Im Namen Gottes. Ha-Mim. Über Jahrhunderte hinweg war die islamische Welt wie ein gewölbter Himmel, unter dem in jeder Epoche neue Sterne aufgingen – Heilige, Gottesfreunde, Herzenskönige, die das geistige Klima ihrer Zeit prägten. Jede bzw. jeder von ihnen war ein Licht, das die Finsternis seiner Epoche durchschnitt, eine Laterne, die den Menschen seiner Heimat Orientierung gab. Manche dieser Lichter leuchteten still und kaum bemerkt, andere hingegen strahlten mit einer Kraft, die weit über ihre eigene Zeit hinausreicht und bis heute Herzen wärmt, Gedanken weckt und Wege erhellt. Zu diesen außergewöhnlich hellen Sternen gehört in besonderer Weise Abu l-Hasan Ali ibn Abdallah asch-Schadhili (gest. 1258), einer der großen Gottesfreunde Nordafrikas und Gründer der Schadhiliyya-Tariqa.

Als er im Jahr 1197 in der Region Gamara bei Ceuta im heutigen Süden Spaniens geboren wurde, konnte niemand ahnen, dass sein Name rund achthundert Jahre später noch immer mit solcher Ehrfurcht ausgesprochen würde. Er entstammte einer Familie, die sowohl sayyid als auch scharif war, das heißt: sowohl über die Linie von Hasan als auch über al-Husain auf den Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) zurückging. Doch er wusste sehr genau, dass wahre Vornehmheit nicht nur im Blut, sondern im Herzen liegt, nicht in der Abstammung, sondern im Licht, das Allah in der Tiefe der Seele entzündet. So war das Herz dieses gesegneten Kindes bereits in jungen Jahren erfüllt von einer Unruhe, die sich mit einem gewöhnlichen Leben nicht zufriedengab: einer inneren Glut der Suche nach Wirklichkeit (al-haqiqa).
In der schlichten, bergigen Landschaft von Gamara begann seine Bildungsreise. Doch diese Reise blieb nicht lange auf sein Heimatdorf beschränkt. Schon bald trieb ihn der Geruch des Wissens, wie ein feiner, aus der Ferne wahrnehmbarer Duft, hinaus aus dem vertrauten Umfeld hin zu den Zentren der Gelehrsamkeit seiner Zeit. Für diesen jungen Menschen, der die Weisheit wie einen Schatz höher schätzte als alle sichtbaren Güter, leuchteten am Horizont bald die Lichter von Tunis auf und er machte sich auf den Weg. Äußerlich war es eine gewöhnliche Studienreise. Innerlich jedoch war es der Beginn einer großen Hidschra, eines Auswanderns der Seele aus der Enge des Gewohnten hin zu ihrer eigenen Wirklichkeit.
Als er Tunis erreichte, fand er dort nicht nur Lehrkreise und Bücher vor, sondern vor allem jene Lehrer, die Allah für ihn ausgewählt hatte. Diese Begegnungen markierten Wendepunkte auf seinem Weg. Unter seinen Lehrern finden wir etwa den großen Sufi und Gelehrten Abu Muhammad Abd al-Aziz ibn Abi Bakr al-Mahdawi (gest. 1224), den berühmten andalusisch-tunesischen Gottesfreund Abu Said Abu Yahya Zakariyya ibn Muhammad al-Badschi al-Andalusi, bekannt als Sidi Abu Said (gest. 1231), sowie den Gelehrten und Sufi Abu Abdallah Muhammad ibn Harazim al-Fasi, genannt ibn Harzihim (gest. 1236).
Sie alle öffneten dem jungen Abu l-Hasan nicht nur Türen zu den äußeren, offenbarten Wissenschaften (ulum az-zahir), sondern auch zu den inneren Herzenswissenschaften (ulum al-qalb). Unter ihrer Anleitung wuchs er nicht nur an Wissen, sondern auch an Reife und Innerlichkeit.
Durch seinen Lehrer Abu Abdallah Muhammad ibn Harazim wurde er in diesen Weg des Sufitums eingeführt. Dieser wiederum gehörte zur geistigen Linie des großen andalusisch-maghrebinischen Meisters Abu Madyan Schuayb ibn al-Husain al-Ansari al-Andalusi (gest. 1197). Auf diese Weise lernte Abu l-Hasan nicht nur aus Büchern, sondern atmete auch den warmen Atem einer lebendigen, gelebten Sufitum. Doch das Feuer der Suche in ihm gab sich mit der Rolle eines gewöhnlichen Schülers nicht zufrieden. Er suchte mehr. Er suchte den Qutb seiner Zeit, den geistigen Pol, den Mittelpunkt der Heiligen, jenen einen, durch den nach der Vorstellung der Sufis das Licht Gottes besonders stark in eine Epoche einströmt. Er suchte nicht nur einen Lehrer, sondern denjenigen, der zugleich seinem eigenen Leben und dem inneren Gesicht seiner Zeitrichtung geben würde.
Im Sufitum bezeichnet der Begriff Qutb einen Gottesfreund, der in Gottes verborgener Ordnung eine herausgehobene Stellung hat. Er ist der geistige Mittelpunkt seiner Zeit, eine Achse, um die sich die unsichtbaren Vorgänge in den Herzen und im Schicksal der Gemeinschaft drehen. Viele Menschen leben, ohne diese Idee je gehört zu haben. Andere kennen das Wort, verbringen aber ihr ganzes Leben, ohne zu wissen, wo und in wem sich dieser Rang in ihrer Epoche verwirklicht.
Abu l-Hasan dagegen war von einem Durst erfüllt, der ihn nicht ruhen ließ, bis er diesen Qutb gefunden hätte, selbst wenn er dafür weite Wege zurücklegen musste. Im Jahr 1221 brach er zu einer Reise auf, die von außen betrachtet von Marokko nach Tunis, von dort nach Ägypten und schließlich in den Irak führte, innerlich aber eine Wanderung von Zustand zu Zustand darstellte. Jede Stadt schenkte ihm ein anderes Klima: In Marokko begegnete er dem Geist der Entsagung, in Tunis der Verbindung von Wissen und Innerlichkeit, in Ägypten dem langen Atem einer alten Zivilisation, in Bagdad der Gegenwart unzähliger Gottesfreunde.
Als er Bagdad erreichte, traf er dort einen der großen Rifai-Meister seiner Zeit: den Gottesfreund Abu l-Fath Uthman ibn Dschami al-Wasiti ar-Rifai (gest. um 1234), einen herausragenden Schüler des bekannten Heiligen Ahmad ibn Ali ibn Yahya ar-Rifai (gest. 1182). Über Abu l-Fath al-Wasiti sagte Abu l-Hasan später: „Als ich in den Irak kam, begegnete ich Schaich Abu l-Fath al-Wasiti. Im ganzen Irak habe ich niemanden gesehen, der ihm glich.“
Das zeigt, wie tief seine Hochachtung für diesen Mann ging. Und doch: Die innere Waage, die Allah den aufrichtigen Suchern ins Herz legt, ließ ihn spüren, dass er hier noch nicht am Ziel war. In Irak sah er viele gottesfürchtige, lichtvolle Menschen. Ihre Gesichter strahlten, ihre Zustände beeindruckten ihn. Aber tief in ihm blieb eine Stimme, die sagte: „Das ist noch nicht der, den du suchst.“ In dieser Phase wandte sich ein anderer Gottesfreund an ihn und sprach einen Satz, der wie ein Richtungswechsel auf seinem Weg wirkte: „Du suchst den Qutb im Irak, doch der Qutb ist in deinem eigenen Land. Kehre zurück, dort wirst du ihn finden.“
Diese Worte trafen sein Herz in zweifacher Weise: wie ein schmerzender Einstich und zugleich wie eine frohe Botschaft. Schmerz, weil er den Irak verlassen sollte. Freude, weil die Hoffnung wuchs, den Gesuchten in der eigenen Heimat zu finden. Mit einem Gemisch aus Wehmut und leiser Zuversicht brach er auf. Es war, als würde jede Verzögerung ihn vom rechten Zeitpunkt der bevorstehenden Begegnung entfernen, weshalb seine Schritte sich unwillkürlich beschleunigten.
Zurück in Gamara betrachtete er die Welt mit anderen Augen. Jedes Gesicht wurde für ihn zu einer Frage: „Bist du es?“ Jeder Hinweis, jedes Gerücht hörte er aufmerksam an. Berichte über einen Mann, der auf einem Berg in einer Höhle in Zurückgezogenheit lebte, verdichteten sich zu einem Bild, das mit den inneren Zeichen in ihm zusammenpasste. So führte ihn sein Weg auf den Berg al-Alam, zu dem Mann, der als Abd as-Salam ibn Maschisch al-Alami (gest. 1228) bekannt ist.
Am Fuß des Berges, an einer Quelle, wusch er nicht nur seinen Körper, sondern legte innerlich alles ab, was er an Wissen, Leistungen und religiöser Praxis zu besitzen meinte. Er wollte dem Meister als armer, bedürftiger Dienstbote Gottes gegenübertreten, nicht als Gelehrter oder Asket mit einem „Konto“ an Verdiensten. Denn vor einem echten geistigen Anführer, einem Murschid, erscheint, wer wirklich sucht, nicht mit einer Liste von Qualifikationen, sondern mit leerer Schale.
Während er in dieser inneren Haltung den Berg hinaufstieg, sah er plötzlich, wie der gesuchte Meister ihm entgegenkam. Er trug einen geflickten Umhang und eine einfache Kopfbedeckung aus Palmblättern. Er blieb vor ihm stehen und sagte: „Willkommen, Ali ibn Abdallah ibn Abd al-Dschabbar!“
Dann zählte er seinen Stammbaum weiter bis zum Gesandten Gottes (Friede sei mit ihm) auf. Und er fügte hinzu: „O Ali, du bist zu uns gekommen, nachdem du dich von deinem Wissen und deinen Werken entkleidet hast. Im Gegenzug wirst du durch uns Reichtum in dieser und in der nächsten Welt erlangen.“
Diese Worte wirkten in seinem Inneren wie ein Erdbeben. Hier stand ein Mann, der ihn nie zuvor gesehen hatte und doch seinen vollen Namen und seine Ahnenreihe kannte. Ein Mann, der bereits wusste, was er innerlich getan hatte, bevor er überhaupt vor ihm stand. Das war keine gewöhnliche Begegnung, sondern der Beginn eines neuen Kapitels in seinem von Allah geführten Lebenslauf.
Er blieb Tage und Nächte bei Abd as-Salam ibn Maschisch al-Alami. In jener Höhle, die nach außen dunkel und abgeschieden wirkte, erlebte Abu l-Hasan innerlich den Aufgang einer neuen Sonne. Unter der Erziehung seines Meisters öffneten sich ihm Fenster in unsichtbare Welten, sein Herz gewann eine neue Klarheit, und sein inneres Sehen (basira) wurde geschärft.
Klassische Quellen beschreiben Ibn Maschisch als Qutb und Ghawth seiner Zeit, als einen gewaltigen Berg im Meer des Lichts. Seine Stellung in der unsichtbaren Ordnung gilt als so hoch, dass man ihn mit einem Gipfel vergleicht, der den Himmel berührt. Sein Weg sei eine Medizin für die Herzen, seine Person ein Segen für das Land, seine Lehre tief verwurzelt in Koran und Sunna. Er habe in Zuhd (Askese), der inneren Entsagung, und in Gottesehrfurcht die höchsten Stufen erreicht.
Zu den wichtigsten Schätzen, die Abu l-Hasan von ihm empfing, gehörte eine bestimmte Art, die göttlichen Namen zu betrachten. Er berichtet: „Mein Meister gab mir Ratschläge, die alles umfassten: Er lehrte mich, Alalh inmitten aller Dinge, mit allen Dingen, über allen Dingen, ohne alle Dinge zu sehen. Vor den Namen Allahs al-Awwal (der Erste), al-Ahir (der Letzte), az-Zahir (der Offenkundige) und al-Batin (der Verborgenste) löste sich alles andere auf und wurde zu Nichts. Solange Er ist, ist in Wirklichkeit nichts neben Ihm.“
Diese Schulung machte aus ihm nicht nur einen Schüler, sondern legte in ihm die Grundlagen für das, was er später selbst sein sollte. Ein Murschid, ein Anführer für andere und für viele seiner Zeitgenossen der Qutb ihrer Epoche. Auf Anweisung seines Meisters reiste Abu l-Hasan in die Region Ifriqiya, nach Schadhila, und zog sich dort in eine Höhle am Berg Zagwan zurück. Dieser Rückzug war keine Flucht aus der Welt, sondern eine Distanzierung vom eigenen Ego, das sich an die Welt klammert.
In dieser Höhle verbrachte er Nächte voller Gebet, Gottesgedenken (dhikr) und Betrachtung (tafakkur). Tränen flossen in seinen Niederwerfungen, wenn das Herz mit Liebe zu Allah erfüllt war. Stunden vergingen, in denen er die Enge der Höhle nicht mehr als Einschränkung, sondern als schützenden Mantel der Intimität mit Allah empfand. So wurde die Höhle zu einer Schule des Herzens, in der seine Seele klarer und sein Inneres leichter wurde. Als die Zeit des Rückzugs erfüllt war, führte ihn die göttliche Fügung wieder in die Städte zurück, in die Mitte der Menschen. Er kam nach Tunis und zog dort schnell die Blicke auf sich: durch sein Wissen, seinen inneren Zustand und seine klare Ausrichtung.
Der Gründer des Hafsidenreiches, Abu Zakariya Yahya ibn Abd al-Wahid al-Hafsi (gest. 1249), schenkte ihm Wertschätzung. Das Volk suchte seine Zusammenkünfte auf. Die Gelehrten diskutierten mit ihm. Äußerlich schien alles ideal: Ansehen, Nutzen, Annahme. Doch wo Licht ist, regt sich oft auch Schatten. In diesem Fall trat der oberste Qadi (Richter) von Tunis, Ahmad ibn al-Barra at-Tudschibi (gest. 1395), auf den Plan, der Abu l-Hasan mit Misstrauen und Neid betrachtete. Neid ist eines der gefährlichsten Gifte des Herzens. Er verdirbt das eigene Innere, bevor er dem anderen wirklich schadet.
Die Feindseligkeit des Qadi zwang Abu l-Hasan schließlich, Tunis zu verlassen. Von außen sah es wie eine Niederlage aus, wie eine Art Vertreibung. In der inneren Logik seines Weges jedoch war es nur die nächste Etappe, die Allah ihm zugedacht hatte.
In dieser Phase unternahm er Haddsch, die Pilgerfahrt nach Mekka. Nach seiner Rückkehr kam er noch einmal nach Tunis. Im Jahr 1243 begegnete er dort einer Person, die für das spätere Schicksal des Schadhili-Weges entscheidend werden sollte: dem großen Gottesfreund Abu l-Abbas Ahmad ibn Umar al-Mursi (gest. 1287). Diese Begegnung war mehr als die Aufnahme eines weiteren Schülers. Abu l-Abbas al-Mursi sollte zum wichtigsten Erben seines Weges werden, zum treuen Träger seiner Lehre. In ihm fand Abu l-Hasan denjenigen, der die Schadhiliyya in den kommenden Generationen tragen und verbreiten würde.
Ein Jahr später, 1244, verließ Abu l-Hasan Tunis endgültig und ließ sich in Ägypten nieder. Vor allem in Alexandria und Kairo fand er einen fruchtbaren Boden für seine Tätigkeit. Seine Kreise waren belebt, seine Worte trafen die Herzen, und seine Gegenwart wurde sowohl vom Volk als auch von den Gelehrten hoch geschätzt.
Zu den Gelehrten, die in seinen Versammlungen saßen oder ihn zumindest respektierten, gehörten der berühmte Schafiiten-Gelehrte Izz ad-Din Abd as-Salam as-Sulami (gest. 1262), der wegen seiner Stellung „Sultan der Gelehrten“ genannt wurde, der Qadi Badr ad-Din Muhammad ibn Ibrahim Ibn Dschama (gest. 1333), der große Hadith-Experte Taqi ad-Din Uthman ibn as-Salah asch-Schahrazuri (gest. 1245), sowie der Grammatik- und Usul-Gelehrte Dschamal ad-Din Uthman ibn Umar ibn Abi Bakr Ibn al-Hagib (gest. 1249).
Schon in jungen Jahren hatte Abu l-Hasan den Koran vollständig auswendig gelernt. In Hadith (Überlieferung), Fiqh (Rechtswissenschaft) und anderen islamischen Disziplinen erreichte er eine intellektuelle Tiefe, die es ihm ermöglichte, mit anderen Gelehrten in den Dialog zu treten und sie nicht selten zu überzeugen. In Werken wie al-Wasaʾil wa-l-Ghayat (Die Mittel und die Ziele) wird er als jemand beschrieben, der über umfassende und tiefgründige Kenntnisse verfügte.
Besondere Bedeutung hatten für ihn einige Bücher, die sich nicht nur mit dem äußeren, sondern vor allem mit dem inneren Weg befassten. Dazu gehörte das Werk Hatm al-Awliya (Das Siegel der Gottesfreunde) des frühen Sufis Abu Abdallah Muhammad ibn Ali al-Hakim at-Tirmidhi (gest. um 932), in dem es um das Wesen der Heiligkeit walaya (Freundschaft zu Gott) und die Abstufung der Gottesfreunde awliya (Gottesfreunde) geht. Abu l-Hasan las dieses Buch nicht nur, er erklärte es in seinen Kreisen. Abu l-Abbas al-Mursi soll, selbst wenn er auf Reisen war, alles darangesetzt haben, diese Lektionen nicht zu verpassen.
Ein weiteres wichtiges Buch für ihn war al-Mawaqif wa-l-Mukhatabt (Die Standpunkte und die Ansprachen) des sufischen Autors Muhammad ibn Abd al-Gabbar an-Niffari (gest. um 965). Dieses Werk schildert äußerst hohe, schwer zu beschreibende innere Zustände. Abu l-Hasan erläuterte seinen fähigeren Schülern die dunklen Stellen und öffnete ihnen so Türen zu Erfahrungen, die sonst nur wenigen zugänglich sind.
Von zentraler Bedeutung waren für ihn auch die beiden Klassiker des inneren Weges: Ihyaʾ ʿulum ad-din (Die Belebung der Wissenschaften der Religion) des großen Theologen und Sufis Abu Hamid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazali (gest. 1111) sowie Qut al-qulub (Die Nahrung der Herzen) von Abu Talib Muhammad ibn ʿAli al-Makki (gest. 996). Über diese beiden Werke sagte Abu l-Hasan: „Aus dem Ihyaʾ ʿulum ad-din gewinnt ihr Wissen, aus Qut al-qulub gewinnt ihr Licht.“ Damit brachte er prägnant zum Ausdruck, dass es im inneren Weg nicht nur um das Erfassen, sondern um das Durchdrungenwerden geht.
Er las und erläuterte außerdem die berühmte ar-Risala (der Traktat) des Asketen und Sufis Abu l-Qasim ʿAbd al-Karim ibn Hawazin al-Quschayri (gest. 1072), das Prophetenlob- und Rechtsbuch asch-Schifaʾ (die Heilung) des andalusisch-marokkanischen Richters Qadi ʿIyad ibn Musa al-Yahsubi (gest. 1149) sowie im Bereich der Koranexegese das knappe, aber gehaltvolle Werk al-Muharrar al-wagiz (die knappe, präzise Darstellung) des andalusischen Gelehrten Abu Muhammad ʿAbd al-Haqq ibn Galib Ibn ʿAtiyya al-Andalusi (gest. 1147).
Wenn man ihn fragte, warum er selbst, trotz seines Wissens und seiner Tiefenschärfe, keine eigenen Bücher geschrieben habe, antwortete er mit einem Satz, der berühmt geworden ist: „Mein Buch sind meine Gefährten.“ Damit meinte er: Er schrieb nicht mit Tinte auf Papier, sondern mit seiner Gegenwart in die Herzen der Menschen. Seine Schüler waren für ihn lebendige Bücher: Seiten, die atmen, Zeilen, die gehen, Kapitel, die sprechen.
Er war kein Gelehrter, der Wissen wie Schmuck trug, sondern einer, der es mit Anbetung (ibada), innerer Entsagung und edlem Charakter verband. Sein Zuhd (Askese) bestand nicht darin, alles Äußere zu meiden, sondern darin, die Bindung des Herzens an die Welt zu lösen. Er lehrte nicht, die Welt an sich zu verachten, sondern die Versklavung an sie.
Ein anschauliches Beispiel dafür ist eine Episode, die in den Quellen überliefert ist: Eines Tages sprach er in einem Kreis über Zuhd (Askese) und die Abwendung vom Übermaß der Welt, während er selbst ein neues, sauberes Gewand trug. Ein armer Mann, der mit abgetragener Kleidung in seinem Kreis saß, dachte bei sich: „Er spricht von Verzicht, und doch trägt er neue Kleider. Eigentlich bin doch ich der wahre Asket.“ Abu l-Hasan spürte, mit der ihm von Gott gegebenen Feinfühligkeit, diesen inneren Gedanken und rief den Mann zu sich. Dann sagte er sinngemäß: „Wenn die Menschen deine Kleidung sehen, halten sie dich für einen Asketen und begegnen dir mit Respekt. Das kann in dir Stolz und Überheblichkeit nähren. Wenn sie hingegen meine Kleidung sehen, hält mich niemand für einen Asketen, und ich bin vor dieser Art von Hochmut geschützt.“ Der Mann erkannte seinen Irrtum, bat öffentlich um Vergebung, und Abu l-Hasan ließ ihm ein neues Gewand anziehen, verbunden mit der Bitte: „Möge Allah dir die Liebe zu Seinen auserwählten Dienern schenken.“ So machte er deutlich: Wahre Weltenthaltung spielt sich im Herzen ab, nicht im Stoff der Kleidung.
Auch seine Sensibilität für die rechte Haltung in der Anbetung ist bemerkenswert. In seiner Jugend zog er sich einmal mit einem Gefährten in eine Höhle zurück, um sich in Gebet und Gottesgedenken zu vertiefen. Sie hatten die Hoffnung, dass sich ihnen die Tore der Heiligkeit öffnen würden, dass ihr Herz „morgen“ aufbrechen und in neue Zustände eintreten würde.
Doch aus dem „morgen“ wurde „übermorgen“, aus „bald“ wurde „später“. Eines Tages trat ein ehrfurchtgebietender Mann in die Höhle. Auf ihre Frage „Wer bist du?“ antwortete er: „Ich bin Abd al-Malik, der Diener des Königs“ und ließ erkennen, dass er selbst ein Gottesfreund war. Er fragte sie: „Was ist mit dem, der sagt: Morgen wird sich mein Herz öffnen, und wenn nicht morgen, dann übermorgen?“ Und er machte ihnen klar: „Solange ihr Gott nicht um Gottes willen dient, ohne Berechnung, ohne Erwartung von Zuständen, solange gibt es keine wahre Heiligkeit und keine Rettung.“ Diese Worte rüttelten sie auf. Sie erneuerten ihre Reue, richteten ihre Absicht neu aus und erst dann, so berichten sie, füllte sich ihr Herz mit der Liebe Gottes.
Zu den wichtigsten Vermächtnissen seines Meisters Abd as-Salam ibn Maschisch gehörten auch konkrete, klare Mahnungen, die den Kern des Schadhili-Weges ausmachen. Er riet ihm, Allah keinen Augenblick zu vergessen, die Zunge nicht dem leeren Reden der Masse anzupassen, das Herz nicht nach den Vorlieben der Leute auszurichten, mit allen Gliedern der Normen zu folgen, die Pflichten konsequent zu erfüllen und von allem zu lassen, was nicht mit Allahs Wohlgefallen vereinbar ist. Wer so lebt, sagte er, verwirklicht echte Gottesehrfurcht und Innere Wachsamkeit.
Wie einige andere große Gottesfreunde berichtet auch Abu l-Hasan von einer Begegnung mit Hidr (möge Allah mit ihm zufrieden sein), jenem geheimnisvollen Diener Gottes, der in der islamischen Tradition als lebendiger, zeitübergreifender Lehrer gesehen wird. Eines Tages, so heißt es, sagte Hidr zu ihm: „O Abu l-Hasan, Gott hat dich sich selbst zum Freund genommen. Ob du bleibst oder gehst, Er ist mit dir.“ Das ist nichts anderes als die Verwirklichung des Zustands, den man im Sufitum mit dem „Mit-Sein Gottes“, bezeichnet, die gelebte Wirklichkeit des Koran-Wortes: „Und Er ist mit euch, wo immer ihr seid.“
In seinen Träumen sah Abu l-Hasan mehrfach den Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm). In einem dieser Träume erhielt er eine besonders tiefe Lehre. Der Prophet (Friede sei mit ihm) sagte zu ihm: „O Ali, reinige deine Kleider von Schmutz, damit du in jedem Atemzug der Hilfe Gottes teilhaftig wirst.“ Auf seine Frage: „O Gesandter Gottes, was sind meine Kleider?“ erklärte der Prophet (Friede sei mit ihm), Allah habe ihm fünf geistige Gewänder angelegt: die Liebe (mahabba), den reinen Monotheismus (tawhid), die Erkenntnis Gottes (marifa), den Glauben (iman) und den Islam. Wer Allah liebt, dem wird alles leicht. Wer Allah wirklich erkennt, verliert das Interesse an der Welt. Wer Allah im echten Tawhid erkennt, gesellt Ihm nichts bei. Wer wahren Glauben hat, findet innere Sicherheit. Wer sich vom Islam prägen lässt, widersetzt sich Gott nicht und wenn er doch einmal fehlt, bittet er um Vergebung, und Allah vergibt ihm.
Abu l-Hasan sagt, dass er durch diese Erklärung den tieferen Sinn des Koran-Verses „Und reinige deine Kleidung“ verstanden habe: Es geht um die Reinigung der inneren Gewänder, nicht nur um das Waschen von Stoff. Wenn er seinen Schülern die Grundlagen des Weges zusammenfasste, nannte er fünf Kernprinzipien, die den Schadhili-Weg tragen: In jeder Lage, offen und verborgen, Gottesehrfurcht zu leben.
In allen Handlungen und Formen der Anbetung der Sunna des Propheten (Friede sei mit ihm) und seiner Gefährten zu folgen und sich fernzuhalten von Neuerungen in der Religion, den sogenannten Bidʿa, und von Irrwegen. In Zeiten der Fülle wie des Mangels nichts von den Menschen zu erwarten, sondern alles von Gott. Mit wenig ebenso zufrieden zu sein wie mit viel, also echte Zufriedenheit zu entwickeln. In Freude und Kummer, in Leichtigkeit und Schwere den Rückhalt ausschließlich bei Gott zu suchen. Diese fünf Punkte sind keine abstrakten Parolen, sondern Haltungen, die Tag für Tag geübt werden wollen.
Seine Unterweisungen waren oft einfache Sätze mit großer Tiefe. So sagte er etwa: „Wer in seinem Wort wahrhaftig und in seinem Tun aufrichtig ist, den überschüttet Gott in dieser Welt mit Versorgung wie Regen, Er bewahrt ihn vor Übel und vergibt ihm im Jenseits seine Sünden, kommt ihm nahe und führt ihn in den Garten mit hohen Rängen.“ Ein anderer Rat lautete: „Wenn du deine eigenen Fehler bessern willst, beschäftige dich nicht mit den Fehlern der anderen. Denn wohlwollende Deutung ist ein Zweig des Glaubens, während das Aufspüren von Fehlern der Menschen ein Zeichen von Heuchelei ist.“ Und er warnte: „Wenn du am Tag der Auferstehung im Licht gehen und vor Dunkelheit bewahrt sein möchtest, dann übe niemals Unrecht gegen irgendein Geschöpf Gottes aus.“ So machte er klar: Gerechtigkeit ist nicht nur ein soziales Ideal, sondern eine Quelle von Licht im Jenseits.
Zu den besonders berühmten Hinterlassenschaften Abu l-Hasans gehören seine großen Bittgebete Hizb al-Kabir (das große Schutzgebet) und Hizb al-Bahr (das Gebet des Meeres). In ihnen wird der innere Geschmack seines Weges sichtbar. In einem dieser Gebete fleht er: „Mein Gott, schenke mir eine Nähe zu Dir, bei der ich nichts mehr sehe von dem, was sich mir nähern oder sich von mir entfernen könnte.“ Sein Wunsch ist also eine solche Intensität der Gottesnähe, dass alles andere, Nähe und Ferne der Geschöpfe, Lob und Tadel, Gewinn und Verlust, im Vergleich dazu bedeutungslos wird.
Er bittet auch: „Alles Ansehen, das nicht von Dir ist, tausche für mich gegen eine Erniedrigung aus, in der Deine Gnade und Dein Erbarmen liegen. Und jede Existenz, die mir ein Schleier zu Dir ist, tausche aus gegen ein Nichtsein, in dem Deine Liebe und Deine Freundschaft wohnen.“ In diesen Worten spiegelt sich einer der tiefsten Gedanken des Sufitums: wahre Ehre liegt darin, vor Gott ein Diener zu sein, und wahre Existenz darin, in Seiner Liebe zu verschwinden.
Die Jahre in Ägypten waren für Abu l-Hasan die fruchtbarste Zeit seines Wirkens. In Alexandria und Kairo fanden sich um ihn sowohl einfache Menschen als auch hochgelehrte Männer ein. Sein Schüler Tadsch ad-Din Abu l-Fadl Ahmad ibn Muhammad Ibn Ataillah al-Iskandari (gest. 1309) überliefert, dass die erleuchteten Gotteskenner seiner Zeit sich darin einig waren, ihn als den Qutb der Epoche zu betrachten. In einer Überlieferung heißt es, eine Stimme habe verkündet: „Es gibt auf Erden keinen Kreis, der schöner wäre als der Fiqh-Kreis von Izz ad-Din ibn Abd as-Salam, keinen Hadith-Kreis, der vollkommener wäre als der von Zaki ad-Din Abd al-Azim ibn Abd al-Qawi al-Mundhiri (gest. 1258), und keinen Kreis, der in den inneren Wirklichkeiten höher stünde als der von Abu l-Hasan asch-Schadhili.“
Seine Reisen dienten nie dem bloßen Vergnügen oder der Neugier. Er reiste nicht, um Landschaften zu genießen oder die Welt zu „sehen“, sondern um die Wirklichkeit zu suchen. Dafür bestieg er Berge, durchquerte Wüsten, zog sich in Höhlen zurück. Als er schließlich aus der Höhle am Berg Zagwan herabstieg und unter die Menschen trat, tat er es nicht mehr als bloßer Wandernde, sondern als einer, der gefunden hatte und nun anderen den Weg weisen sollte.
Seine tiefe Verehrung für al-Ghazali zeigt, wie sehr er die Einheit von Wissen und Innerlichkeit schätzte. Einmal sagte er: „Wenn ihr ein Anliegen bei Allah habt, dann tragt es vor, indem ihr Imam Abu Hamid al-Ghazali als Mittel nennt.“ Damit drückte er aus, dass die geistige Gegenwart dieses großen Gelehrten und Sufis durch dessen Werke und Wirkungen in der Gemeinschaft lebendig geblieben war.
Trotz aller Höhen, die er erreichte, blieb Abu l-Hasan in seinem eigenen Erleben ein Diener, der sich seiner Mängel bewusst war. Je mehr Allah ihm eröffnete, desto stärker wurde sein Bewusstsein für die Größe Gottes und die eigene Begrenztheit. Er suchte nach der Vollendung des Glaubens, ohne je zu meinen, sie schon erreicht zu haben.
Im Jahr 1258 schließlich brach er zu seiner letzten großen Reise auf: erneut zur Haddsch. Zusammen mit seinen Schülern verließ er Kairo. Auf dieser Reise trug er einem Schüler auf, einen Spaten, ein Gefäß mit Wasser und Kampfer mitzunehmen. Als dieser nach dem Grund fragte, antwortete Abu l-Hasan nur: „In Humaitara wirst du es verstehen.“ In der öden Gegend von Humaitara, in der Wüste von Ayzab, angekommen, nahm Abu l-Hasan ein rituelles Vollbad, betete zwei Gebetseinheiten und gab auf seiner Gebetsteppich seine Seele in Frieden an seinen Herrn zurück. So wurde selbst sein Sterben zu einem Akt der Anbetung: Reinheit, Gebet, Übergabe. Die mitgeführten Dinge erhielten nun ihren Sinn: Mit dem Spaten wurde sein Grab ausgehoben, mit dem Wasser sein Körper gewaschen, mit dem Kampfer wurde er eingesalbt und noch dort, an diesem abgelegenen Ort, bestattet.
Seine Schüler berichten, dass das Wasser an diesem Ort zuvor salzig und der Boden unfruchtbar gewesen sei. Nach seiner Bestattung aber sei die Quelle süß geworden und der Boden fruchtbar. Ob man dies als Wundertat eines Gottesfreundes, versteht oder als ein sprechendes Symbol: Die Botschaft ist dieselbe, das Leben eines echten Gottesfreundes bringt Segen, und dieser Segen endet nicht mit seinem Tod.
Nach seinem Hinscheiden breitete sich der Schadhili-Weg noch weiter aus. Abu l-ʿAbbas al-Mursi setzte sein Werk in Ägypten fort, und Ibn ʿAtaʾillah al-Iskandari legte als „Enkel“ seines Weges die Lehre schriftlich nieder, vor allem in Lataʾif al-minan (Feine Gnadenwirklichkeiten) und in seinen berühmten al-Hikam (Weisheitssprüche), die zu den zentralen Aussprüchen des Sufitums gehören. Von Nordafrika aus erreichte die Schadhiliyya weite Teile der islamischen Welt, und in der Neuzeit sogar Europa und Amerika.
Abu l-Hasan war selbst ein Gelehrter, und er ermutigte seine Schüler, ernsthaft zu lernen. Sein Satz „Mein Buch sind meine Gefährten“ fasst sein Lebensprogramm treffend zusammen. Er schrieb nicht für Bibliotheken, sondern für Menschen. Jede Schülerin und jeder Schüler, jede Generation von Schadhilis, ist ein lebendes Kapitel dieses Buches. Solange Menschen diesen Weg gehen, wird dieses Buch weitergeschrieben und gelesen werden.
Am Ende seines Lebensweges bleibt uns, ihn mit einem einfachen, aber umfassenden Gebet zu bedenken: Möge Allah, der Erhabene, Abu l-Hasan Ali ibn Abdallah asch-Schadhili barmherzig sein, seine Ränge erhöhen und sein Grab mit Licht erfüllen. Möge Er ihn im Paradies in die Nähe des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) stellen. Möge Er uns schwachen Dienern ermöglichen, von seinem Weg zu lernen: das Äußere und das Innere, diese Welt und das Jenseits nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu versöhnen. Möge Er unsere Herzen mit den fünf Gewändern schmücken, von denen der Prophet im Traum sprach. Möge Er diese Gewänder von aller Befleckung reinigen, uns vor Stolz, Neid, Hass und Gier bewahren und uns mit Sanftmut, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit erfüllen. Und so nehmen wir Zuflucht zu dem, der gesagt hat: „Mein Buch sind meine Gefährten“, und sprechen: „Unser Herr, gib uns Gutes in dieser Welt und Gutes im Jenseits.“ Und alles Lob gebührt Gott, dem Herrn der Welten.
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