Ein Wort aus einer fernen Zeit
Im Namen Gottes. Ha-Mim. Manchmal erreicht uns ein Wort aus einer fernen Zeit, leise, beinahe unmerklich, und doch trägt es eine Klarheit in sich, als wäre es heute gesprochen. Ein solches Wort ist Dschila al-Khatir fi l-Batin wa z-Zahir, ein Werk, das aus der Tiefe des Sufitums zu uns spricht, jenseits von Dogmen und jenseits von Zeit.
Khatir bedeutet mehr als ein bloßer Gedanke. Es ist das leise Einströmen göttlicher Eingebung in die innerste Kammer des Herzens, dort, wo das Unsichtbare sich dem Bewusstsein neigt. So lässt sich der Titel sinngemäß übersetzen als: „Der Glanz der Eingebungen über die inneren und äußeren Zustände des Herzens.“ Es spricht nicht zu unserem Verstand, sondern zu jenem Ort in uns, der hört, bevor er denkt. Dieses Werk wird dem großen Sufi und Pol der Heiligen, Abd al-Qadir al-Dschilani (gest. 1166), zugeschrieben, einem jener seltenen Menschen, in deren Gegenwart das Herz stiller wird.
Sein Wort war niemals nur Rede, sondern Gegenwart. Noch immer klingt darin etwas von jener inneren Wucht, die aus dem Schweigen Gottes in die Sprache der Menschen hinabsteigt. Von Dschila al-Khatir existieren mehrere Handschriften, die in den ehrwürdigen Bibliotheken Kairos, Istanbuls und Damaskus ruhen. Jahrhunderte lang blieb das Werk im Verborgenen, bis es in jüngerer Zeit wieder ans Licht trat, wie ein alter Stern, der nach langer Dunkelheit erneut sichtbar wird. Die datierbaren Predigten reichen vom 9. Radschab 546 / 1152 bis zum 24. Ramadan desselben Jahres, kaum zweieinhalb Monate und doch ein Vermächtnis von Jahrhunderten.
Wer sie niederschrieb, ist unbekannt geblieben. Diese Übersetzung stützt sich auf die Handschrift der Universitätsbibliothek Istanbul (Arabische Handschriften, Nr. 2325) und folgt der kritischen Edition. Möge sie dem deutschsprachigen Leser einen Zugang eröffnen, nicht zu einem fremden System, sondern zu einer Sprache des Herzens, die in allen Zeiten und an allen Orten dieselbe bleibt. Die vorliegenden Worte sind Predigten, gesprochen vor Menschen, die suchten, zweifelten und hofften.
Sie wurden nicht von al-Dschilani selbst niedergeschrieben, sondern von seinen Schülern, die seine Worte bewahrten, wie man Licht in einem Gefäß aufbewahrt. Darum tragen sie den Klang der mündlichen Rede mit ihren Atempausen, Wiederholungen und plötzlichen Wendungen. Wenn man sie liest, sollte man sie nicht als reinen Text betrachten, sondern als Echoraum einer lebendigen Stimme, die zwischen Schweigen und Verkündung schwingt.
Ich lade Dich ein, diese Übersetzung nicht zu lesen, sondern zu vernehmen wie ein fernes, aber vertrautes Rufen aus einer anderen Zeit. Möge sie Dich für einen Moment still werden lassen, so wie jene, die einst vor dem Scheich saßen. Hier nun beginnt das zwölfte Gespräch: Von der Selbsterziehung. Möge der Erhabene Haqq uns die Fürsprache und den geistigen Beistand des Pols der Pole, des Lehrers der Gereinigten, des Lichts von Bagdad, Abd al-Qadir al-Dschilani, niemals entziehen.
[Dschila al-Khatir – Die Läuterung der Seele]
Zwölftes Gespräch – Von der Selbsterziehung
Allah, der Erhabene, lässt einige Seiner Diener in Frieden leben, in Frieden sterben und am Tage der Auferstehung in Seinem Wohlgefallen auferstehen. Sie sind diejenigen, die mit Seinem Ratschluss zufrieden sind, die in Frieden in Sein Paradies eintreten und die zugleich Ehrfurcht vor der Hölle empfinden. O Allah! Mache auch uns zu jenen! Amin. Die Sufis sind jene, die in ihrem Gottesdienst, der Haqq geweiht ist, das Licht in der Dunkelheit tragen. In Furcht und Bekümmernis leben sie, dieweil sie des Endes nicht gewiß sind, das der Erhabene über sie verhängen möge. Denn sie wissen nicht, welches Urteil Allah, der Erhabene, über sie gefällt hat und wie ihr Ausgang sein wird. Darum tragen sie das Lichte in die Dunkelheit ihres Herzens, in der Trauer und im Weinen. In ihrem Gebet, im Fasten, in der Pilgerfahrt und in allen anderen Formen der Anbetung verweilen sie in diesem Zustand. Mit ihren Herzen und Zungen gedenken sie ihres Rabb [Herr]. Wenn sie das Jenseits erreichen, treten sie ins Paradies ein. Dort schauen sie das Antlitz Allahs, empfangen Seine Zufriedenheit und verkosten die Gaben, die Er ihnen bereitet hat. Und sie sprechen: „Gepriesen sei Allah, der die Traurigkeit von uns genommen hat!“ [Fatir, Vers 34] So lobpreisen und danken sie Ihm. O Sohn, so du deinen Glauben befestigest, wirst du eingehen in das Tal der Erkenntnuß, darnach in das Tal der Wissenschaft, und endlich in das Tal des Vergehens, darinnen weder das Ich noch die Kreatur eine Stätte haben, das Tal des reinen Seins. Dann weicht die Traurigkeit von dir. Haqqs Hut umgibt dich, Seine Gnade birget dich, Sein Beistand trägt dich allenthalben. Die Engel wandeln um dich her, und die Seelen der Frommen kommen, um dich mit Frieden zu grüßen. Der Erhabene Haqq preist dich vor Seinen Geschöpfen. Sein Blick ruht liebevoll auf dir, Er umschließt dich mit Seiner Nähe, Seiner Vertrautheit und zieht dich in innige Zwiesprache mit Ihm. O ihr, die ihr Sünder seid! Kehrt reumütig von euren Sünden um! Euer Rabb ist al-Ghafur (der überaus Vergebende) und al-Rahim (der überaus Barmherzige). Er nimmt die Reue Seiner Diener an, vergibt die Sünden und löscht sie aus. O Allah! Wir bereuen vor Dir jede Art von Vergehen und bitten Dich um Vergebung für alle unsere Fehler. Wir werden niemals zu ihnen zurückkehren. „Unser Rabb! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder irren!“ [Baqara, Vers 286] „Unser Rabb! Lass unsere Herzen nicht vom rechten Weg abweichen, nachdem Du uns rechtgeleitet hast.“ [Al Imran, Vers 8] O Du, der Du die Sünden vergibst, vergib uns! O Du, der Scham bedeckt, verhülle unsere Fehler! Vergib uns, denn Du bist der Vergebende. Selbst für die kleinste gute Tat gewähret Er Lohn. Du festigst die Guten auf ihrem Weg, denn Du bist al-Karim (überaus freigebig) und gütig sowie al-Dschawwad (überaus großzügig). Er spendet ohne Grund, ohne Gegengabe. Gedenke wohl: Wie groß ist Seine Güte! Erwidert Ihm Dank durch Glauben an Seine Einheit, durch gute Werke, durch die Abkehr von der Welt und die Hinwendung zum Jenseits. Zeigt Sehnsucht nach dem Jenseits, kehrt euch ab von dieser vergänglichen Welt und meidet die kleinen wie die großen Sünden. Das ist die wahre Gegenleistung für Seine unendliche Barmherzigkeit. Wer Haqq begehrt, wer Allah sucht, der wünscht von Ihm weder das Paradies noch fürchtet er die Hölle. Vielmehr sucht er einzig Sein Wohlgefallen und sehnt sich nach Seiner Nähe. Er fürchtet nur, sich von Ihm zu entfernen. Du aber bist ein Gefangener des Satans, der Begierde, der Welt und ihrer Versuchungen. In dir ist kein Gutes, denn dein Herz ist gefesselt und deine Seele gebunden. O Allah! Befreie ihn aus seiner Gefangenschaft! Befreie auch uns! Bekleide uns mit einem Gewand aus Deinen Geheimnissen. Amin. Verrichtet die fünf Gebete zu ihrer festgesetzten Zeit. Bewahrt alle Grenzen der islamischen Normenlehre. Wenn ihr die Pflichtgebete erfüllt habt, fügt freiwillige Gebete hinzu. Haltet euch an die Entschlossenheit, also an das, was keine Erleichterung zulässt, und meidet die bloße Erlaubnis. Wer sich an die Erleichterung klammert und die Entschlossenheit aufgibt, der schwächt den Halt seiner Religion. Die Entschlossenheit ist den Freunden Allahs, den Standhaften, vorbehalten, denn sie ist schwer und mühevoll. Das Gebot und die Erleichterung aber sind für die Schwachen bestimmt, weil sie leicht sind. O Sohn! Stelle dich in die vorderste Reihe, denn dort stehen die Tapferen. Trenne dich nicht von ihnen, denn in den hinteren Reihen stehen die Zaghaften. Zügle deine Seele und gewöhne sie an Entschlossenheit, denn die Seele trägt nur so viel, wie man ihr auferlegt. Wenn du sie vernachlässigst, schläft sie ein und wirft ihre Last ab. Zeige ihr keine Milde und kein Mitleid, denn sie ist der Knecht des Bösen und muss mit Strenge behandelt werden. Halte sie im Dienst, aber sättige sie nicht vollständig, denn Sättigung macht sie übermütig und träge. Nur im Hunger findet sie ihren Antrieb. Sufyan ath-Thauri war ein Mann großer Frömmigkeit und Hingabe. Wenn er aß und satt war, sagte er: „Sättige den Bauch und zügle ihn, denn der Bauch ist wie ein störrischer Esel.“ Danach erhob er sich zum Gebet und fand darin große Freude. Man berichtet, daß jemand einmal sagte: „Ich sah Sufyan ath-Thauri, und er aß so viel, daß ich Abscheu empfand. Doch als er danach betete, weinte er so sehr, daß ich Mitleid mit ihm hatte.“ Folge Sufyan nicht in seiner Esslust, sondern in seiner Frömmigkeit. Du bist nicht Sufyan. Weide deine Seele nicht, wie er die seine fütterte. Wenn das Herz gesund ist, gleicht es einem Baum, dessen Zweige, Blätter und Früchte gedeihen. Von einem solchen Herzen geht Nutzen aus für Menschen, Dschinnen und Engel. Ein ungesundes Herz dagegen ist wie das Herz eines Tieres. Es besitzt eine Form, aber keine Wirklichkeit. Es ist wie ein Gefäß ohne Wasser, ein Baum ohne Früchte, ein Käfig ohne Vogel, ein Haus ohne Bewohner. Darum hat Allah gesagt: „Danach verhärteten sich eure Herzen. Sie wurden wie Stein oder noch härter.“ [Baqara, Vers 74] O ihr Anhänger Muhammads! Wenn auch ihr nicht nach dem heiligen Koran handelt, dann wird Allah euer Herz verhärten. Seid nicht unter jenen, die Allah durch ihr Wissen in die Irre gehen lässt. Gehorsam führt zum Paradies, Ungehorsam aber ist der Weg zur Hölle. „Er tut, was Er will.“ [Burudsch, Vers 16]
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