Einführung: Geistige Säulen zwischen Himmel und Erde
Im Namen Gottes. Ha-Mim. Zwischen Himmel und Erde, die durch den Befehl „Sei!“ des Barmherzigen und Gnädigen in das Gewand der Existenz getreten sind, stehen unsichtbare Pfeiler aus Geistigkeit. Auf ihrer himmlischen Kraft ruht die Erde, und durch eben diese Kraft bleibt sie in ihrer Gestalt bestehen. Schahab ad-Din Ahmad asch-Scharnubi gilt als eine der bedeutendsten spirituellen Persönlichkeiten der islamischen Geschichte.
Diese Säulen sind Prüfsteine, die dem Dasein Sinn verleihen und es vor dem Zerfall bewahren. Ihre leibliche Erscheinung ist – je nach Zeit und Ort – ein Geschenk für jene, die ihrer Nähe teilhaftig werden. Doch ihre geistige Gegenwart ist eine Quelle des Segens für das gesamte Universum. Alles Seiende nährt sich aus diesem Ursprung, wie Strahlen, die von einem unsichtbaren Sonnenquell ausgehen und die Welt im Geheimnis des Lichts durchdringen.
Doch jede und jeder dieser Pfeiler trägt auch ein menschliches Antlitz – eines, das in der Geschichte verborgen blieb. Ein solches Antlitz erschien im Jahr 1525, als im unscheinbaren Dorf Scharnub im Westen Ägyptens ein Kind geboren wurde.
Wenn die Sonne über dem Nildelta aufging, hallte in den Straßen von Scharnub bereits der Ruf des Muezzin wider. Sein Name sollte später weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus bekannt werden.
Einer von jenen ist Schahab ad-Din Abu l-Abbas Ahmad ibn Uthman asch-Scharnubi al-Maliki al-Burhani – ein Name, der in den Versammlungen der Sufis ehrfürchtig geflüstert wird. In diesem und in einigen folgenden Texten will ich versuchen, die Lebensgeschichte dieser erhabenen Persönlichkeit zu schildern. Da ich nicht genau weiß, von welchem Punkt aus diese Erzählung am besten zu beginnen wäre, begnüge ich mich in diesem Beitrag mit einer allgemeinen Einführung. In den kommenden Schriften aber werden wir gemeinsam Zeugen sein, wie sich diese Darstellung weiter entfaltet.

Die Geburt und frühe Jahre von Schahab ad-Din Ahmad asch-Scharnubi
Dieses Dorf, umgeben von den Städten Damanhur im Nordwesten und Disuq im Nordosten, war ein Ort, an dem Muslime und Christen nebeneinander lebten. Die Felder rund um das Dorf lagen im satten Grün des Nildeltas. Fruchtbarkeit und Einfachheit bestimmten das Leben der Menschen. Man schildert, dass die Luft von der Nähe des Wassers durchzogen war und dass in dieser Landschaft schon seit Jahrhunderten fromme Männer und Frauen ihre Spuren hinterließen. So erschien Scharnub als ein unscheinbarer Ort. Und doch als ein Boden, auf dem das Neue und Unerwartete keimen konnte. Alte Chronisten berichten sogar, dass sich in der Nähe eine Kirche des heiligen Antonius befand und dass der Prophet Dschirdschis – den Christen als Georg bekannt – einst dort gewirkt habe.
Herkunft und Abstammung von Schahab ad-Din Ahmad asch-Scharnubi
Ahmad asch-Scharnubi trug viele Namen. Die Menschen nannten ihn Imam Scharnubi oder auch Ahmad al-Arab. Sein Vater Uthman ruhte später in der Nähe von Alexandria, seine Mutter Abida entstammte einer edlen Linie, die bis zu Abu Bakr ar-Raʿi zurückführte. Doch schon im Alter von sieben Jahren verlor Ahmad seine Mutter – ihr Grab fand man in einem Viertel, das bis heute Mahallat al-Marhum (Das Viertel der Seligen) heißt. Von Geburt an galt er als Sayyid, als Nachkomme des Hauses des Propheten (möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken), über eine lange Kette von Vorfahren, die sich bis zu Imam Husain und schließlich zu Imam Ali ibn Abi Talib zurückverfolgen lässt. Die vollständige Genealogie lautet: Ahmad ibn Uthman ibn Ahmad ibn Ali Nureddin ibn Ahmad Abu l-Abbas ibn Muhammad ibn Ahmad ibn Muhammad ibn Ahmad ibn Ali al-Barhami al-Makni ibn Chidr ibn Ali ibn Muhammad ibn Yusuf ibn Suleiman ibn Abd al-Muheymin ibn Abd al-Chalik Salahuddin ibn Muhammad Kamer ad-Daula ibn Hasan ibn Hasan as-Sayyid ibn Ibrahim al-Ghalib ibn Umar ibn Muhammad Abd as-Salam ibn Ibrahim ar-Rida ibn Musa al-Kasim ibn Dschafar as-Sadiq ibn Muhammad al-Baqir ibn Ali Zain al-Abidin ibn Husain ibn Ali ibn Abi Talib.

Kindheit und erste spirituelle Zeichen von Schahab ad-Din Ahmad asch-Scharnubi
Über seine Kindheit wissen die Chroniken nicht viel. Aber Legenden und Erzählungen künden davon, dass schon der Knabe Ahmad von einem tiefen Zug ins Spirituelle ergriffen war. Man erzählt, wie er als Hirtenjunge mit seinen Schafen hinaus in die Hügel zog, während er die Worte des Gedenkens (dhikr) wiederholte. Oft hatte er in seiner Tasche ein paar Brote, die seine Mutter ihm mitgegeben hatte. Doch wenn er in das Meer des Dhikr eintauchte, kam es vor, dass andere Kinder die Brote nahmen und Steine an ihre Stelle legten. Und doch – wenn Ahmad später seine Tasche öffnete, lagen die Brote unversehrt darin, als hätte die unsichtbare Hand des Himmels sie bewahrt. Solche Zeichen machten den Jungen aufmerksam auf ein anderes Ziel: Er brach nach Mekka auf, wo er sieben Jahre lang als Mudschawir, als Diener der heiligen Stätte, lebte. Dort vertiefte er seine Frömmigkeit, dort erlernte er die Nähe Gottes, bis er nach Jahren der Einkehr zurückkehrte und sich in Damanhur niederließ. Dort verbrachte er mehrere Jahre in stiller Betrachtung, während er seine spirituellen Erfahrungen vertiefte. Doch dies war nur die Vorbereitung.
Der Traum und die Berufung nach Konstantinopel
Sein eigentlicher Aufstieg begann, als er dem Ruf eines Traumes folgte. In einer Vision sprach der Prophet (möge Gott ihn segnen und ihm Frieden schenken) zu ihm: „O Ahmad, geh nach Konstantinopel! Suche den großen Meister Nureddinzade auf, denn er ist in dieser Zeit das Oberhaupt der Erkennenden.“ Eigentlich bedeutet suchen hier: Auserwählt sein. Doch kehren wir zum Thema zurück.
Begegnung mit Nureddinzade
Nureddinzade (Filibeli Mustafa Muslihuddin, gest. 1574) galt als einer der bedeutendsten Sufi-Meister des 16. Jahrhunderts. Dieser außergewöhnliche geistliche Anführer stand Sultan Süleyman und dem mächtigen Großwesir Sokullu Mehmed Pascha nahe und leitete sie in sufischen Angelegenheiten. Seine sufische Autorität war so groß, dass Sokullu Mehmed Pascha eigens für ihn eine prächtige Tekke errichten ließ. Durch diesen prophetischen Traum wurde Ahmad asch-Scharnubi nicht zu irgendeinem Meister geleitet, sondern zur höchsten mystischen Instanz des Osmanischen Reiches. Diese schicksalhafte Begegnung verwandelte den einfachen Sufi aus Scharnub in einen zentralen Akteur der osmanischen Geistesgeschichte und öffnete ihm die Türen zu den höchsten Kreisen des Reiches.
Aufstieg im Osmanischen Reich
So machte er sich im Jahre 1567 auf den Weg nach Konstantinopel. Dort fand er den Meister tatsächlich in der Zurückgezogenheit. Nureddinzade, selbst Schüler des berühmten Sofyali Bali, eines der großen Khalwatiyya-Meister aus den Balkanländern, trat aus seiner Einsamkeit hervor, als er den jungen Fremden erblickte, und rief: „Willkommen, du, der mit dem Befehl des Propheten gekommen ist! Willkommen, du Sohn der Derwische, du wahrer Derwisch!“ In diesen Worten erkannte Ahmad die Bestätigung seiner Vision.
Von da an war Ahmad nicht mehr nur ein einsamer Wanderer. Er wurde ein Teil des lebendigen Stromes des Sufitums. Er empfing das Gewand des Ordens und einen Gebetskranz von tausend Perlen, ein Erbstück des großen Sultans Süleyman. Der Meister übergab es ihm mit den Worten: „Dies war das Gebetsband des Sultans. Er las damit nach jedem Gebet seine Litanei, und vor seinem Tod schenkte er es mir. Heute gebe ich es dir. Hüte es, denn es ist ein Rosenkranz der Heiligen.“ Sehr bald darauf nahm Ahmad asch-Scharnubi persönlich zusammen mit dem Sultan jener Zeit am Feldzug nach Zypern teil. Und es heißt, dass die Eroberung im Jahre 1571 auch durch den Segen des Sufis aus Scharnub getragen war.
Prüfung, Ablehnung und Rückzug
Doch nicht alle nahmen ihn mit Freude auf. In seiner Heimat stieß er auf Ablehnung, wurde mit falschen Zeugen angeklagt und schließlich verbannt. So führte ihn sein Weg nach Oberägypten, wo er den Rest seines Lebens in Zurückgezogenheit und im Dienst an Gott verbrachte. So beginnt die Geschichte des Mannes aus Scharnub. Ein Kind aus einem kleinen Dorf, Hirte, Wanderer, Träumer. Und doch berufen, eine neue Spur im Gewebe des Sufitums zu ziehen. Doch dies ist nur der Anfang. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie seine Kinder und Nachkommen selbst zu Trägern von Licht und Geheimnis wurden.
Dies war nur der erste Schleier, der sich vor unseren Augen hob. In den nächsten Zeilen der Geschichte wird sich zeigen, wie aus einem Hirtenjungen ein Träger von Licht wurde und wie sein Erbe bis in unsere Tage weiterlebt. Das Leben von Schahab ad-Din Ahmad asch-Scharnubi bleibt bis heute eine Quelle spiritueller Inspiration.
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