• Lesedauer:7 Min. Lesezeit

Die Schüler von Ahmad asch-Scharnubi im Sufitum

Im Namen Gottes. Ha-Mim. Es gibt eine alte Weisheit unter den Sufis: Ein Meister ist wie ein Spiegel, der das göttliche Licht empfängt und es weitergibt. Doch erst wenn dieses Licht in anderen Herzen aufleuchtet, erweist sich seine wahre Kraft. So war es auch mit Ahmad asch-Scharnubi.

Sein eigentlicher Triumph lag nicht nur in den Wundern, die man ihm zuschrieb, oder in den Visionen, die ihn heimsuchten. Er zeigte sich vielmehr in jener Schar von Männern, die sich um ihn versammelte und aus seinem geistigen Brunnen trank. Und wir, sooft wir die Geschichten jener Gemeinschaft lesen oder hören, fühlen uns, als säßen wir mitten unter ihnen und tränken selbst aus derselben Quelle.

Die Zawiya als Zentrum der Lehre

Seine Zawiya (i.e. eine Sufi-Herberge und Versammlungsstätte) wurde zu einem Ort der Anziehung für Strebende aller Art. Dort drängten sich nicht nur einfache Derwische mit zerrissenen Gewändern und staubigen Füßen, sondern auch Gelehrte von hohem Rang, Männer des Fiqh (i.e. die islamische Rechtswissenschaft, also die Lehre von Recht und Praxis des Glaubens), die in den feinsten juristischen Fragen bewandert waren, Hadith-Experten, die ganze Überlieferungsketten auswendig kannten, und Theologen, deren Disputationen in den Lehrhallen von Kairo widerhallten. Diese Mischung aus spirituellem Durst und intellektueller Schärfe war es, die der entstehenden Scharnubiyya ihren besonderen Charakter verlieh.

Ibrahim al-Laqqani und seine Bedeutung

Unter diesen Schülern ragte eine Gestalt wie ein Leuchtturm hervor: Ibrahim al-Laqqani, der 1631 das Zeitliche segnete. Seine Herkunft aus der ägyptischen Region Buhaira/Beheira führte ihn nach Kairo, wo er sich zunächst als malikitischer Rechtsgelehrter einen Namen machte. Doch das war nur eine Facette seines Wesens. Al-Laqqani beherrschte ebenso die Wissenschaft der Hadith-Überlieferung und die subtilen Künste des Kalam (i.e. die islamische spekulative Theologie. Eine Disziplin, die mittels rationaler Argumentation die Glaubenslehren definiert, verteidigt und gegen Zweifel oder philosophische Einwände absichert), jener theologischen Disziplin, die den Glauben durch Vernunft zu stützen sucht.

Von diesem außergewöhnlichen Mann berichten die Chroniken zahlreiche Karamat (i.e. außergewöhnliche Gnadenerweise und Wunder, die Allah seinen frommen Freunden den Awliya zuteilwerden lässt). Eine davon ist besonders bemerkenswert: Der Gelehrte Hidschazi wollte einst al-Laqqanis Unterrichtskreis besuchen. Als er die Schwelle betrat, zögerte er jedoch und wollte sich nicht setzen, vielleicht aus Respekt oder Unsicherheit.

Doch plötzlich öffneten sich ihm die Augen des Herzens, und er erblickte den Propheten selbst, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, wie er den Worten Ibrahims lauschte. Von diesem Augenblick an wagte Hidschazi nicht mehr, den Ort zu verlassen, und verblieb bis zum Ende der Lehrversammlung. Dieses Ereignis ist die am häufigsten erzählte Karama, doch nicht die einzige. Es wird überliefert, dass Schüler, die von seinen Bittgebeten erfasst wurden, im Studium rasch vorankamen, ihr Gedächtnis klarer wurde und ihr Verständnis sich erweiterte. Die bloße Anwesenheit in seiner Nähe galt als Quelle geistigen Segens.

In manchen Berichten heißt es zudem, er habe auf zukünftige Ereignisse hingewiesen, die sich später tatsächlich erfüllten. Und wer seinen Kreis betrat und um sein Bittgebet bat, bezeugte oftmals, dass Sorgen von ihnen genommen wurden und sie innere Ruhe fanden.

Jawharat at Tawhid und ihr Einfluss

Al-Laqqani hinterließ der Nachwelt zahlreiche Schriften, doch sein bleibender Ruhm gründet sich auf ein einziges Werk: die Jawharat at-Tawhid, die Perle der Einheitslehre. Die Überlieferung berichtet eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte: Ahmad asch-Scharnubi habe seinem Schüler aufgetragen, ein Lehrgedicht über die Grundlagen des Glaubens zu verfassen. Ibrahim al-Laqqani zog sich daraufhin in die Stille seiner Kammer zurück und schrieb das gesamte Werk in einer einzigen Nacht nieder. Als die Morgendämmerung anbrach, übergab er das Manuskript seinem Meister, der seine Hand segnend auf das Werk legte. Diese Perle sollte zu einem der meistgelesenen theologischen Texte in der islamischen Welt werden. Über Jahrhunderte hinweg wurde sie in den Lehranstalten des Osmanischen Reiches gelehrt, und ihre Verse prägten das religiöse Denken von Generationen von Gelehrten. Dass ein so einflussreiches Werk aus dem geistigen Umkreis des Ahmad asch-Scharnubi hervorging, zeigt die intellektuelle Strahlkraft seines Wirkens.

Weitere Schüler und ihre Rolle

Ein zweiter bedeutsamer Schüler war Muhammad al-Bulqini, der nach 1585 lebte. Über seine Person schweigen die Quellen weitgehend, doch die wenigen Hinweise zeichnen das Bild eines rechtschaffenen, der Frömmigkeit ergebenen Mannes. Sein unvergängliches Verdienst liegt in einem Werk von unschätzbarem historischen Wert: dem Kashf al-Ghuyub fi Tabaqat asch-Scharnubi. Al-Bulqini verfasste diese frühe Biographiensammlung unter der direkten Anleitung seines Lehrers und bewahrte damit Erinnerungen und Überlieferungen, die sonst der Vergessenheit anheimgefallen wären. Das gedruckte Exemplar dieses Werkes ist heute äußerst schwer auffindbar, und mir ist bislang keine Übersetzung in irgendeiner Sprache begegnet. Wenn diese Artikelreihe abgeschlossen ist, will ich mich deshalb Schritt für Schritt bemühen, dieses Buch ins Deutsche zu übertragen, damit seine Schätze auch einem heutigen Publikum zugänglich werden.

Doch die Scharnubiyya war mehr als nur eine Ansammlung herausragender Persönlichkeiten. Um den Meister scharte sich eine ganze Schar von Männern, deren Namen heute nur noch wie ferne Sterne in den Chroniken aufleuchten: Abu Nasr ad-Disuqi, Abdurabbih al-Ibschidi, Sulaiman al-Burhani, Ibrahim asch-Schabrakhiti, Sulaiman al-Qami, Ibrahim as-Samdisi, Scharaf ad-Din al-Murschidi, Muhammad ad-Disuqi, Hasan al-Munzilawi. Von ihrem Leben erfahren wir heute nur wenig. Die Zeit hat ihre Geschichten verschluckt wie Sand die Spuren eines Wanderers. Doch bereits die Tatsache, dass ihre Namen in den Überlieferungen bewahrt blieben, bezeugt die Weite jenes Kreises, den Ahmad asch-Scharnubi um sich zu sammeln vermochte. Jeder dieser Namen steht für eine Seele, die von seinem Licht berührt wurde, für einen Geist, der in seiner Nähe Nahrung fand.

Das Erbe der Schüler

Diese Männer begnügten sich nicht damit, passive Empfänger der Lehre zu bleiben. Viele von ihnen griffen selbst zur Feder und verfassten Werke der Rechtswissenschaft, der Mystik oder der Poesie. Sie schrieben Kommentare zu den Schriften ihrer Vorgänger, sammelten Überlieferungen und trugen auf diese Weise das geistige Erbe ihres Meisters in alle Windrichtungen. So wurde Ahmad asch-Scharnubi nicht nur zu einem spirituellen Führer einzelner Seelen, sondern zum Gründer einer ganzen Schule der Gelehrsamkeit und des Sufitums.

Die Schriften seiner Schüler gaben der Scharnubiyya ihre charakteristische Form und Gestalt. Sie schufen jene Texte und Kommentare, durch die sich eine lose Ansammlung von Suchenden in eine organisierte sufische Bewegung verwandelte. In ihren Werken spiegelte sich die besondere Synthese wider, die ihr Meister vollzogen hatte, die Verbindung von rigoroser Gelehrsamkeit mit der Glut sufischer Erfahrung.

Das fortwirkende Licht

So erkennen wir, dass Ahmad asch-Scharnubi nicht für sich allein lebte und wirkte. Sein Licht war nie dazu bestimmt, verborgen zu bleiben. Es brach sich in den Herzen seiner Schüler wie Sonnenstrahlen in einem Kristall und wurde dadurch vielfältig und weitreichend. Durch sie ging es hinaus in die Welt, erleuchtete neue Seelen und zeugte wiederum neue Schüler und Anhänger. Wenn wir diese Erzählungen und Überlieferungen aus jener Zeit lesen, erfahren wir nicht bloß vergangene Ereignisse. In ihnen wohnt ein lebendiger Geist, der auch unsere Herzen berührt. Es ist, als ob dieses Licht über Jahrhunderte hinweg bis in unsere Zeit reicht und in unserer Seele einen Funken hinterlässt. In solchen Augenblicken fühlen wir uns nicht nur als Leser, sondern wie Gäste jener Versammlung. Als säßen wir selbst in Scharnubis Zawiya, still zwischen seinen Schülern, hörten, was sie hörten, und kosteten, was sie kosteten.

In diesem Wirken über sich hinaus zeigt sich das wahre Geheimnis jeder authentischen spirituellen Lehre. Sie ist nie Selbstzweck, sondern immer Mittel zur Verbreitung des Lichts. Der Meister ist nur der erste Spiegel in einer unendlichen Kette von Spiegelungen, durch die das eine göttliche Licht immer neue Formen und Ausdrücke findet. Doch das Bild des Scharnubi erschöpft sich nicht im Wirken seiner Schüler. Ebenso bedeutsam sind die Spuren, die er selbst auf Pergament hinterließ. Seine Schriften sind wie Fenster in seine Gedankenwelt, Zeugnisse, die bis heute von seiner Stimme zehren. Und wenn wir uns ihnen zuwenden, treten wir gleichsam selbst in seinen Kreis ein, als seien wir mitgemeint. Im nächsten Kapitel werden wir daher diesen Texten begegnen.


Um das Audiomaterial zu diesem Beitrag auf YouTube zu verfolgen, klicke darauf.

Und um den Beitrag auf Substack anzusehen, klicke darauf.

Ahmad asch-Scharnubi – Sein Leben (Teil 4)