Im Namen Gottes. Ha-Mim. Bayezid Bistami (gest. 261) gehört zu den eindrucksvollsten und geistig strahlendsten Gestalten der gesamten Sufi Geschichte. Seine Aussprüche, seine Legenden und die ihm zugeschriebenen sufischen Erfahrungen haben sich so tief in die Literatur des Sufitums eingeschrieben, dass kaum ein Werk ohne den Nachhall seines Namens auskommt. Von Maulana Dschalaladdin Rumi (gest. 672) über Muhyiddin ibn Arabi (gest. 638) und Schihab ad-Din as-Suhrawardi (gest. 587) bis hin zu Fachr ad-Din ar-Razi (gest. 606) betrachteten Vertreter sehr verschiedener geistiger Schulen ihn als Vorbild und als höchsten Maßstab. Fachr ad-Din ar-Razi bezeichnete ihn sogar als den vollkommensten und erhabensten aller Scheiche.
Sein Ruhm erstreckt sich über ein weites Gebiet. Von Syrien bis nach Bangladesch finden sich ihm zugeschriebene Heiligtümer, und im Osmanischen Reich trugen zwei Sultane seinen Namen. Trotz dieser weiten Ausstrahlung bleibt Bayezid rätselhaft. Er hinterließ kein eigenes Werk und ist nur durch seine Aussprüche, seine Legenden und die über Jahrhunderte hinweg tradierten Erzählungen fassbar.
In diesen Überlieferungen begegnet man bisweilen umstrittenen Worten und auch Äußerungen, die zunächst widersprüchlich wirken und sich erst bei tiefer Betrachtung erschließen. Hinzu treten eindringliche Ermahnungen zu zuhd, der Askese, zu Disziplin und zum Kampf gegen nafs (das niedere Selbst). Seine Ausrufe im Zustand des wadschd (der ekstatischen Versenkung), sein intensives Leben der Gottesdienste, seine an miʿradsch (den Himmelsaufstieg), erinnernden spirituellen Erfahrungen und seine kurze, präzise Erkenntnisrede bilden den Kern dieses umfangreichen Überlieferungsschatzes. Über die Jahrhunderte wuchs dieses Material weiter und wurde durch legendäre Ausschmückungen ergänzt. Ein besonders lebendiges Beispiel ist die bekannte Erzählung, er habe eine Zeitlang im christlichen Kloster Dayr Samʿan, auch als Simeonskloster bekannt, in Syrien gelebt.
Die frühen Quellen zeigen jedoch, dass das Material über Bayezid weitaus umfangreicher ist, als man zunächst annehmen könnte. Der größte Teil der Berichte wurde etwa zwei Jahrhunderte nach seinem Tod im fünften nach der Hidschra beziehungsweise elften Jahrhundert aufgezeichnet. Dennoch beruhen viele dieser Nachrichten auf soliden Überlieferungsketten.
Im Zentrum dieses Bestandes steht das Werk Kitab an-Nur min kalimat Abu Tayfur (das Buch des Lichts aus den Worten Abu Tayfurs), von Muhammad ibn Ali as-Sahlagi (gest. 380). Es handelt sich vermutlich um die älteste und umfangreichste Sammlung, die einem einzelnen Sufi gewidmet ist. Ihr Ziel war es, den in der mündlichen Überlieferung zirkulierenden Stoff zu sammeln und zu bewahren. As-Sahlagi wollte das verlässliche Erbe des Sufitums sichern und den Wandernden einen authentischen Bestand an Überlieferungen bereitstellen.
Zudem unterscheidet er sorgfältig zwischen dem ursprünglichen Bayezid und späteren Personen gleichen Namens und bemüht sich, die authentischen Worte des historischen Bayezid zuverlässig zu bestimmen.
Die Arbeit as-Sahlagis wird durch andere Werke derselben Epoche bestätigt. Dazu gehören Kitab al-Lumaʿ (das Buch der Lichtfunken) von Abu Nadr as-Sarradsch (gest. 378), Qut al-qulub (die Nahrung der Herzen) von Talib al-Makki (gest. 386), sowie Hilyat al-awliyaʾ (der Schmuck der Gottesfreunde) von Abu Nuʿaym al-Isfahani (gest. 430).
Ebenfalls von Bedeutung sind Tabaqat as-sufiyya (die Klassen der Sufis) von Abu ʿAbd ar-Rahman as-Sulami (gest. 412), ar-Risala (eine Epistel über das Sufitum) von Abu l-Qasim al-Quschayri (gest. 465), sowie das persische Werk Kashf al-mahgub (die Enthüllung des Verborgenen) von ʿAli al-Hudschwiri (gest. 465).
Auch die Schriften von Abu Saʿd al-Kharghuschi (gest. 406) von Sirgani und von Mustamli al-Buchari (gest. 432) tragen zu diesem Bestand bei. Diese Werke enthalten direkte oder indirekte Hinweise, kurze biographische Notizen und Legenden über Bayezid und stehen häufig im Zusammenhang theologischer oder ethischer Diskussionen. Manche Aussprüche werden zudem durch die Überlieferung Abu l-Hasan al-Haraqanis (gest. 425) weitergegeben.
Ab dem sechsten nach der Hidschra beziehungsweise dem zwölften Jahrhundert wurde das Bild Bayezids durch spätere Sufis neu gedeutet und häufig auch legendarisch erweitert. Ein zentraler Ausgangspunkt dafür ist das Tadhkirat al-awliyaʾ (das Gedenkbuch der Gottesfreunde) von Farid ad-Din ʿAttar (gest. 618). Durch dieses Werk überlagerten sich Teile der frühen Überlieferungen, und das Bild Bayezids erhielt in späteren Jahrhunderten zunehmend mythische Züge.
Natürlich behauptet niemand, dass alle frühen Materialien vollkommen zuverlässig seien. Die menschliche Erinnerung kann irren, und ein Ausspruch kann im Laufe der Zeit verschiedenen Personen zugeschrieben worden sein. Manche Aussprüche wurden vermutlich auch deshalb tradiert, weil sie klanglich ansprechend waren. Dennoch sprechen deutliche Hinweise dafür, dass ein beträchtlicher Teil dieser frühen Überlieferungen authentisch ist.
As-Sahlagi überliefert auch schwierige Aussagen ohne jede Verschönerung. Ein Vergleich der Überlieferungsketten zeigt, dass manche Aussprüche bei Abu Nuʿaym und bei as-Sahlagi nahezu wortgleich erscheinen. In einigen Fällen ist die Überlieferungskette as-Sahlagis sogar länger, was deutlich macht, dass er nicht aus fremden Quellen abgeschrieben hat. Wenn derselbe Ausspruch in verschiedenen Varianten, jedoch mit gleichem Sinn auftaucht, belegt dies seine weite Verbreitung innerhalb der mündlichen Tradition.
Aus den frühen Quellen hat der Autor mehr als tausend Überlieferungen gesammelt. Etwa ein Zehntel davon wiederholt sich, während der übrige Bestand ein bemerkenswert geschlossenes Ganzes bildet. Auf diese Weise wird sichtbar, dass Bayezids Worte bestimmte wiederkehrende Themen und eine klare geistige Linie aufweisen.
Um zu zeigen, wie Bayezid in der frühen Sufi Tradition verstanden wurde, stehen die Werke von as-Sahlagi im Mittelpunkt. Er selbst gilt als eine herausragende Gestalt seiner Zeit und lebte vermutlich in Bistam. Ein großer Teil seines Lebens war dem Sammeln des geistigen Erbes Bayezids gewidmet. Sein Lehrer Abu Abdallah Dastani (gest. 417) bildet die Hauptquelle für Bayezids Worte und für Nachrichten über seine Familie und sein Umfeld. Dastani war bekannt für tiefe sufische Erfahrung, für Sprachgewandtheit und für einen deutenden Stil. Manche berichten, dass zwischen ihm und Abu l-Hasan al-Haraqani eine Rivalität bestand. Der Grund soll in der Behauptung al-Haraqanis liegen, ihm sei das geistige Erbe Bayezids unmittelbar zugekommen.
Bistam erscheint als eine kleine Siedlung an den südlichen Ausläufern des Elbursgebirges. Einst lebte dort eine mehrheitlich zoroastrische Bevölkerung. Mit den arabischen Eroberungen verbreitete sich der Islam jedoch rasch entlang dieser Handelsroute. Auch die Familie von Bayezid Bistami entstammte diesem tiefgreifenden Wandel. Sein Großvater Suruschan soll zwischen dem ersten und zweiten islamischen Jahrhundert vom Zoroastrismus zum Islam übergetreten sein. Die Familie gehörte zu den religiösen Eliten des alten zoroastrischen Kultes. Es wird berichtet, dass der Großvater in der Region Qumis als mowbad, also als zoroastrischer Priester, wirkte.
Die Überlieferung verbindet seine Begegnung mit dem Islam mit einer Erzählung, die sowohl seinen Charakter als auch die Tugend seiner Familie sichtbar macht. Suruschan freundete sich mit einem Araber namens Ibrahim an. Diese Nähe beunruhigte zunächst Ibrahims Vater. Doch Suruschans Anstand und Freigebigkeit beeindruckten die Familie so sehr, dass sie ihn zu sich einlud. Suruschan kam nicht mit leeren Händen, und diese Großzügigkeit wurde später als Zeichen seiner inneren Hinwendung zum Islam gedeutet.
Als Bayezid geboren wurde, also in der zweiten Hälfte des zweiten nach der Hidschra beziehungsweise des achten Jahrhunderts, war Bistam bereits deutlich islamisiert. In der Stadt gab es mehrere Moscheen und sogar eine große Freitagsmoschee. Obwohl Bayezid im alten zoroastrischen Viertel Mowbadan zur Welt gekommen war, zog seine Familie später in das arabische Viertel Wafidan um. Sein Vater ʿIsa ibn Suruschan wird in den Quellen als ein Mann größter religiöser Gewissenhaftigkeit beschrieben. Überliefert wird, dass er in den ersten vierzig Nächten seiner Ehe seiner Frau fernblieb, weil er sicher sein wollte, dass in seinem Körper keine Spur eines möglicherweise zweifelhaften Bissens aus dem Hause seines Vaters geblieben war. Diese Strenge wurde als Fortsetzung alter zoroastrischer Reinheitsvorstellungen innerhalb eines islamischen Rahmens verstanden.
Bayezid hatte zwei Brüder, den älteren Adam und den jüngeren ʿAli. Es wird auch von zwei Schwestern berichtet, deren Namen jedoch unbekannt sind. Adams Sohn Abu Musa wurde Bayezids Diener und engster Gefährte. Die Söhne von Abu Musa, besonders der älteste ʿAmmay, überlieferten später die Worte Bayezids und wurden zu den wichtigsten Tradenten. Ein weiterer Enkel namens Abu Yazid gehört ebenfalls zu dieser Überlieferungslinie. Die Nachkommenschaft des jüngeren Bruders ʿAli trat hingegen weder geistig noch religiös hervor.
Über Bayezids Vater ist wenig überliefert. Dies lässt vermuten, dass er starb, als Bayezid noch ein Kind war. Seine Mutter dagegen spielte eine zentrale Rolle in seinem Leben. Die Quellen zeichnen das Bild einer lichtvollen und bescheidenen Frau, die tagsüber fastete und nachts im Gebet stand. Sie lebte in einer ständigen Haltung aus Gottesfurcht und Hoffnung.
Bayezid betonte immer wieder, wie sehr er seiner Mutter verpflichtet war. Als man ihn fragte, wie er zu seinen geistigen Rangstufen gelangt sei, antwortete er mit dem bekannten Satz, er glaube, diesen Rang erreicht zu haben, weil er seine Mutter zufrieden gestellt habe.
Eine weitere Erzählung vertieft das Bild seiner Mutter. Sein Vater ʿIsa soll nach der Pilgerfahrt unbewusst einen Apfel gegessen haben, der aus einem Garten stammte, dessen Erlaubnis er nicht eingeholt hatte. Um den Wert dieses Apfels zu begleichen, reiste er bis nach Damaskus. Der Gartenbesitzer war von seiner Ehrlichkeit so beeindruckt, dass er ihm seine behinderte Tochter zur Ehe anbot. Nach der Eheschließung seien alle ihre Leiden verschwunden. Diese Frau gilt in der Überlieferung als die Mutter Bayezids.
Die Legenden über seine Beziehung zu seiner Mutter zeigen die Grundzüge seines Charakters. In einer kalten Nacht bat sie ihn um Wasser. Bayezid holte es, doch als er zurückkam, war sie eingeschlafen. Um sie nicht zu wecken, blieb er mit dem Gefäß in den Händen an ihrem Bett stehen. Seine Hand fror so stark, dass sie am Henkel festhaftete. Als die Mutter erwachte, wunderten sie die Spuren der Kälte an seiner Hand.
Bayezid erklärte, wenn er das Gefäß abgestellt hätte, wüsste sie beim Erwachen nicht, dass das Wasser bereitstand. Sie habe gesagt, er solle das Wasser bringen, aber nicht, er solle es abstellen. Er habe ihren Worten vollständig entsprechen wollen. Darauf sagte sie, Gott möge mit dir zufrieden sein.
Zwei weitere Kindheitserinnerungen, die von kleinen Verfehlungen gegenüber der Mutter berichten, zeigen seine innere Empfänglichkeit für moralische Schulung.
Ein wichtiger Hintergrund seiner Kindheit ist der Besuch des Sufis Schaqiq al-Balchi (gest. 194) in Bistam während einer Pilgerreise. In Kadghan hielt er eine Zusammenkunft ab. Bayezid war damals noch ein Kind und spielte mit anderen vor der Moschee. Als Schaqiq ihn sah, sprach er aus intuitiver Einsicht, dieses Kind werde später zu den wahren Männern Gottes gehören. Die Geschichte bestätigte dieses Urteil.
Die Frage nach Bayezids Ehe bleibt unklar. Einige Überlieferungen sagen, er habe nie geheiratet. Andere berichten, er habe zwar eine Ehe geführt, jedoch keine Kinder gehabt. Es gibt zudem Überlieferungen, in denen Worte aus dem Mund seiner Ehefrau wiedergegeben werden, was das Bestehen einer Ehe bestätigt. Der Gelehrte as-Sahlagi akzeptiert beide Arten von Überlieferungen als gültig. Ibn Haraqani behauptete sogar, Bayezid habe einen Sohn gehabt und seine Nachkommenschaft reiche bis zu ihm selbst.
Zu seiner Ausbildung gibt es nur wenige gesicherte Informationen. Wahrscheinlich besuchte er als Kind eine Koranschule und erhielt eine grundlegende religiöse Unterweisung. Seine sichere Kenntnis des Korans und eine überlieferte Hadith-Aussage, also eine prophetische Überlieferung, bestätigen dies. Eine Geschichte aus dem Werk von ʿAttar erzählt, dass Bayezid als Kind beim Hören des Verses aus der Sure Luqman, in dem steht, dankt mir und euren Eltern, in tiefe Bestürzung geriet. Er bat den Lehrer um Erlaubnis, nach Hause gehen zu dürfen, und sagte zu seiner Mutter, dieser Vers befehle ihm, sowohl Gott als auch ihr zu dienen. Er könne jedoch nicht zwei Häusern zugleich dienen. Entweder solle sie ihn Gott hingeben oder ihn für sich behalten. Die Mutter erkannte die Aufrichtigkeit seines Herzens und weihte ihn dem Weg Gottes.
In den ältesten Quellen erscheint diese Geschichte nicht. Die Überlieferung im Kitab an-Nur (dem Buch des Lichts), zeichnet jedoch ein anderes Bild. Dort heißt es, Bayezids Lernweg habe bereits im frühen Kindesalter durch göttliche Eingebung begonnen. Noch vor seinem zehnten Lebensjahr habe er durch ein inneres Führen zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden gelernt. Er fragte sogar seine Mutter, ob sie während der Stillzeit etwas Unrechtmäßiges gegessen oder getrunken habe. Als sie zwei kleine Vorfälle erwähnte, ergriff ihn ein tiefes Erschrecken, und er erinnerte sie an die letzten Verse der Sura az Zilzal. Danach suchte er sofort nach einer Möglichkeit zur Versöhnung.
Er sagte später, dass er auf dem Weg des äußeren Wissens nicht lange verweilt habe, da ihn die Meinungsverschiedenheiten der Gelehrten ermüdet hätten. Dreißig Jahre habe er gerungen und nichts so schwer gefunden wie das Wissen, so seine Worte. Diese Aussage zeigt, dass er auf dem Weg des Tawhid, also der Einheit Gottes, die innere Läuterung höher schätzte als das äußere Lernen.
Die Diskussion über den murschid, also den spirituellen Lehrer Bayezids, ist vielgestaltig. Manche Überlieferungen nennen Dschaʿfar as Sadiq als seinen Lehrer. Andere führen Abu ʿAli as-Sindi an, und es gibt auch Berichte, die von einem lokalen kurdischen Mystiker sprechen. Diese Vielfalt zeigt, dass die frühe Tradition keine einheitliche Linie bewahrt hat. Der Text hebt jedoch hervor, dass in seiner Ausbildung neben menschlichen Lehrern vor allem die ilham, also die göttliche Eingebung, und die unmittelbare innere Erfahrung bestimmend waren.
Nach der Darstellung von Muhammad ibn ʿAli as-Sahlagi erlebte Bayezid eine Phase intensiver innerer Bewegung, während er zu verstehen versuchte, was in ihm vorging. Die Erzählung, dass Gott die Herzen seiner geliebten Diener zwischen Sehnsucht und Liebe hält, ließ ihn den Sinn seiner inneren Schmerzen begreifen. Nachdem er dies erkannt hatte, gelangte er durch Gottesdienst, durch den Dienst an seiner Mutter und durch innere Reinigung zu hohen geistigen Stufen.
Die awliyaʾ, also die Freunde Gottes, die er auf seinen Wegen besuchte, verfügten über eine intuitive Einsicht, die selbst körperliche Erscheinungen wie Fülle als Ausdruck geistiger Freude deuten konnte. Unter seinen Lehrern befanden sich daher nicht nur Menschen, sondern auch außergewöhnliche geistige Anführer.
In einer Erzählung geriet er in den Gedanken, der Scheich seiner Zeit zu sein, also der geistige Meister seiner Epoche, und machte sich auf, dies zu prüfen. Am vierten Tag begegnete er einem einäugigen Mann. Dieser sagte, er sei imstande, Bistam zu vernichten, und betrachtete Bayezids Gesicht aufmerksam. Dann sprach er, seit dem Tag, an dem du den Bund mit Gott geschlossen hast, bin ich dreitausend Farsach gereist. Ein Farsach entspricht 5762,8 Metern beziehungsweise 5,7628 Kilometern. Danach verschwand er.
Dieses Ereignis machte Bayezid deutlich, dass seine eigentlichen Lehrer nicht Menschen waren, sondern die Zeichen, die Gott ihm sandte.
In seiner Jugend war Bayezid auf der Suche nach Wissen gereist. Als er jedoch geistige Vollkommenheit erlangt hatte, hielt er es für richtig, in seiner Heimatstadt zu bleiben. Jenen, die sagten, die Reise sei der Weg der Sufis und man solle sie niemals aufgeben, antwortete er mit den Worten, sein Gefährte sei immer muqim, also ständig gegenwärtig. Er reise nicht, und da er mit ihm sei, reise auch er selbst nicht.
Diese Aussage verdeutlichte Bayezid durch ein Gleichnis über Meer und Flüsse. Die Flüsse verlieren sich im Meer, doch das Meer gewinnt nichts und verliert nichts. Das Meer der Wirklichkeit ist ein Zustand, der durch Ortswechsel weder wächst noch schrumpft.
Dennoch berichten die frühen Quellen, dass er Bistam zuweilen verließ. So ist von einer Pilgerreise die Rede. Eine weitere Überlieferung erzählt, er sei nach Qumis gereist, um einen Gottesfreund aufzusuchen, und eine andere berichtet von einem Weg nach Balch, wo er einen geistigen Bruder besuchen wollte. Diese Reisen waren freiwillig und blieben begrenzt. In manchen Lebensphasen jedoch war er gezwungen, die Stadt zu verlassen, und die Gründe dafür werden in den Quellen unterschiedlich überliefert.
Schon in jungen Jahren fiel er in Bistam auf. Ein Hadith-Gelehrter sprach mit ihm über das Gebet und bemerkte seine geistige Reife. Er fragte ihn, warum er den Menschen erlaube, von ihm Segen zu erwarten. Bayezid antwortete, dass dies nicht an ihm liege, sondern an dem Zustand, in den Gott ihn gestellt habe. Wie sollte ich das verhindern sagte er.
Als die Araber aus Respekt vor ihm aufstanden, verließ er die große Moschee und ging in eine kleinere. Doch auch diese füllte sich, und in seinem Inneren wünschte er, die Moschee wäre etwas weiter. Dieser Wunsch fiel als Eingebung in das Herz des angesehenen Bürgers Wāfid, der daraufhin seine Scheune an die Moschee anschloss. Später wurde für Bayezid ein Raum der khalwa, also der Einkehr, errichtet, und im Jahr 912 vergrößerte sein Großneffe ʿAmmay Musa die Moschee erneut.
Mit zunehmendem Alter zog er sich mehr und mehr zurück, doch die Menschen suchten ihn weiterhin auf. Ein großer Teil seiner Aussprüche entstand aus den Fragen seiner Besucher. Unter ihnen befanden sich bedeutende Sufis wie Ahmad ibn Chidrawayh, Schakiq al-Belchi und Abu Turab Nachschabi. Der wohlhabende Bürger Bistams, Ibrahim Maʿdan, unterstützte ihn großzügig und versorgte sowohl ihn als auch seine Gäste mit Nahrung. Doch nicht alle schätzten ihn. As-Sahlagi überliefert zwei Berichte über seine Verbannung. Einer stammt von seinem Lehrer Abu ʿAbdallah Dastani und zeigt, dass Bayezid die Stadt zeitweise aufgrund von Druck verlassen musste.
Einige Quellen berichten, dass eine Gruppe namens mutʿarridun, also die ständigen Tadler, ihn kritisierte. Sie betonten ihre eigene Frömmigkeit und waren zugleich vom riyaʾ, der Frömmigkeitsheuchelei, berührt. Sie bedrängten Bayezid, und er sagte, ihre Klagen hätten sein Haar weiß werden lassen. Dieser wechselseitige Tadel zeigt, dass seine Worte von manchen Vertretern des äußeren Wissens nicht verstanden wurden. Dennoch verlief sein Leben in Bistam im Allgemeinen ruhig und selbst in Zeiten des Rückzugs kamen die Menschen, um ihn zu sehen.
Seine letzten Tage werden von seinem Schüler Abu Musa beschrieben. Wie gewohnt klopfte er an Bayezids Tür, um ihn zum Morgengebet zu rufen, doch diesmal erhielt er keine Antwort. In seiner Sorge rief er ihn bei dem Namen, den er zu Lebzeiten aus Ehrfurcht nie laut ausgesprochen hatte, Abu Yazid. Da auch daraufhin keine Reaktion kam, trat er ein und sah, dass Bayezids Seele bereits zu Gott zurückgekehrt war. Nach as-Sahlagi sprach Bayezid in seinen letzten Augenblicken ein Bekenntnis. Mein Gott, ich habe dich nur im Zustand der ghafla, also in Unachtsamkeit, erwähnt und du hast mich im Zustand der fatara, einer geistigen Ermattung, sterben lassen. Eine weitere Überlieferung berichtet, dass er einem Schüler sagte, er solle nicht zur Totenwaschung gehen. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass es seine eigene war. Sein Tod schien ihm also vorausgeahnt gewesen zu sein.
Die Diskussion über seine Ausbildung ist ebenfalls vielgestaltig. Er wird als ummi bezeichnet, also als jemand ohne formale Gelehrtenausbildung. Einige Überlieferungen berichten, er habe von dreihundertsechzig Lehrern gelernt und der letzte unter ihnen sei Dschaʿfar as-Sadiq gewesen. Diese Angabe ist historisch wenig belastbar. Dennoch ordnet die mystische Tradition ihn gern der Linie Dschaʿfar as-Sadiqs zu. Wahrscheinlicher ist die Überlieferung, dass sein Lehrer Abu ʿAli as-Sindi war. Bayezid sagte, dass er bei ihm die Pflichten des Gebets erlernte und die Geheimnisse des Tawhid, also der Einheit Gottes, verstand. Die Erzählungen über Abu ʿAli geben wertvolle Einblicke in das Verständnis sufischer Erfahrung.
Die Herkunftsbezeichnung as-Sindi führte später zu der Annahme, Bayezid könne vom indischen Denken beeinflusst worden sein. In der orientalistischen Forschung wurden solche vermeintlichen Parallelen oft überbetont. Die frühen Quellen bestätigen jedoch keine derartigen Einflüsse. Das Denken Bayezids zeigt eine so ausgeprägte Eigenständigkeit, dass es nicht auf indische Mystik zurückgeführt werden kann.
Berichte über Verbannungen spiegeln die Mentalität jener Zeit wider. Einige Erzählungen schildern den Umzug der Familie aus dem alten zoroastrischen Viertel in das arabische als eine Art Auszug. Andere berichten, er sei siebenmal verbannt worden. Die frühen Quellen geben dies meist ohne jede Wertung wieder, während spätere Mystiker diese Geschichten in einem spirituellen Licht ausschmücken. Nach ʿAttar antwortete Bayezid auf den Vorwurf, er sei ein schlechter Mensch. Wenn eine Stadt schlecht ist, so sagte er, dann ist es besser, dass das Schlechte auf mich zurückgeführt wird. Ruzbihan Baqli berichtet, Bayezid habe ein Jahr in Gurgan gelebt, und Ibn al-Dschauzi erwähnt, er habe zwei Jahre in Mekka verbracht.
All diese Überlieferungen zeigen, dass das Leben Bayezids von großer Anerkennung und zugleich von unablässigen Prüfungen geprägt war. Er war ein Sufi, der zwischen der Zuneigung des Volkes und der Kritik jener stand, die sich an äußere Formen der Religiosität klammerten und er setzte dennoch seinen inneren Weg unbeirrt fort. Nicht die äußere Reise führte ihn zur Vollkommenheit, sondern eine tiefe innere Wanderschaft. Seine Lehrer suchte er nicht in Menschen, sondern in den Zeichen, die Gott ihm sandte. Alles, was er erlebte, verwandelte er in eine Bewegung hin zur Einheit Gottes.
Das Leben Bayezids zeigt, wie tief ein Mensch in die Wirklichkeit eindringen kann, wenn er sich ganz dem Licht des Einen überlässt. Er lebte nicht von Theorien, sondern von einer Haltung, die jede Regung des Herzens in einen Weg zu Gott verwandelte. Zwischen Verehrung und Kritik, zwischen Rückzug und inniger Gegenwart wuchs eine Gestalt, die weit über ihre Zeit hinausreicht. Wenn wir heute seine überlieferten Aussprüche lesen, begegnen wir einer Stimme, die uns daran erinnert, dass geistige Klarheit nicht im Lärm der Welt entsteht, sondern im schlichten Erwachen des Inneren. Möge die Beschäftigung mit seinem Leben uns den Mut schenken, das eigene Herz ebenso entschlossen zu reinigen und den Weg zur Wahrheit ohne Furcht zu betreten. Amin..
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