Innige Vertrautheit mit Allah bei Muhyiddin ibn Arabi
Im Namen des Einen, dessen Licht weder im Osten noch im Westen untergehet. Ha-Mim. Das Werk al-Isfar an Risalat al-Anwar (Die Enthüllung über die Abhandlung der Lichter) ist ein umfassender Commentar zu Muhyiddin ibn Arabis risalat al-anwar (Abhandlung der Lichter), verfaßt von Abd al-Karim adsch-Dschili. Es stellet ein besonders gelungenes Beispiel dar, wie die auf der Doctrin der Einheit des Seins gegründete Erkenntnislehre mit der Anschauung des Seins in innigster Verbindung stehet. Zugleich bietet das Werk dem Leser eine gedrängte, doch lichtvolle Zusammenfassung der Welt-Anschauung dieser sufisch-philosophischen Tradition.
In der vorliegenden Übersetzung geben wir die zweiunddreißigste Zielstätte, überschrieben „Die innige Vertrautheit mit Allah“, wieder. Möge Haqq unsere Herzen erleuchten, auf daß wir in Demuth die Pfade jener Meister wandeln, welche das Licht des Wirklichen geschauet haben. Möge Er uns die Gnade verleihen, würdige Schüler des Magister Magnus Muhyiddin ibn Arabis zu sein, und möge unser Lehrer Abd al-Karim adsch-Dschili seine geistige Unterstützung nimmermehr von uns abziehn.
Und wenn Du beim Lesen dieser Übersetzung zuweilen das Gefühl hast, daß Etwas unverständlich bleibe, so verweile nicht allzulange dort – lies nur weiter. Und schelte den Übersetzer darum nicht, denn die Sprache der Sufis, insonderheit jener, die an der Spitze derer reiten, ist zuweilen so tief, daß Verstehen – ja selbst das bloße Vorstellen – kaum möglich ist. Auch jene, die seit Jahren in einem Orden weilen und im Angesicht ihres Scheichs verharren, müssen oftmals schweigen.
Denn ein Anderes wirket hier: der Strom folgt einer verborgenen Ordnung. Ich hätte dem Texte gern Anmerkungen beigegeben, um ihn wenigstens ein wenig an die Grenzen des Verstandes heranzuführen. Doch weder Ort noch Zeit gestatten es. Nehmend also, was der Wirkliche den Herzen eingiebet, und das Übrige, das uns heute noch verschlossen bleibt, dem Tage anheimstellen, da es uns zu verstehen gegeben wird. Laßt uns anfangen.
32. Zielstätte
Die innige Vertrautheit mit Allah
Schriftwort [von Muhyiddin ibn Arabi]
Wann du begehrest, einzutreten in die Gegenwart des Wirklichen, und, alle Mittel ablegend, allein von Ihm zu empfangen und mit Ihm in innigste Vertraulichkeit zu treten wünschest, so gilt solches nit, solange in deinem Hertzen noch die Herrschafft von etwas Anderem denn Ihm walten thut. Denn du stehest unter der Gewalt deß, der über deine Kraft gebietet. Daran zweifelt kein Verständiger. Darum geziemet es, daß du dich entziehest den Menschen und einkehrest in die Einsamkeit.
Schriftkommentar [von Abd al-Karim adsch-Dschili]
„Und mit Ihm in innigste Vertrautheit zu treten wünschest“ [will sagen:] dies bedeutet die innige Vertrautheit mit Allah selbst. Magister Magnus [Muhyiddin ibn Arabi] spricht also: „Wisse, daß nach der Lehre der Sufis die innige Vertrautheit jene innere Weite und Erleichterung ist, die dem Diener durch den Wirklichen zuteil wird. Dies zeiget sich bald in der Hüllung, bald in der Enthüllung (kaschf) desselben. Die innige Vertrautheit ist ein Zustand des Herzens, der aus der Manifestation der Majestät (al-dschalal) hervorgeht. Doch nach der Mehrheit der Sufis entspringt der Zustand der Vertrautheit der Manifestation der Schönheit (al-dschamal). Dies aber gehört zu jenen Irrtümern, in welche die Sufis über sich selbst gefallen sind. Denn da sie die Wirklichkeiten nicht recht zu unterscheiden wußten, haben sie in ihren Reden mancherlei Verfehlungen begangen. Nicht allen Freunden Allahs ist es beschieden, mit wahrhaftiger Schau zugleich die Gabe der Unterscheidung (al-furqan) zu besitzen.
Die innige Vertrautheit mit Allah hat bei dem, der ihrer teilhaftig ist, ein deutliches Zeichen. Denn sie ist eine Sache, worin die meisten der Wanderer auf dem Pfade [ahl at-tariq] in Irrtum gefallen sind. So geschieht es, daß sie in einem Zustande, der über sie gekommen ist, sie finden und sogleich meinen, dies sei die innige Vertrautheit mit Allah selbst. Wenn ihnen aber jener Zustand entweicht, so entweicht ihnen auch die innige Vertrautheit mit Allah. Nach unserer Einsicht und der des Kreises [der Gemeinschaft der Wissenden] war ihre innige Vertrautheit nicht mit Allah, sondern mit ihrem Zustande. Denn wenn die wahre innige Vertrautheit mit Allah sich vollzieht, bleibt der Diener in allen seinen Zuständen beständig in der Gegenwart Allahs. Darum haben die Sufis gesprochen: „Wer in der Einsamkeit der Einkehr (al-chalwa) Vertrautheit mit Allah findet, und sie in der Gemeinschaft verliert, der hat nicht mit Allah, sondern mit der Einsamkeit der Einkehr Vertrautheit gefunden.“
Wisse, daß nach den Wahrheitsverwirklichenden (al-muhaqqiqun) die innige Vertrautheit mit Allah selbst nicht wahrhaftig sei, sondern sie geschehe nicht mit dem Namen Allah, sondern mit einem besonderen göttlichen Namen.
So ist denn das All in seiner Ganzheit von inniger Vertrautheit mit Allah erfüllt. Doch einige seiner Teile [d.h. die Glieder des Alls] wissen nicht, daß die innige Vertrautheit, die in ihnen wohnt, mit Allah selbst ist. Denn ein jeder von ihnen findet notwendig in irgend etwas eine innige Vertrautheit, sei es durch Beharrlichkeit im Sein oder durch den Übergang von einem Zustand inniger Vertrautheit zu einem andern. Im All aber hat nichts eine Wirksamkeit außer Allah. Darum ist jedwede innige Vertrautheit, sei es, daß der Mensch sie erkenne oder nicht, einzig innige Vertrautheit mit Allah. Das, womit er vermeint, innige Vertrautheit zu haben, ist nichts anderes als das Abbild (as-surat) einer Manifestation unter den Manifestationen Allahs. Doch dieses Abbild wird bald erkannt, bald nicht erkannt. Darum empfindet der Diener Fremdheit gegenüber eben dem, womit er innige Vertrautheit hatte, und infolge der Veränderung des Abbildes bemerkt er es nicht. So verliert niemand die innige Vertrautheit mit Allah, und er empfindet keine Fremdheit zu etwas anderem als zu Allah selbst. Sie ist Erweiterung und Weite des Herzens, die Fremdheit aber ist Zusammenziehung und Enge.
Die in Gott Wissenden (ulama bi-llah) besitzen ihre innige Vertrautheit nicht mit Allah, sondern allein mit ihren eigenen Seelen (nafs). Denn sie wissen, daß sie von Allah nichts erblicken außer ihren eigenen Abbildern. Und die innige Vertrautheit vollzieht sich nur mit dem, was man erblickt. Wer nicht zu den Gnostikern (arifun) gehört, sieht die innige Vertrautheit lediglich durch den Anderen. Darum empfindet er, wenn er mit sich selbst (nafs) bleibt, Fremdheit. Ebenso verhält es sich mit dem Zustand der Fremdheit: auch dieser ist nur Fremdheit gegenüber dem eigenen Selbst (nafs). Denn der Wirkliche ist ihre Stätte der Manifestation, und darum sind sie gemäß den Zuständen beschaffen, in welchen sie sich selbst erblicken. Demnach vollzieht sich bei ihnen entweder innige Vertrautheit, oder Fremdheit, oder das Urteil, das sich aus der Wirklichkeit der innigen Vertrautheit ergibt und zwar einzig im wechselseitigen Bezug. Nach dem Maß dieses Bezuges spricht der eine vom Vorhandensein der innigen Vertrautheit. Wer hingegen meint, daß solcher Bezug nicht sei, sagt, daß mit Allah weder innige Vertrautheit möglich noch Fremdheit denkbar sei. All dies aber sprechen sie gemäß ihrem eigenen Geschmack, denn der Geschmack herrscht über sie. Diejenigen hingegen, die wie wir im Wissen der Stufen und Grade (maqamat wa-maratib) zur Unterscheidung befähigt sind, erkennen, von welchem Standpunkt einer spricht, wer ihn sprechen läßt, und daß er auf seiner Stufe nicht irrt, sondern trifft – ja, daß im All schlechthin niemals ein Irrtum vorhanden ist. Wenn du das Eintreten in die Gegenwart des Wirklichen, das Empfangen des Überflusses durch das Aufgeben aller Vermittlungen und das Geheimnis der innigen Vertrautheit mit Ihm erkannt hast, so wisse auch, daß dies nicht gilt, solange in deinem Herzen die Herrschaft von etwas anderem als Ihm waltet und in irgendeiner Hinsicht etwas außerhalb des Wirklichen Macht über dein Herz besitzt. Denn der der Manifestation des Wirklichen würdige Ort ist das Herz, das durch Allah erfüllt, geheiligt und gereinigt ist, nicht aber das Herz, das sich durch anderes als Ihn befleckt und verunreinigt hat. So sprach Allah, der Erhabene, zu dem Geist (rūh) [als] Ibrahim und zu der Seele (nafs) [als] Ismail: „Da verpflichteten Wir beide, Ibrahim und Ismail, Mein Haus [Kaba, aber gemeint hier das Herz] reinzuhalten [von allem, was nicht Ich bin], für jene, die die Umkreisung vollziehen (tawaf) [das sind die göttlichen Einströmungen (waridat)], für jene, die in der Einkehr verweilen (aqifin – [das sind die göttlichen Namen]) und für jene, die sich verbeugen und niederwerfen [das sind die kosmischen Wirklichkeiten, insofern sie im Erscheinen die eigentlichen Wesenheiten der Wirklichkeit sind].“ (Baqara, 2:125) Denn du stehst unter der Macht dessen, der dich mit Strenge oder Güte überflutet und dessen Kraft über dich herrscht. Bei jedem gesunden Verstand gibt es hieran keinerlei Zweifel.
Das Hervortreten dieser Wirklichkeiten hängt von den zuvor beschriebenen Umständen ab. Daher geziemt es sich, wie weiter unten noch dargetan werden wird, daß du dich von den Menschen abkehrst und in die Abgeschiedenheit einkehrest.
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