symbole: Die universelle Sprache der heiligen Wissenschaft, Kapitel 8.
[7] Es kann überdies in allgemeiner Weise gesagt werden, dass die Künste und Wissenschaften durch eben jene Art von Degeneration profan geworden sind, die sie ihrer traditionalen Natur beraubt und infolgedessen jeder höheren Bedeutung. Wir haben davon gesprochen in The Esoterism of Dante, Kap. 2, und The Crisis of the Modern World, Kap. 4 [Anm. d. Hrsg.: Siehe auch René Guénon, The Reign of Quantity and the Signs of the Times,Kap. 8.
[8] Das Sanskrit-Wort Deva und das lateinische deus sind ein und dasselbe Wort.
[9] Das Wort „Dichtung“ leitet sich auch vom griechischen poiein ab, das dieselbe Bedeutung hat wie die Sanskrit-Wurzel kri, von der karma herkommt, die sich wiederum im lateinischen creare findet, verstanden in seiner ursprünglichen Bedeutung; am Anfang handelte es sich also um etwas ganz anderes als eine bloße künstlerische oder literarische Produktion im profanen Sinne, den Aristoteles offenbar ausschließlich im Auge hatte, als er von dem sprach, was er die „poetischen Wissenschaften“ nannte.
[10] Das Wort „Wahrsager“ selbst ist nicht weniger von seiner Bedeutung abgewichen, denn etymologisch ist es nichts anderes als divinus, was hier „Deuter der Götter“ bedeutet. Die „Auspizien2 (von aves spicere, „die Vögel beobachten“), Vorzeichen, die aus dem Flug und Gesang der Vögel gezogen wurden, stehen der „Sprache der Vögel“ näher, die in diesem Fall im wörtlichsten Sinne verstanden wird, aber dennoch mit der „Sprache der Götter“ gleichgesetzt wird, von denen man glaubte, dass sie ihren Willen durch diese Vorzeichen kundtun. Die Vögel spielten somit die Rolle von „Boten“, analog – wenn auch auf einer sehr niederen Ebene – zu jener Rolle, die allgemein den Engeln zugeschrieben wird (woher auch ihr Name rührt, denn dies ist genau die Bedeutung des griechischen aggelos).
[**] Anm. d. Hrsg.: Zu dieser Frage der Ursprünge von Magie und Zauberei siehe René Guénon, Fundamental Symbols, Kap. 22, „Seth“, letzter Absatz.
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NACHWORT
(Von Discipilus Magistri Magni)
René Guénons Text „Die Sprache der Vögel“ mag auf den ersten Blick rätselhaft und unzugänglich erscheinen. Doch dieser Text sucht in Wahrheit eine Antwort auf die tiefste Frage der Menschheitsgeschichte: „Wie kann der Mensch zu seiner verlorenen Ganzheit zurückkehren?“
Wir Menschen der modernen Welt erleben das Leben in der Regel auf einer horizontalen Ebene. Unsere täglichen Aufgaben, unsere Ziele, unsere Beziehungen – all dies vollzieht sich auf derselben Ebene. Doch was Guénon andeutet und was das gemeinsame Wissen aller alten Traditionen darstellt, ist Folgendes: Das Sein ist nicht horizontal, sondern vertikal. Es gibt obere Welten und untere Welten. Der Mensch befindet sich irgendwo auf dieser vertikalen Achse und steigt entweder nach oben auf oder fällt nach unten. Die „Sprache der Vögel“ ist genau der Schlüssel zu diesem Aufstieg.
Er beginnt den Text mit einer sehr wichtigen Warnung: Der Ausdruck „Sprache der Vögel“ ist „offensichtlich symbolisch“ und „kann nicht wörtlich genommen werden“. Der moderne Leser mag an dieser Stelle denken: „Wenn es symbolisch ist, also nicht ‚real‘, warum ist es dann so wichtig?“ Doch diese Frage entspringt einem grundlegenden Missverständnis dessen, was ein Symbol ist. Ein Symbol ist keine Metapher. Eine Metapher versucht, etwas durch Vergleich mit etwas anderem zu erklären und verweist auf eine Realität außerhalb ihrer selbst. Das Symbol hingegen trägt die Realität, auf die es verweist, in sich. Zwischen Symbol und Symbolisiertem besteht eine ontologische Verbindung.
Wenn wir beispielsweise sagen „die Liebe ist ein Feuer“, ist es eine Metapher – die Liebe ist nicht wirklich Feuer, sie wird nur mit Feuer verglichen. Das Symbol des Feuers jedoch trägt wirklich kosmische Prinzipien wie Destruktivität und Läuterung in sich. Feuer in der physischen Welt und die läuternde Kraft des Feuers in der metaphysischen Welt sind unterschiedliche Manifestationen desselben Prinzips. So verhält es sich auch mit der Sprache der Vögel. Es geht nicht wirklich um das Sprechen von Vögeln, aber was die Vögel repräsentieren – also höhere Seinszustände, Engel, transzendente Bewusstseinsebenen – ist absolut real.
Wie er andeutet, können manche Realitäten nicht mit begrifflicher Sprache ausgedrückt werden. Von oberen Seinszuständen zu sprechen ist, als würde man versuchen, sie mit der Sprache unterer Seinszustände, der Alltagssprache, zu erklären. Es ist unmöglich. Das Symbol ist der Weg, diese Unmöglichkeit zu überwinden. Das Symbol zeigt, aber definiert nicht. Es deutet an, aber begrenzt nicht. Es öffnet eine Tür eher für intuitive Erkenntnis als für mentales Verstehen. Die moderne Welt hat es verloren. Man glaubt nun, dass alles „klar ausgedrückt“ und „wissenschaftlich definiert“ werden müsse. Doch wie er zeigt, entfernt uns diese Haltung tatsächlich von der Wirklichkeit. Denn die tiefsten Realitäten können nicht definiert werden.
Er sagt im Text deutlich: „Vögel werden häufig als Symbol für Engel genommen, das heißt genau für obere Zustände“. Warum Vögel? Weil Vögel fliegen. Sie sind nicht an den Boden gebunden, sie können nach oben steigen. Sie sind leicht. Sie haben sich von der Schwere der Materie befreit. Sie singen. Sie verwenden eine Art transzendente Sprache, melodische Kommunikation.
Aber was bedeuten Engel? Wenn der moderne Leser das Wort „Engel“ hört, mag er an geflügelte Kinderfiguren oder religiöse Ikonographie denken. Doch in der perennialen Philosophie ist der Engel eine ontologische Kategorie, die obere Ebenen des Seins repräsentiert. Das Sein ist in einer Hierarchie organisiert. Engel sind die Bezeichnung für Seinszustände, die in dieser Hierarchie über dem Menschen stehen. Keine anthropomorphen Figuren, sondern Bewusstseinsebenen.
Er stellt im Text diese kritische Verbindung her: Den Drachen zu besiegen ist die Voraussetzung dafür, die Sprache der Vögel zu verstehen. In der Siegfried-Sage beginnt er nach der Tötung des Drachen, die Sprache der Vögel zu verstehen. In der islamischen Symbolik kennt der Prophet Salomo die Sprache der Vögel. In der hinduistischen Symbolik gibt es den Kampf zwischen Garuda (Adler) und Naga (Schlange). Die Schlange symbolisiert in vielen Traditionen untere Seinszustände: Sie kriecht am Boden – Verhaftung an die Materie. Sie ist giftig – destruktive, dunkle Kräfte. Sie gehört zur Erde – irdische, physische Welt. Aber Achtung: Die Schlange ist nicht an sich „böse“. In manchen Traditionen repräsentiert die Schlange auch Weisheit (Kundalini, Caduceus). Entscheidend ist, dass der Mensch die Schlange besiegt, das heißt ihre Energie kontrolliert und nach oben lenkt.
Was bedeutet es, den Drachen zu besiegen? Dies ist keine psychologische Metapher. Er sagt deutlich: Dies ist „Reintegration“, also dass der Mensch sich wieder in der Mitte seines eigenen Zustands ansiedelt. Was bedeutet „sich in der Mitte ansiedeln“? Der moderne Mensch hat sein Zentrum verloren. Er ist nach außen geschleudert worden – von Begierden, Ängsten, Sorgen, Gedanken wird er in alle Richtungen gezogen. Das Zentrum hingegen ist das Wesen des Menschen, das unveränderliche Zeugenbewusstsein, reine Gewahrsein. Den Drachen zu besiegen bedeutet, dieser Zerstreuung durch äußere Kräfte ein Ende zu setzen und zum Zentrum zurückzukehren. Und erst wenn man zu diesem Zentrum zurückgekehrt ist, kann man Verbindung zu höheren Zuständen herstellen. Denn das Zentrum ist der Punkt, an dem sich die vertikale Achse befindet.
Er verwendet einen Vergleich aus der Bibel: „Die Vögel des Himmels kommen und setzen sich auf die Zweige des Baumes“. Der Baum ist hier axis mundi, also die Weltachse. Diese Achse reicht von der Erde zum Himmel, verbindet alle Seinszustände miteinander, repräsentiert das Zentrum. Die Vögel, die sich auf die Zweige des Baumes setzen, zeigen, wie der im Zentrum angesiedelte Mensch mit höheren Zuständen kommuniziert. Ohne Zentrum ist diese Kommunikation unmöglich. Der moderne Mensch hat den Baum verloren. Er lebt auf einer einzigen Ebene, horizontal. Er hat die Dimension nach oben und unten vergessen. Die Sprache der Vögel erscheint unverständlich, weil es keinen Baum gibt, auf den die Vögel sich setzen könnten.
Er zitiert zu Beginn des Textes die ersten drei Verse der Sure as-Saffat: „Wa-s-saffati saffan, faz-zajirati zajran, fat-taliyati dhikran […].“ Er sagt, dass diese Verse jenseits ihrer wörtlichen Bedeutung eine tiefe symbolische Struktur tragen. Im ersten Vers repräsentieren „die sich in Reihen Aufstellenden“ wörtlich die Vögel, symbolisch die Engel, spirituelle Wesen, die kosmische Hierarchie. „Sich in Reihen aufstellen“ ist keine chaotische Menge, sondern eine geordnete Hierarchie. Wie er andeutet, bedeutet es „die Ordnung der himmlischen oder spirituellen Hierarchien“. Der kritische Punkt hierbei ist: Der Kosmos ist kein Chaos. Die Seinsebenen sind nicht willkürlich angeordnet, sondern in einer bestimmten Ordnung. Die Engel sind die Manifestation dieser Ordnung.
Den Ausdruck „die heftig Antreibenden“ im zweiten Vers interpretiert Guénon als „den Kampf der Engel mit den Dämonen, der himmlischen Kräfte mit den höllischen Kräften“. Es ist nicht nur eine mythologische Erzählung, sondern eine kosmische Wirklichkeit. Auf jeder Ebene des Seins gibt es einen Konflikt: zwischen Kräften, die nach oben ziehen, und Kräften, die nach unten ziehen; zwischen Spiritualität und Materialität. Der Mensch steht genau in der Mitte dieses Kampfes. Die Sprache der Vögel zu sprechen bedeutet, im Einklang mit den nach oben ziehenden Kräften zu sein. Beim Ausdruck „die das Gedenken Vortragenden“ im dritten Vers deutet er auf diesen kritischen Punkt hin: Das Gedenken, das die Engel vortragen, ist „nicht der in menschlicher Sprache ausgedrückte Koran, sondern sein ewiges Prinzip, das auf der Wohlverwahrten Tafel geschrieben steht.“
Die Wohlverwahrte Tafel ist ein metaphysisches Konzept. Es ist die Welt, in der alles göttliche Wissen in seiner reinen Form existiert, bevor es manifestiert wird. Dieser Ort liegt jenseits der Zeit (ewig), jenseits der Form (archetypisch), er ist die Quelle der Manifestation. Wie er sagt, „erstreckt sich diese Tafel wie Jakobs Leiter vom Himmel zur Erde“. Das heißt, sie umfasst alle Seinsebenen. Der archetypische Koran, den die Engel rezitieren, ist die Quelle des Korans, den wir mit unserer Sprache lesen können. Die Sprache der Vögel ist genau diese direkte Erkenntnis des archetypischen Wissens.
Er führt aus dem Koran (27:16) folgenden Vers an: „Und Salomo wurde Davids Erbe. Er sagte: O ihr Menschen! Uns wurde die Sprache der Vögel gelehrt und uns wurde von allem gegeben.“ Der Prophet Salomo ist in den Traditionen sowohl König als auch Weiser. Er besitzt nicht nur irdische Macht, sondern auch spirituelle Wahrheit. Diese doppelte Autorität zeigt, dass er sich in einer zentralen Position befindet. Guénon sagt, dieser Ausdruck sei „das Privileg einer höheren Einweihung“. Einweihung ist ein Konzept, das in der modernen Welt verloren gegangen ist. Einweihung bedeutet nicht, ein Buch zu lesen, nicht, Wissen auswendig zu lernen, nicht, einen Grad zu erwerben. Einweihung ist der Übergang von einem Seinszustand zu einem anderen Seinszustand. Es ist eine ontologische Transformation. Dass Salomo die Sprache der Vögel kennt, zeigt, dass er höhere Bewusstseinsebenen erreicht hat.
Er widmet im Text dem Begriff des Rhythmus einen besonderen Platz und sagt: „Die Wissenschaft des Rhythmus ist die wahre Grundlage für den Kontakt mit höheren Zuständen.“ Wenn der moderne Leser das Wort „Rhythmus“ hört, mag er an ein musikalisches Maß oder ein ästhetisches Element denken. Doch der Rhythmus, von dem er spricht, ist ein kosmisches Prinzip.
Der Kosmos besteht durch Rhythmus: Die Bewegungen der Planeten sind rhythmisch, der Wechsel der Jahreszeiten ist rhythmisch, Ein- und Ausatmen sind rhythmisch, der Herzschlag ist rhythmisch. Rhythmus ist der Ausdruck von Ordnung, Harmonie, Einklang. Chaos ist nicht rhythmisch. Nur was geordnet ist, ist rhythmisch. Doch der moderne Mensch hat diesen Rhythmus verloren: Er schläft unregelmäßig, isst unregelmäßig, denkt unregelmäßig, inneres Chaos herrscht. Dhikr, mantra und Ritual sind die Mittel, um den Menschen wieder in Einklang mit dem kosmischen Rhythmus zu bringen.
Er stellt eine direkte Verbindung zwischen dhikr (Islam) und mantra (Hinduismus) her und sagt, dass beide „rhythmische Formeln“ sind. Laut ihm harmonisiert die Wiederholung dieser Formeln verschiedene Elemente des Seins, erzeugt Schwingungen, stellt durch hierarchische Rückkopplungen Verbindung zu höheren Zuständen her. Es ist kein mechanischer Prozess. Die Formel wie ein Papagei zu wiederholen, hat keine Bedeutung. Entscheidend sind die Absicht, die Konzentration und die innere Harmonie hinter der Wiederholung. Beim dhikr rhythmisiert der Mensch zunächst seinen Körper (Bewegung, Atem), dann rhythmisiert er seinen Geist (Gedanken nehmen ab, Konzentration auf die Formel), schließlich tritt sein ganzes Sein in eine einzige Schwingung ein. Wenn diese Schwingung im Einklang mit der kosmischen Schwingung ist, öffnen sich Türen. Wie er sagt: „Dies ist das ursprüngliche und spezifische Ziel aller Rituale.“
Er betont: „Die heiligen Schriften sind in rhythmischer Sprache verfasst.“ Warum? Weil heilige Schriften nicht nur Wissen vermitteln, nicht nur moralische Lehren geben, nicht nur Geschichten erzählen. Sie tragen die Stimme der kosmischen Wirklichkeit. Ihre rhythmische Struktur ist ein Spiegelbild dieser Wirklichkeit. Im arabischen Original des Korans gibt es einen großartigen Rhythmus. Die Verse fließen in einem bestimmten Maß, die Reimendungen sind harmonisch, die phonetische Struktur erzeugt Schwingungen. Wie er andeutet, betrachten moderne Kritiker heilige Schriften als Poesie und nehmen sie nicht ernst. Doch in der alten Welt war Poesie eine heilige Sprache, die „Sprache der Götter“.
Eine islamische Überlieferung, die er anführt: „Adam sprach im Paradies in Versen (in Poesie/rhythmischer Sprache).“ Das Paradies repräsentiert den verlorenen zentralen Zustand. Als Adam im Paradies war, also im Zentrum, war seine Sprache natürlich rhythmisch. Denn in diesem Zustand ist der Mensch in vollkommener Einheit mit der kosmischen Harmonie. Der Fall ist die Störung dieser Harmonie. Er verwendet den Ausdruck „syrische Sprache“ und sagt, dies sei „die direkte Übersetzung der Sonne und der engelhaften Erleuchtung“. Syrisch ist hier keine wörtliche Sprache, sondern die erste, archetypische Sprache, die im zentralen Zustand gesprochen wird.
Er erzählt im Text die Geschichte der Poesie – wie sie sich von einer heiligen Sprache im modernen Zeitalter zu einer „leeren literarischen Beschäftigung“ wandelte. In der alten Welt war Poesie eine heilige Sprache. Sie hatte eine rituelle Funktion. Sie wurde vom vates (Seher-Dichter) gesprochen. Diese Person sprach mit göttlicher Inspiration. Carmen (Latein) bedeutet Gedicht, aber auch karma (Sanskrit) bedeutet rituelle Handlung. Das heißt, ein Gedicht zu schreiben war keine gewöhnliche literarische Tätigkeit, sondern eine rituelle Handlung. Der Dichter übermittelte die Stimme der Götter.
In der modernen Welt ist Poesie individueller Ausdruck. Die eigenen Gefühle und Gedanken des Dichters. Sie ist eine ästhetische Beschäftigung. Ihre göttliche Verbindung ist gekappt, nur ein menschliches Produkt. Er nennt es „Degeneration“ und sagt, es sei „eine Verfallserscheinung, die aus dem absteigenden Gang des menschlichen Zyklus resultiert“.
Er stellt eine sehr wichtige etymologische Verbindung her: carmen ist karma. Es ist kein Zufall. Es gibt einen gemeinsamen Ursprung, und in diesem Ursprung waren Gedicht und Ritual dasselbe. Wenn der moderne Leser das Wort „Ritual“ hört, mag er an eine religiöse Zeremonie denken. Doch das Ritual, von dem er spricht, trägt eine tiefere Bedeutung: Ritual ist Handlung im Einklang mit höheren Wirklichkeiten. Poesie war auch eine solche Handlung. Ein Gedicht zu sprechen bedeutete nicht, willkürlich Worte zu wählen. Die Worte in eine rhythmische Ordnung zu bringen bedeutete, Einklang mit der kosmischen Ordnung herzustellen. Die Worte auszusprechen bedeutete, schöpferische Kraft anzuwenden.
Vates bedeutete auf Latein sowohl „Dichter“ als auch „Seher“. Der wahre Dichter erfindet nicht aus seinem Kopf, sondern göttliche Inspiration empfängt und weitergibt. Die Zukunft sehen kann, weil er Zugang zur Welt jenseits der Zeit hat. In der modernen Welt sind „Dichter“ und „Seher“ völlig getrennte Kategorien. Der eine gilt als Künstler, der andere als Scharlatan. Doch in der alten Welt war dies dieselbe Person, und diese Person hatte einen heiligen Platz in der Gesellschaft. Wie er andeutet, wurde vates mit der Zeit zu einem „Wahrsager, der Prophezeiungen verkauft“. Es ist die Degeneration selbst. Ja, diese Degeneration ist sogar unter Sufi-Gruppen verbreitet. Sie behaupten beispielsweise aufrichtig, dass Qasiden (i.e. Ode oder panegyrische Dichtung) der Meister keine Poesie seien oder dass die Meister niemals als Dichter bezeichnet werden könnten.
Er macht diese eindrucksvolle Beobachtung: „Carmen (Gedicht) wurde mit der Zeit zu charm (Zauber/Magie).“ Das englische Wort „charm“ stammt vom lateinischen „carmen“. Aber seine Bedeutung ist nun „ein magischer Spruch, ein Amulett“ oder etwas Ähnliches geworden. Er sagt hier Folgendes: Magie und Zauber sind die letzten Überreste verlorener Traditionen.
In der alten Welt gab es heilige Kräfte. Diese wurden durch richtige Rituale, richtige Worte aktiviert. Doch mit dem Verfall der Tradition ging die Bedeutung verloren, aber die Formen blieben. Niemand wusste mehr, was diese bedeuteten, aber die Menschen verwendeten diese Formen weiter. Das Ergebnis: Magie, Zauber, Aberglaube. Der moderne Mensch sieht es und erblickt „Aberglauben“. Er aber sagt: Nein, dies ist das Fossil einer toten Tradition. Nicht bedeutungslos. Die Bedeutung ist vergessen.
Er endet mit einer optimistischen Note. Ja, die Formen mögen tot sein, aber sie sind nicht vollständig verschwunden. Und der Geist (das heißt die göttliche Kraft) kann diese Formen jederzeit wieder beleben. Es bedeutet, dass traditionelles Wissen nicht vollständig verloren geht. Es kann verborgen bleiben, vergessen werden, aber eines Tages kann es wieder auftauchen.
Ein Konzept, das er im Text ständig betont: Das Zentrum. Im geometrischen Sinne die genaue Mitte eines Kreises, der Punkt, an dem alle Radien zusammenlaufen. Im symbolischen Sinne das unveränderliche Wesen des Menschen, das Selbst, das Zeugenbewusstsein, atman. Der moderne Mensch ist an der Peripherie. Er ist in die äußere Welt geschleudert worden. Er hat das Zentrum verloren.
Die Essenz von ihm Botschaft ist folgende: Der Mensch hat nichts verloren. Er hat es vergessen. Die Sprache der Vögel ist keine Fähigkeit, die gelehrt werden muss. Sie ist eine Erkenntnis, die bereits da ist. Doch wenn der Mensch das Zentrum verliert, geht auch diese Erkenntnis verloren. Aus seinem Text können folgende Prinzipien abgeleitet werden: Besiege den Drachen und kontrolliere deine niederen Neigungen, brich die Abhängigkeit von der Materie, kehre zum Zentrum zurück. Entdecke den Rhythmus wieder und lebe regelmäßig, praktiziere dhikr/mantra, komme in Einklang mit natürlichen Rhythmen. Lerne die Symbole wieder und nimm nicht alles wörtlich, suche nach tiefen Bedeutungen, studiere traditionelle Lehren. Höre die Stille und befreie dich vom Lärm des Geistes, stehe in der inneren Stille, öffne deine Ohren, um die Sprache der Vögel zu hören.
Der moderne Mensch mag denken: „Das sind Dinge aus alten Zeiten. Heute sind sie nicht mehr gültig.“ Er sagt genau das Gegenteil: Die Wahrheit ändert sich nicht. Nur die Menschen ändern sich, entfernen sich. Auch heute ist das Zentrum noch da, die oberen Welten existieren noch, die Sprache der Vögel wird immer noch gesprochen. Das Problem ist: Wir hören nicht zu. Mit moderner Technologie, Lärm, Zerstreutheit, Hektik, Chaos haben wir unsere Stimme verloren. Es gibt keine innere Stille, deshalb können wir die feinen Stimmen nicht hören. Aber wenn Stille kommt in der Meditation, in der Natur, im Traum, in einer plötzlich kommenden Intuition, singen die Vögel immer noch.
Möge der Wahre unserem Herzen und unserer Seele Rhythmus geben.
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