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Ahmad asch-Scharnubi und seine Familie im Sufitum

Im Namen Gottes. Ha-Mim. Die Geschichtsbücher, die das Leben großer Sufis aufzeichnen, sprechen meist von Wundern und Weisheit, von Schülern und spirituellen Errungenschaften. Doch sie verschweigen oft eine der schmerzlichsten Realitäten im Leben des Ahmad asch-Scharnubi. Viele seiner Kinder verließen diese Welt noch zu seinen Lebzeiten. Ihre Gräber fanden sich in der Nähe seiner eigenen Zawiya (arab. Sufi-Kloster, eine spirituelle Versammlungsstätte) – stille Zeugen jener göttlichen Prüfung, die das Herz des Meisters durchlief.

Doch andere seiner Kinder blieben am Leben, und manche von ihnen trugen selbst jenen besonderen Samen in sich, der nur in den Kindern der Erwählten aufkeimt. Sie wurden nicht nur zu seinen leiblichen Erben, sondern zu Khalifen (arab. Stellvertreter, Nachfolger) seines Geistes, zu lebendigen Trägern jenes Lichts, das ihr Vater aus den Tiefen der Gottesnähe geschöpft hatte.

Da war zunächst Muhammad ibn Ahmad, der Erstgeborene. Die Überlieferungen berichten, dass er von Kindesbeinen an die Segenskraft des Vaters empfangen hatte und schon früh als einer seiner geistigen Erben galt. Sein Grab findet sich in der Zawiya Abu l-Wafa in Scharnub, und die Geschichten über seine eigenen Karamat (arab. Plural von Karama, außergewöhnliche Gnadenerweise/Wunder von Heiligen im Sufitum) machten ihn zu einer Gestalt von bleibender Verehrung in der Region.

Salih ibn Ahmad wird in den alten Quellen als besonders rechtschaffen beschrieben. Von ihm erzählen die Sufis, sein Name sei bereits im Lawh al-Mahfuz (arab. wohlverwahrte Tafel, auch die himmlische Vorherbestimmungstafel) verzeichnet gewesen mit den Worten: „Dieser Diener ist Träger von Karama, und er ist einzig und allein auf Mich angewiesen.“ Solche Überlieferungen spiegeln die tiefe Ehrfurcht wider, mit der die Zeitgenossen diesen Sohn des Meisters betrachteten.

Von Yusuf ibn Ahmad – dem ersten dieses Namens unter den Söhnen – wird berichtet, dass er von den Frommen in besonderer Achtung gehalten wurde. Die Chroniken erwähnen, er habe bereits in dieser Welt den Ort gesehen, der ihm im Jenseits bestimmt war – eine Vision, die ihm eine besondere Gelassenheit gegenüber den Wirren des irdischen Daseins verlieh.

Ein weiterer Sohn trug ebenfalls den Namen Yusuf. Von ihm erzählen die Quellen eine bemerkenswerte Begebenheit. Er sei in der Nacht seiner Geburt im Zustand des Fastens zur Welt gekommen. Ein Zeichen, das die Anwesenden als göttliche Karama deuteten, als Hinweis auf seine spätere spirituelle Bestimmung.

Der jüngste Sohn war Ali ibn Ahmad, benannt nach jenem Ali ibn Abi Talib (Möge Gott sein Gesicht veredeln), auf den die edle Abstammung der Familie zurückging. Auch er wurde zum Khalifen seines Vaters ernannt, und seine Söhne – Yusuf und Ali as-Sabir – trugen das geistige Erbe weiter durch die kommenden Generationen. Ihre Namen finden sich noch heute in den genealogischen Aufzeichnungen der Scharnubiyya-Linie.

Das spirituelle Erbe von Ahmad asch-Scharnubi

Die historischen Quellen erwähnen darüber hinaus noch Uthman und einen weiteren Ahmad, die ihre letzte Ruhe in Kairo und Scharnub fanden. Von den Töchtern des Meisters schweigen die Chroniken weitgehend – ein Umstand, der der damaligen Zeit und ihren Gepflogenheiten geschuldet ist. Bekannt ist lediglich, dass ihre Gräber bei der Zawiya Abu l-Wafa liegen.

So war das Haus der Scharnubi kein gewöhnliches Familiengeflecht, sondern ein Ort, an dem sich spirituelle Begabung von Generation zu Generation übertrug. Doch Ahmad asch-Scharnubi war nicht nur Vater im leiblichen Sinne – sein eigentliches, sein bleibendes Erbe war geistiger Natur.

In seiner spirituellen Entwicklung hatte er eine bemerkenswerte Synthese vollzogen. Er verband die kontemplative Ruhe und methodische Besonnenheit der Schadhiliyya (Sufi-Orden, gegründet von Abu l-Hasan asch-Schadhili) mit der ekstatischen Kraft und spirituellen Intensität der Disuqiyya (Sufi-Orden, gegründet von Ibrahim ad-Desuqi). Aus dieser Verbindung erwuchs später jene eigenständige Linie, die unter seinem Namen bekannt werden sollte: die Scharnubiyya.

Manche seiner Zeitgenossen sahen in ihm den rechtmäßigen Nachfolger des großen Ibrahim ad-Disuqi. Ahmad selbst jedoch erklärte, dass diese geistige Verbindung nicht aus einer äußeren, historischen Begegnung herrührte – wie hätte sie auch können, da Jahrhunderte zwischen seinem Leben und dem des großen Disuqi lagen? Vielmehr entstammte diese Verbindung den inneren Welten (arab. alam al-batin), jenen spirituellen Dimensionen, in denen sich die Seelen der Erwählten jenseits der Grenzen von Zeit und Raum begegnen können.

Sein unmittelbarer irdischer Lehrer war Sayyid Muhammad Schihawi gewesen. Von ihm empfing Ahmad die Grundlagen des maßvollen Dhikr, lernte die zentrale Bedeutung des spirituellen Gesprächs zwischen Meister und Schüler und eignete sich die geduldige Kunst der Seelenläuterung (tazkiyat an-nafs) an. Schihawi lehrte ihn, dass jede Seele ihren eigenen Rhythmus auf dem Weg zur Gottesnähe hat und entsprechend geführt werden muss.

Doch Ahmad begnügte sich nicht allein mit den inneren Wissenschaften des Sufitums (ulum al-batin). Er studierte auch die äußeren religiösen Disziplinen (ulum az-zahir): Fiqh (islamische Rechtswissenschaft), Hadith (Überlieferungen des Propheten Muhammad) und Koranexegese (tafsir) bei den angesehensten Gelehrten seiner Zeit. So wurde er zu jener seltenen Art von spirituellem Lehrer, der sowohl die Geheimnisse des Sufitums als auch die Präzision der religiösen Wissenschaften beherrschte.

Diese umfassende Bildung spiegelte sich später in der Scharnubiyya wider. Die Anhänger dieser Linie lernten, dass wahre Spiritualität und religiöse Gelehrsamkeit keine Gegensätze darstellen, sondern einander ergänzen und vervollkommnen.

Die Söhne des Ahmad asch-Scharnubi verkörperten auf verschiedene Weise die Aspekte seines spirituellen Erbes. In Muhammad zeigte sich die Führungskraft des Meisters, in Salih die Rechtschaffenheit, in den beiden Yusuf die visionäre Kraft und geistige Disziplin, in Ali die harmonische Balance zwischen den verschiedenen Dimensionen des religiösen Lebens.

So begann die Scharnubiyya bereits zu Lebzeiten des Gründers ihre ersten Früchte zu tragen. Doch eine spirituelle Schule lebt nicht nur durch die direkten Nachkommen ihres Gründers – sie entfaltet sich vor allem durch jene Herzen, die von der Lehre ergriffen werden, durch die Schüler und Suchenden, die den Weg des Meisters zu ihrem eigenen machen.

Diese Schüler und Lehrern des Ahmad asch-Scharnubi – Männer und Frauen aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft, die alle von seinem besonderen geistigen Licht angezogen wurden – werden im Mittelpunkt des nächsten Kapitels unserer Darstellung stehen. Denn ein wahrer spiritueller Meister lebt nicht nur in seinen leiblichen Kindern weiter, sondern in allen Seelen, die er auf dem Pfad zur Gotteserkenntnis geführt hat.


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Ahmad asch-Scharnubi – Sein Leben (Teil 2)