Der Tod von Ahmad asch-Scharnubi als Vollendung
Im Namen Gottes. Ha-Mim. Es gibt eine geheimnisvolle Wirklichkeit, die sich durchs Leben großer spiritueller Gestalten zieht. Ihr Sterben gleicht einem Schlussstein, der das Bauwerk ihrer Existenz vollendet. Wie ein Dichter, der sein letztes Wort so wählt, dass es dem ganzen Gedicht erst seinen Sinn verleiht, so schließen die Erwählten ihr irdisches Dasein mit einem Akt, der ihr gesamtes Leben in neuem Licht erstrahlen lässt.
Es gilt in besonderer Weise für Ahmad asch-Scharnubi, dessen Heimgang nicht nur das Ende einer bemerkenswerten Biographie markierte, sondern zugleich ein symbolischer Übergang war von der Gründung einer spirituellen Bewegung zu ihrer endgültigen Verwurzelung in der Welt. Dieser Text ist eigentlich nicht der letzte Artikel der Serie, sondern lediglich ein Ausdruck des Wunsches, der Tradition, das Phänomen des Todes immer ganz am Schluss zu behandeln, nicht vollständig zu folgen.
Die letzte Reise
Nach Jahrzehnten des Lehrens und Führens, der stillen Kontemplation in seiner Zawiya und der Sorge um seine wachsende Gemeinschaft, fasste der betagte Meister einen letzten, kühnen Entschluss. Die Bedürfnisse seiner Schüler und Anhänger drängten ihn zu einer Reise, die seine körperlichen Kräfte bereits überstieg. Es war das Jahr 1585, als sich Ahmad asch-Scharnubi noch einmal auf den Weg machte. Nicht als junger Wanderer, wie einst in seinen frühen Jahren, sondern als Patriarch einer spirituellen Familie, der für die Seinen eintreten wollte. Ein wahrer geistlicher Führer, der nicht in der Abgeschiedenheit seiner Kammer verweilte, sondern bereit war, die beschwerlichen Wege der Welt zu beschreiten, wenn das Wohl seiner Schüler es erforderte.
Begleitet von einigen seiner treuesten Anhänger bestieg er ein Schiff, das zunächst entlang der syrischen Küsten seine Route nahm. Die Seefahrt, die in jener Epoche stets mit Gefahren verbunden war, sollte sie über das Mittelmeer zu den Gestaden Anatoliens tragen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Während der Überfahrt befiel den Meister eine schwere Krankheit. Sein Körper, der über sechs Jahrzehnte der intensiven spirituellen Praxis und des unermüdlichen Dienstes getragen hatte, begann seine irdische Schwäche zu offenbaren.
Die letzten Tage in Antalya
Schließlich erreichte das Schiff die Stadt Antalya, gelegen an der Südküste des heutigen türkischen Staatsgebiets, die bereits in byzantinischer Zeit als bedeutender Handelsplatz galt. Hier wurde der erkrankte Scheich an Land gebracht, umsorgt von seinen treuen Begleitern, die zwischen Hoffnung und Besorgnis schwankten. Für kurze Zeit schien es, als würde sich sein Zustand bessern. Dreizehn Tage lang hüteten seine Schüler diese Hoffnung, beteten für seine Genesung und hofften auf ein Wunder.
Doch in den frühen Morgenstunden eines Tages im Jahre 1586, als die Morgendämmerung die Nacht vertrieb und die ersten Vögel ihre Gesänge erhoben, vollendete sich das irdische Dasein Ahmad asch-Scharnubis. In seinen letzten Augenblicken waren seine Lippen bewegt von jenem heiligen Wort, das sein ganzes Leben durchdrungen hatte, dem Namen Gottes selbst. So ging er hinüber, dreiundsechzig Jahre alt, aus der Begrenzung des Körpers in die Weite der göttlichen Barmherzigkeit.

Die Vision und die rituelle Waschung
Was nun folgte, trägt die Züge außergewöhnlicher Ereignisse, die das Leben und Sterben spiritueller Meister oft begleiten. In derselben Nacht empfing der Imam einer nahegelegenen Moschee eine bemerkenswerte Vision. Im Traum war ihm der Prophet erschienen und hatte ihm den Auftrag erteilt, den Leib des Scheichs zu waschen. Noch vor dem Anbruch des Tages eilte der Imam zum Sterbehaus, teilte seine Vision mit und vollzog mit ehrfürchtigen Händen die rituelle Waschung des Verstorbenen. Diese Handlung war mehr als die Erfüllung religiöser Vorschriften. Sie war ein letzter Ausdruck der Verbindung zwischen Himmel und Erde, die Ahmad asch-Scharnubi sein Leben lang verkörpert hatte.
Überlieferungen zum Ort seines Todes
In einigen Überlieferungen heißt es, dass Ahmad asch-Scharnubi an der Küste von Antalya an einem Ort namens Erikli schwer erkrankte. Andere Quellen nennen Damaskus. Ein Autor erwähnt jedoch einen Ort an der Küste nahe Antalya, während andere Hinweise auf ein Dorf im Gebiet von Mersin verweisen. Es bleibt schwierig, hier eine endgültige Aussage zu treffen.
Die Vollendung der Scharnubiyya
Mit seinem Tod in anatolischem Boden vollzog sich auch eine symbolische Vollendung der Scharnubiyya. Was im Nildelta Ägyptens begonnen hatte, fand nun auch im Osmanischen Reich seine Verankerung. Die Bewegung war nicht mehr an einen Ort gebunden, sondern hatte eine neue Ausdehnung gewonnen. So endete das Leben des Mannes aus Scharnub auf einer Reise für seine Gemeinschaft, mit dem Namen Gottes auf den Lippen. Ein Ende, das seinem ganzen Leben entsprach.
Das Fortleben seines Erbes
Für jene, die den tieferen Sinn sufischer Biographien verstehen, war dieser Tod kein Ende, sondern ein Übergang. Ahmad asch-Scharnubi hinterließ ein reiches Erbe. Seine Schriften, seine Lehren und seine Schule lebten weiter. Seine Schüler trugen sein Licht in viele Regionen, und seine Methode wirkte über seinen Tod hinaus.
In diesem Sinne war sein Sterben nicht das Ende, sondern die Vollendung seiner Geschichte und zugleich der Beginn ihrer weiteren Entfaltung. Wie ein Samenkorn, das erst im Vergehen seine Kraft zur Entfaltung findet, so wirkte auch sein geistiges Erbe nach seinem Hinscheiden weiter. Im nächsten Kapitel wenden wir uns seinen Schriften zu, in denen seine Stimme bis heute lebendig geblieben ist.
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