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Einleitung und Bedeutung

Im Namen Gottes. Ha-Mim. Das Thema des Artikels dieser Woche ist einer der vier Pole, ein Inbegriff der Barmherzigkeit und ein wahrhaft mitfühlender Anführer. Ahmed Rifai, mit vollem Namen Abu l-Abbas Ahmed ibn Abi l-Hasan ibn Ali ibn Ahmed ibn Yahya ibn Hazim ibn Ali ar-Rifai al-Maghribi al-Bataihi, war ein Sufi, der in der islamischen Welt sowohl in der Gelehrsamkeit als auch im Sufitum tiefe Spuren hinterlassen hat. Wenn sein Name genannt wird, denkt man nicht nur an den Gründer eines Ordens, sondern an ein Sinnbild von Wissen, Würde und innerer Erkenntnis.

Titel und spirituelle Stellung

Schon zu seiner Zeit bezeichnete man ihn als „Lehrer der Gelehrten“, „Imam der Heiligen“, „Meer des Wissens“, „Scheich der Scheichs“, „Sultan der Herzen“, „großer Gelehrter“, „großer Heiliger“ und „der geistige Pol der Zeit“. Außerdem trug er die Ehrentitel Abu l-Alamayn, „Träger der beiden Banner“, und Sayyid, ein Zeichen seiner Abstammung und seines Ansehens. Die Vielzahl dieser Beinamen zeigt, dass man ihn nicht nur als geistlichen Lehrer sah, sondern als Mittelpunkt einer geistigen Welt. Wer die früheren Artikel gelesen hat, wird mit diesen Begriffen und Titeln sicherlich bereits vertraut sein. Da dieser erhabene Mensch ein Husaini war, wurde der Sufi damit betraut, ihn in gewisser Weise zu besuchen, ihm seinen Gruß zu erweisen und die Sure al-Fatiha für ihn zu rezitieren.

Herkunft und Abstammung

Ahmed Rifai entstammte einer angesehenen Familie, die in der islamischen Geschichte für Würde und Dienst bekannt war. Der Name „Rifai“ geht auf seinen Vorfahren Hasan Rifai in der siebten Generation zurück. Die Familie gehörte dem Stamm der „Banu Rifaa“ an. Über seinen Vater war er ein Nachkomme von Imam Husain (Allah erbarme sich seiner), dem Enkel des Propheten (Friede sei mit ihm), und über seine Mutter ein Nachkomme des Gefährten Abu Ayyub al-Ansari (Allah erbarme sich seiner). Dadurch war er sowohl mit der Familie des Propheten als auch mit den Helfern von Medina (al-Ansar) verbunden. Eine Herkunft, die ihm über Jahrhunderte besondere Verehrung einbrachte. Sein Stammbaum vereinte auf eine Weise drei gesegnete Linien, wie sie nur wenigen in der islamischen Geschichte zuteilgeworden ist. Über die väterliche Linie führte er zurück auf den vierten Kalifen, Imam Ali (möge Allah ihm barmherzig sein), über die mütterliche auf den Gefährten Zaid al-Ansari an-Naddschari (Allah erbarme sich seiner), und durch die Überlieferungskette seines Ahnen Imam Dschafar Sadiq (Allah erbarme sich seiner) war er auch mit dem ersten Kalifen Abu Bakr (Allah erbarme sich seiner) verbunden. So vereinte der Stammbaum Ahmed Rifais in einer Person die Linie der Prophetenschaft, die Treue der Gefährten und das Wissen der frühen Generationen.

Die al-Rifai Moschee in Ägypten

Überliefert wird, dass der Pol Sayyid Abd al-Qadir Dschilani ihn einst in einer Versammlung fragte: „Ihr seid ein Nachkomme des Gesandten Allahs und gehört zum Haus der Haschimiten und warum nennt man euch dann Rifai?“ Sayyid Ahmed Rifai lächelte und antwortete: „Der Name geht auf meinen Vorfahren Ali ibn Rifaʿa zurück, einen Nachkommen des Imams Ali. Allah sei Dank ist mein Ahne Ali, und ich bin im Haus von Abu l-Fawaris aufgewachsen.“ Diese Antwort zeigt, dass er seine Abstammung nicht als Grund des Stolzes, sondern als anvertrautes Erbe verstand.

Seine Mutter, Fatima al-Ansari, war die Tochter von Scheich Yahya an-Naddschari und die Schwester des bekannten Sufis Scheich Mansur Zahid aus der Region Bataih. Diese Bezeichnung steht für ein Gebiet im heutigen Süden des Irak, das sich zwischen Basra und Wasit, also dem heutigen Kut, erstreckt und aus Sumpf- und Marschlandschaften besteht.

Nachdem wir nun so ausführlich über seine Vorfahren gesprochen haben, wenden wir uns dem Ereignis zu, mit dem er die Welt zu ehren kam. Seine Geburt war, so berichten die Überlieferungen, nicht bloß ein irdisches Geschehen, sondern ein geistiges Erwachen, das lange zuvor in einem Traum verkündet worden war. Vierzig Tage vor seiner Ankunft sah sein Onkel Scheich Mansur Bataihi in einer nächtlichen Vision den Propheten Muhammed (Friede sei mit ihm). Der Prophet sprach zu ihm: „O Mansur, höre die frohe Botschaft. In vierzig Tagen wird Allah deiner Schwester einen Sohn schenken. Sein Name soll Ahmed sein. So wie ich der Imam der Propheten bin, wird er der Imam der Heiligen sein. Und wenn er herangewachsen ist, bringe ihn zu Scheich Abu l-Fadl Ali al-Kari al-Quraischi in Wasit, denn er ist einer der Auserwählten in der Nähe Allahs.“ Als Mansur erwachte, hielt er die Vision fest wie ein heiliges Geheimnis, tief eingeschlossen in seinem Herzen. Vierzig Tage später, im stillen Atem des Morgengrauens, erblickte Ahmed das Licht der Welt. Was einst ein Traum gewesen war, nahm nun Gestalt an, und das Wort, das im Unsichtbaren gesprochen worden war, wurde Schicksal auf Erden.

Die Moschee und das Mausoleum von Ahmed ar-Rifai, 52 km östlich der Stadt ar-Rifai im Irak

Frühe Kindheit und Ausbildung

Nach der Geburt machte sich sein Onkel unverzüglich auf den Weg nach Wasit und übergab das Kind dem Scheich Abu l-Fadl, so wie es ihm im Traum anvertraut worden war. Er sagte: „Dieses Kind gehört nicht uns. Es ist ein Zeichen, das Allah selbst bestimmt hat.“ Der Scheich nahm das Neugeborene in seine Arme, blickte auf seine Stirn und sprach: „Aus diesem Antlitz wird ein Licht aufgehen.“ So wurde Ahmed Rifai schon im frühesten Kindesalter der Obhut eines geistigen Lehrers anvertraut. Dieses Ereignis markierte den Anfang einer Lebensaufgabe, die ihn bis an sein Ende begleiten sollte. Er kam nicht als Kind eines Geschlechts in die Welt, sondern als Kind einer Sendung.

Über das Jahr seiner Geburt berichten die Quellen mit kleinen Abweichungen. Einige Chronisten nennen das Jahr 500 der Hidschra (1106 oder 1107), die Mehrheit jedoch das Jahr 512 (1118). Da seine späteren Lebensdaten mit dem Jahr 512 übereinstimmen, gilt dieses als das wahrscheinlichere Geburtsjahr. Seine Heimat war das Dorf „Hasan“, auch „Husn“ genannt, in der Nähe der Stadt Wasit im Süden des Irak. Dieses Dorf lag in der Region al-Bataih, unweit von Umm Ubaida, jenem Ort, an dem er einst sein Leben vollenden sollte.

Als er das siebte Lebensjahr erreichte, beherrschte er den gesamten Koran auswendig und zeigte eine außergewöhnliche Begabung in der Kunst der Rezitation. Im selben Jahr, 1125, starb sein Vater, Sayyid Ali ibn Yahya, in Bagdad. Seine Lehrer sagten, er lese die Buchstaben wie eine Melodie, und jedes Wort, das er spreche, trage den Duft einer inneren Bedeutung. Im selben Jahr, 1125, starb sein Vater, Sayyid Ali ibn Yahya, in Bagdad. Der kleine Ahmed nahm diesen Verlust mit einer Reife hin, die sein Alter überstieg. Für ihn war der Tod keine Trennung, sondern der Wille Allahs. Von da an widmete er sich ganz dem Wissen und der Läuterung seiner Seele.

Lehrzeit und geistige Vollendung

Unter der Anleitung seines Lehrers Abu l-Fadl Ali al-Kari machte er im Laufe der Jahre große Fortschritte in den äußeren und inneren Wissenschaften. Seine Einsicht war so tief, dass sie selbst die Aufmerksamkeit seines Lehrers auf sich zog. Im Jahr 1144, im Alter von siebenundzwanzig Jahren, verlieh ihm sein Lehrer eine allgemeine Lehrbefugnis, eine Idschaza. Dabei sprach er die Worte: „Jeder rühmt sich seines Lehrers, doch ich rühme mich meines Schülers Ahmed.“ Er legte ihm seinen eigenen Mantel um und gab ihm den Ehrentitel Abu l-Alamayn, den „Träger der beiden Banner“. Diese Erlaubnis war weit mehr als ein Zeugnis der Gelehrsamkeit. Sie war das sichtbare Siegel seiner geistigen Vollendung.

Führung und Verantwortung

Nach dem Tod seines Lehrers trat er unter die Obhut seines Onkels Scheich Mansur Bataihi. Schon bei der ersten Begegnung erkannte dieser in ihm das Zeichen einer besonderen Reife und eine Veranlagung für den Weg der Wirklichkeit. Im Jahr 1145 verlieh er ihm den Titel „Scheich der Scheichs“, und übertrug ihm die geistliche Leitung aller Sufi-Zentren in der Region Bataih. Von diesem Augenblick an war Ahmed Rifai nicht mehr Schüler, sondern Leiter. In seinen Versammlungen vereinten sich Wissen und Zustand, Lehre und Erleben. Die Derwische, die sich um ihn versammelten, sahen in ihm die Verkörperung dessen, was er lehrte.

Die Familie Ahmed Rifais stammte ursprünglich aus Mekka. Als zu Beginn des vierten islamischen Jahrhunderts Unruhen in der heiligen Stadt ausbrachen, verließ die Familie ihre Heimat und wanderte nach Andalus aus, in die Stadt Sevilla. Dort blieb sie fast ein Jahrhundert lang. Aus dieser Zeit rührt der Beiname „al-Maghribi“, der „der aus dem Westen“ bedeutet. Später zog sein Vorfahr Yahya an-Naddschari al-Ansari im Jahr 1058 nach Basra und begründete damit den irakischen Zweig der Familie.

Frühe Ausstrahlung

Schon in jungen Jahren fühlten sich die Menschen zu ihm hingezogen. In seiner Nähe lag eine stille Würde, die Herzen beruhigte und Vertrauen schenkte. Seine Worte waren maßvoll, seine Gesten schlicht, doch von einer Eindringlichkeit, die man nicht vergaß. Wer ihm begegnete, hatte das Gefühl, nicht nur mit einem Gelehrten zu sprechen, sondern mit jemandem, der im Innersten Frieden trug und ihn ausstrahlte. In diesen frühen Jahren legte sich der Same all jener Ehrennamen, die ihm später zuteilwerden sollten.

Lehre und Wirkung

Nach dem Erhalt seiner Lehrerlaubnis war Ahmed Rifai nicht mehr nur ein Wandernder, sondern ein geistlicher Anführer, der anderen den Weg wies. Trotz seiner Jugend besaßen seine Worte eine Tiefe, die Geist und Herz zugleich berührte. Wenn er über die Fragen des Rechts oder der Religion sprach, tat er es mit einer Wärme, die in den Seelen nachklang. In seinen Versammlungen vereinten sich die äußere Gestalt der islamischen Normenlehre und das innere Licht des Sufitum. Daher kamen sowohl Gelehrte als auch Sufi, um seinen Worten zu lauschen. Das Volk nannte ihn das „Meer des Wissens“, und seine Schüler sahen in seinem Antlitz zugleich die Strenge des Lehrers und die Milde des Derwischs.

Ausbreitung seines Rufes

Mit der Zeit überschritt sein Ruf die Grenzen des Irak. Von Basra bis Mossul und weiter bis nach Damaskus machten sich Menschen auf den Weg, um ihn zu sehen und aus seiner Nähe Segen zu empfangen. Doch er freute sich weder über seinen Namen, der weithin bekannt wurde, noch über die Menge, die sich um ihn versammelte. Oft sagte er zu seinen Schülern: „Wer Allah liebt, liebt die Demut. Und wer die Demut verinnerlicht, wird von der Welt befreit.“ Für ihn bestand wahre Größe nicht in Rang oder Ansehen, sondern in der Reinheit des Herzens. Eines Tages fragte ihn ein Schüler: „Meister, warum nennt man Sie den sanftmütigen Ahmed?“ Da lächelte er und sprach: „Weil Demut der sicherste Weg ist, meinem Allah nahe zu sein.“

Pilgerreise nach Mekka

Im Jahr 1160 fasste Ahmed Rifai den Entschluss, die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Diese Reise sollte einen neuen Abschnitt in seinem geistigen Leben einleiten. Er brach mit einer großen Karawane auf, in der sich etwa neunzigtausend Menschen befanden, darunter Schüler, Gefährten und Verehrer. Für jene Zeit war eine so gewaltige Gemeinschaft ein deutliches Zeichen der Liebe und Hochachtung, die man ihm entgegenbrachte. Mitten im Zug, auf einem Kamel sitzend, das Antlitz von tiefer Ruhe erfüllt, erschien Ahmed Rifai wie ein stiller Kompass, der den Herzen der Menschen die Richtung wies.

Reise nach Medina

Nach der Vollendung der Pilgerfahrt setzte sich die Karawane in Richtung Medina in Bewegung. Als die Stadt in der Ferne sichtbar wurde, stieg Ahmed Rifai vom Kamel, zog seine Schuhe aus und begann barfuß zu gehen. Zu seinen Schülern sprach er: „Dies ist der Boden, den der Gesandte Allahs mit seinen Schritten geheiligt hat. Wer hier geht, soll mit dem Herzen gehen.“ Mit jedem Schritt liefen ihm Tränen über das Gesicht, und seine Lippen flüsterten Gebete. Als er schließlich die Moschee des Propheten (Friede sei mit ihm) betrat, trat er schweigend vor das Grab und sagte leise: „Friede sei mit dir, mein Großvater.“ Da ertönte aus der Grabstätte, für alle vernehmbar, eine Antwort: „Und Friede sei mit dir, mein Sohn.“ Tausende, die sich in der Moschee befanden, erzitterten vor Ergriffenheit. Ahmed Rifai hob die Hände, Tränen liefen über sein Gesicht, und er sprach in bewegten Versen:

„Wenn ich fern von dir war, sandte ich meine Seele zu dir,

Sie küsste den Boden, den du betratst, als meine Stellvertreterin.

Und nun ist mein eigener Leib zu dir gekommen,

Streck deine rechte Hand aus, dass meine Lippen sie ehren dürfen.“

In jenem Augenblick, so berichten die Anwesenden, erschien aus der Grabstätte ein Licht, das die Gestalt einer Hand annahm. Ahmed Rifai ergriff sie, küsste sie und legte sie ehrfürchtig an sein Gesicht. Dieses Ereignis hinterließ in den Herzen der Anwesenden einen unauslöschlichen Eindruck. Unter den Zeugen befanden sich große Sufis jener Zeit. Die Kunde verbreitete sich bald in der gesamten islamischen Welt.

Ahmed Rifai nahm die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wurde, mit tiefer Bescheidenheit auf. „Dies ist kein Wunder“, sagte er, „sondern die Liebe dieser Gemeinschaft, die den Propheten erreicht hat.“ Er verweilte noch einige Tage in Medina, betete am Grab des Gesandten und verbrachte dort jede Nacht im Gebet und in Tränen. Oft hörte man ihn leise sprechen: „O mein Herr, mache mich zum Schild gegen die Prüfungen dieser Gemeinschaft. Wenn ein Unglück kommen soll, lass es mich treffen, nicht sie.“

Eines Morgens fand man Ahmed Rifai ausgestreckt an der Schwelle des Tores „Bab as-Salam“. Die Menschen gingen achtlos vorüber. Nur wenige hielten inne und erkannten ihn. Leise sagte er: „Geht über mich hinweg. Ich bin Erde, aus Erde geschaffen, und zur Erde werde ich zurückkehren.“ Dieses Bild prägte sich tief in die Herzen seiner Schüler ein und blieb ihnen als Sinnbild vollkommener Demut.

Mit den Jahren wuchsen seine Kreise, und immer mehr Menschen kamen, um seinen Worten zu lauschen. Doch in seinem Inneren blieb er derselbe schlichte Junge, der mit sieben Jahren den Koran auswendig gelernt hatte, der still vor seinem Lehrer saß und in seinem Herzen flüsterte: „Mein Allah, birg mich in der Demut.“ Alles, was man später als seine Wunder bezeichnete, waren, so sagten seine Schüler, nichts anderes als die sichtbaren Erscheinungen jener inneren Stille, die ihn sein Leben lang begleitete.

Seine Beziehung zu den Menschen ging weit über das gewöhnliche Band zwischen einem Meister und seinen Schülern hinaus. Er wollte sie nicht nur unterweisen, sondern ihre Herzen heilen. Eines Tages, als er über den Markt ging, spritzte ein Kind versehentlich Schlamm auf sein Gewand. Die Umstehenden wollten das Kind bestrafen, doch Ahmed Rifai lächelte und sagte leise: „Lasst es. Es gefällt mir, wenn die Erde mich berührt.“

Seine Barmherzigkeit umfasste nicht nur die Menschen, sondern auch Tiere. Es wird berichtet, dass ein Hund an Räude erkrankte und die Leute ihn voller Ekel aus der Stadt vertrieben. Sayyid Ahmed Rifai suchte das Tier auf, errichtete ihm einen kleinen Unterschlupf und pflegte es vierzig Tage lang, bis es wieder gesund war. Als seine Gefährten ihn nach dem Grund fragten, sagte er: „Ich fürchtete, dass Allah mich am Tag des Gerichts fragen könnte: Du hast dieses hilflose Geschöpf gesehen und warum hast du ihm nicht beigestanden?“

Ein anderes Mal setzte sich eine Heuschrecke auf seine Schulter. Als einer seiner Begleiter sie vertreiben wollte, sagte er ruhig: „Berühr sie nicht. Sie ist gekommen, um mir Schatten zu spenden.“ An einem anderen Tag begegnete ihm ein Schwein. Sayyid Ahmed Rifai grüßte es mit den Worten: „Einen gesegneten Morgen!“ Seine Gefährten blickten verwundert, doch er sprach: „Ich übe meine Seele (nafs) darin, das Gute zu tun.“ Für ihn war die Liebe zu allen Lebewesen keine Gewohnheit, sondern eine Form der Anbetung.

An einem kalten Wintermorgen beugte sich Sayyid Ahmed Rifai über das Wasser, um die Waschung zu vollziehen. Sein Muezzin Yaqub wollte seine Hand ergreifen und küssen, doch Ahmed Rifai sagte sanft: „Vorsicht, Yaqub, du hast die Mücke gestört.“ Verwundert fragte der Muezzin Yaqub: „Welche Mücke?“ Ahmed Rifai antwortete: „Sie war gekommen, um sich von meiner Hand zu nähren. Du hast ihr den Lebensunterhalt genommen.“

Ein anderes Mal bemerkte er eine Katze, die schlafend auf seinem Gewand lag, während die Zeit des Gebets gekommen war. Um sie nicht zu wecken, schnitt er vorsichtig den Stoff unter ihr ab, verrichtete das Gebet und nähte das Stück später wieder an. Als seine Frau sich darüber wunderte, sagte er lächelnd: „Sei nicht traurig, gesegnete Tochter eines Scheichs. Das war keine Mühe, das war eine Gnade.“ Wer seine schlichte Lebensweise kannte, verstand, was das bedeutete: Sayyid Ahmed Rifai besaß kaum mehr als ein Gewand, doch er zögerte nicht, es für den Frieden einer Katze zu opfern.

Im Laufe seines Lebens war Ahmed Rifai Hunderttausenden von Menschen begegnet, doch er blieb stets derselbe bescheidene Diener Allahs. Als er das Alter von sechsundsechzig Jahren erreicht hatte, schwanden seine Kräfte, und eine Krankheit fesselte ihn ans Bett. An einem Donnerstag im Monat Dschumada al-Awwal des Jahres 578 der Hidschra, entsprechend dem 24. September 1182, spürte er, dass der Tod nahe war. Bei ihm war sein engster Schüler, Yaqub ibn Kurraz. Er sagte: „Mein Herr, diesmal ist die Braut erschienen.“ Ahmed Rifai lächelte und antwortete leise: „Ja, so wird es sein.“ Dann fügte er hinzu: „Ein Unheil sollte über diese Gemeinschaft kommen. Ich habe es mit dem Rest meines Lebens erkauft. Es soll mich treffen, nicht sie.“

Daraufhin neigte Ahmed Rifai sein Gesicht zur Erde, vermischte seine Tränen mit dem Staub und betete: „Mein Allah, bewahre diese Gemeinschaft. Lass das Leid auf mich kommen, nicht auf sie.“ Seine Krankheit war schwer und währte einen Monat. Zwanzig Tage lang nahm er weder Speise noch Wasser zu sich. Als man ihn fragte, wie er das ertrage, antwortete er leise: „Das Fleisch geht, das Mark bleibt. Morgen wird auch das gehen.“ Am folgenden Tag, zur Stunde des Mittagsgebets, sprach er das Glaubensbekenntnis und gab seine Seele in Frieden zurück.

An diesem Tag wurde es still in Bataih. Selbst die Flüsse schienen langsamer zu fließen. Überliefert wird, dass neunhunderttausend Männer und sechshunderttausend Frauen an seiner Beerdigung teilnahmen. Tagelang versammelten sich die Menschen vor seiner Tekke, beteten und weinten in stiller Andacht. Sein Grab, unweit von Wasit wurde im Lauf der Zeit zu einem Ort der Einkehr und des Friedens. 

Wer ihn gesehen hatte, beschrieb ihn als Mann mittlerer Statur, mit dunkler Haut, schwarzen Augen, feinen Zügen und einem Antlitz voller Licht. Er lachte nie laut und sprach nie mit Stolz. Auf seinen Lippen ruhte stets ein sanftes Lächeln. Wenn er sprach, verstummten alle um ihn. Nicht die Lautstärke seiner Stimme wirkte, sondern die Stille, die in seinen Worten wohnte.

Es wird berichtet, dass Ahmed Rifai beim Predigen stets saß, doch seine Stimme reichte weit, bis in die entfernten Dörfer. Die Menschen stiegen auf die Dächer ihrer Häuser, um ihn zu hören. Man sagte, selbst Taube hätten in seiner Gegenwart das Hören wiedergefunden. „Allah hat seiner Stimme Segen verliehen“, erzählten die Leute. Ahmed Rifai lächelte nur und sprach: „Die Stimme ist von mir, die Ansprache von Ihm.“

Sayyid Ahmed Rifai hinterließ eine Reihe von Schriften, die zeigen, dass er nicht nur ein spiritueller Meister, sondern auch ein Gelehrter war. Sein bekanntestes Werk ist Al-Burhan al-Muejjad, eine Zusammenstellung seiner Unterweisungen, die von seinem Schüler Scharafaddin ibn Abdussemi aufgezeichnet wurde und als Sammlung seiner mystischen Ratschläge gilt. Die Schrift Al-Hikam ar-Rifaiyya stammt aus seiner eigenen Hand. Sie ist kurz, aber voller tiefer Bedeutung. In An-Nisam al-Chas li-Ahl al-Ichthisas behandelte er Fragen der Ethik und des inneren Lebens in einer schlichten, fast gesprächsartigen Sprache. Sein Werk Arbauna Hadithan enthält vierzig Überlieferungen, die er mit eigener Überlieferungskette bis zum Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) zurückführt. In Halat Ahl al-Hakika ma’a Allah deutete er diese Hadithe in ihrem mystischen Sinn. Von großer Bedeutung ist auch Al-Madschalis as-Saniyya, eine Sammlung seiner Gespräche, die von Abdulazim al-Wasiti zusammengetragen und von Mustafa Raschid ar-Rifai geordnet wurde. Die Sammlung Al-Aschar enthält seine Gedichte, überliefert in dem Werk Kiladat al-Dschawaher von Abu l-Huda as-Sayyadi. Schließlich umfasst Al-Ahzab wal-Aurad die ihm zugeschriebenen Gebete und Litaneien, die bis heute in den Kreisen seiner Schüler und Anhänger gelesen werden.

Etwa elf weitere Werke, die in den Quellen erwähnt werden, gingen während der Mongoleninvasion und anderer Katastrophen verloren. Der gemeinsame Kern all seiner Schriften war die Vereinigung vom äußeren Gesetz und innerer Wirklichkeit. Für Ahmed Rifai war die islamische Normenlehre das Meer, der Weg der Sufis seine Welle, und die Wirklichkeit das Licht, das auf dieser Welle getragen wird. „Wer dieses Gleichgewicht verliert“, sagte er, „wird die Wirklichkeit niemals finden.“

Sayyid Ahmed Rifai hinterließ nicht nur geschriebene Worte, sondern einen lebendigen Zustand. Nach seinem Tod setzten seine Schüler dieselbe einfache Lebensweise fort. Der Rifai-Orden verbreitete sich über Jahrhunderte hinweg in Irak, Anatolien und Nordafrika. Doch Ahmed Rifai selbst blieb nicht als Gründer eines Systems, sondern als Verkörperung eines Charakters in Erinnerung, als Sinnbild von Demut, Barmherzigkeit, Wissen, Dienst und Anstand. Für ihn war Heiligkeit kein Titel vom Himmel, sondern das Sichneigen zur Erde. Eine Haltung, die er in einfache Worte fasste: „Wer sich groß sieht, wird klein. Wer sich klein weiß, wird groß. Denn Allah blickt in die Herzen der Demütigen.“

Sein Grab wird bis heute besucht, doch die wahre Pilgerreise gilt seinem Wesen. Möge Allah uns allen gewähren, diesen edlen Menschen innerlich zu besuchen. Die einfachste und zugleich tiefste Wahrheit, die er lehrte, war diese: „Nicht Wissen erhebt den Menschen, sondern Barmherzigkeit. Und die Quelle der Barmherzigkeit ist ein Herz, das zu Allah gewandt ist.“

So haben wir auch in dieser Woche unsere Aufgabe erfüllt. Doch es gibt noch einen Gedanken, den wir uns erneut ins Bewusstsein rufen sollten: Die außergewöhnlichen Zustände und Gaben, die den Freunden Allahs zuteilwerden, sind nichts anderes als ein Anteil an den Eigenschaften jenes erhabenen, vollkommenen Menschen (Friede sei mit ihm), der als Barmherzigkeit für alle Welten gesandt wurde. Je näher der Mensch diesem erhabenen Propheten steht, desto tiefer und größer wird sein Anteil an dieser göttlichen Gabe. So lasst uns nachdenken: Wenn schon ein geistiger Pol ein Sinnbild der Barmherzigkeit ist, wie unermesslich barmherzig muss dann der Erhabenste aller Propheten gewesen sein! Möge Allah Seinen Segen und Frieden über ihn, über seine erhabene Familie und über seine Gefährten senden. Möge der Ewige unsere Herzen mit Barmherzigkeit erfüllen!


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Ahmed Rifai – Die zarte Hand des Heiligen und die Liebe zu allem Lebendigen