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Einführung in das Werk Tabaqat

Im Namen Gottes. Ha-Mim. Du Herr, der das Samenkorn zur Sternenspur und die Sternenspur zur Sonne werden läßt. Richte unser Wort auf das Rechte und unsere Absicht auf den Anstand. Möge die Erlaubnis von Dir kommen und der Segen aus der geistigen Gegenwart der Großen. Wir sind nur Treuhänder. Diese Zeilen schreiben wir in der Zurückhaltung dessen, der weiß, daß man ohne die Erlaubnis der Vorangegangenen nicht einmal einen Buchstaben berührt. Die Wahrhaftigkeit kommt von Gott und die Lebendigkeit des Weges aus der himma (geistige Beistandskraft) der Großen.

Zuvor haben wir das überlieferte Leben unseres Scheichs Ahmad asch-Scharnubi zusammengetragen. Nun wenden wir uns dem Kern seiner Reise zu, dem Buch, das in den Versammlungen reifte und in der Hand des Schülers Schrift wurde. Es ist das Werk tabakat (d.h. Schichten, Generationen, Sammelbiographien). Man dürfte im modernen Ton sein magnum opus sagen. Doch das Eigentliche ist es. Dieses Buch ist weniger ein Denkschema als eine Schule des Zustands und der sittlichen Erziehung. Wir treten mit einem leisen Bittgebet erneut an seine Tür.

Was bedeutet tabaqat im Sufitum

Tabakat ist der Plural von tabaka. In der islamischen Gelehrsamkeit bezeichnet es Werke, die die Lebensläufe einer Fachgemeinschaft generationenweise verzeichnen. Im Bereich der Sufitum ist es nicht bloß eine Abfolge von Namen und Daten. Zwischen den Zeilen gehen manaqib (erzieherische Heiligenlegenden) und das Bewußtsein der silsila (spirituelle Übertragungskette) sowie das Klima der Versammlungen ein und aus. Daher bewahrt ein tabakat sowohl die stoffliche Spur, nach der der Historiker sucht, als auch die Richtung, nach der der Wandernde verlangt. Es ist weder bloßer Bericht noch bloßes Märchen. Es ist Spiegel und Gedächtnis zugleich.

Die Methode der Lektüre

Darum braucht die Lektüre vier Augen. Das eine soll die innere Absicht sehen und das andere die äußere Begründung. Wir werden das, was der Text sagt, nicht im Eifer des Beweises zerdrücken und die Suche nach Belegen nicht so betreiben, daß sie den Atem der Versammlung verschließt. Nun soll das Wort dem tabakat gehören. Folgen wir den warmen Spuren, die aus der Versammlung auf das Papier gegangen sind, so wie es sich gehört.

Überlieferung und Entstehung des Werkes

In diesem Rahmen ist tabakat asch-scharnubi die Verschriftung eines Gedächtnisses, das in den mündlichen Kreisen von Schihabaddin Abu l-Abbas Ahmad bin Uthman asch-Scharnubi lebendig war. Der Pulsschlag der Erzählung schlägt zwischen der Stimme des Scheichs, wie sie in den Versammlungen klang, und der ordnenden Stimme seines Schülers Muhammad Bulkuni. Bulkunis beharrliche Bitten bestimmen die Schwerpunkte. Es sind dies die vier herausragenden Personen und ihre karamat (Gnadengaben) und ihr adab (Anstand), ferner taqsim (geistige Aufteilung und Zuständigkeit) der Welt als Felder der spirituellen Aufsicht und schließlich die Bedeutungen der Farben auf dem Weg.

Ahmad asch-Scharnubi erklärt ausdrücklich, daß er einen beträchtlichen Teil dieser Stoffe aus der Linie Ibrahim ad-Disuqi (gest. 1296) empfangen habe. So entsteht eine Erzählebene, auf der sich die Stimme des Meisters und die des Redaktors überlagern, ohne einander zu übertönen. Diese Vielstimmigkeit erklärt, weshalb die Kataloge das Werk mitunter beiden Namen zuschreiben. Das Wort wurde zuerst in der Versammlung geboren und erhielt erst später im Heft des Schülers Gestalt.

Die vier Pole im Sufitum

Im Mittelpunkt der Überlieferungen steht die Vorstellung von al-aqtab al-arbaʿa (die vier Pole als zentrale Träger). Das heißt die Idee geistiger Zentren, die je nach Zeit und Raum Gestalt annehmen. Im Text werden sie auch as-sadat al-arbaʿa (Plural von sayyid, wörtlich „die vier Herren“, hier „die vier geistigen Autoritäten“) oder ar-rigal al-arbaʿa (Plural von ragul, wörtlich „die vier Männer“, im sufischen Sprachgebrauch „die vier Gottesfreunde“ als Träger von Befähigung und Dienst) genannt. In der ägyptischen Tradition werden die vier meist so geordnet. ʿAbd al-Qadir al-Dschilani (gest. 1166) und Ahmad ar-Rifaʿi (gest. 1182) und Ahmad al-Badawi (gest. 1276) und Ibrahim ad-Disuqi (gest. 1296). In manchen Überlieferungen tritt an die vierte Stelle Abu l-Hasan asch-Schadhili (gest. 1258).

Das Grab von Abd al-Qadir al-Dschilani (Anfang des 20. Jahrhunderts, Bagdad)

In Anatolien rücken hingegen andere Zentren in den Vordergrund. Dschalal ad-Din Rumi (gest. 1273), Hadschi Bayram Veli (gest. 1429 oder 1430), Hadschi Bektasch Veli (gest. 1271) und Scheich Schaʿban Veli (gest. 1569) werden als die vier Pole genannt. Die Liste mag wechseln und doch bleibt das Prinzip. Jede Region liest ihr geistiges Kartenbild um vier Mittelpunkte. Diese Mitte gründet in einem Begriffsfeld, das mit qutb (Pol als geistiger Achspunkt) und ghawth (Helfer und Zuflucht) und mit abdal (die Ausgetauschten als stete Diener) und autad (die Zeltpflöcke als tragende Stützen) und nugabaʾ (die Vornehmen und Auserlesenen) und nuqabaʾ (die Vorsteher und Aufsichtführenden) eine symbolische Ordnung bildet. Diese Namen sind keine Titel zur Schau. Sie sind Bezeichnungen für Dienst und Aufsicht. Es geht nicht darum eine Leiter in den Himmel zu stellen. Es geht darum die Richtung des Herzens zu berichtigen. Wenn Gott es fügt werden wir jeden dieser Begriffe an seinem Ort ausführlich betrachten.

Karamat und spirituelle Erkenntnis

Ahmad asch-Scharnubis Sprache stellt das Außergewöhnliche nicht aus. Sie läßt die innere Schulung wachsen. Wenn er von eigenen außergewöhnlichen Erfahrungen berichtet, entfaltet er eine Erkenntnislehre um kaschf (Enthüllung im Sinn des Aufgehens der Schleier im Herzen) und ilham (göttliche Eingebung als rechtgeleitete Einflüsterung). An einigen Stellen sagt er, die ihm mitgeteilten Einsichten seien aus dem al-lauh al-mahfuz (die wohlverwahrte Tafel als Sinnbild des ewigen Wissens bei Gott) übermittelt worden. Es will keinen juristischen Lehrsatz beweisen. Es will den Leser aus der Achtlosigkeit wecken und den Ernst des Dienens erkennen lassen und zum adab (Anstand) führen. Darum antworten die außergewöhnlichen Begebenheiten nicht zuerst auf die Frage wie es geschah. Sie antworten auf die Frage was sie uns sagen. Die karama (Gnadengabe) ist kein Spektakel. Sie ist ein Zeichen, das die Seele läutert.

Tradition und Vorbilder

Diese Tonart klingt schon in sehr frühen Texten der Sufi Tradition an. In der risala von ʿAbd al-Karim al-Quschairi (gest. 1074) als ethische Grundlegung und in den tabakat as-sufiyya von Abu ʿAbd ar-Rahman as-Sulami (gest. 1021) als Biographien der frühen Sufis und in der tadkirat al-awliyaʾ von Farid ad-Din ʿAttar (gest. 1221) als Gedenkbuch der Freunde Gottes. Ahmad asch-Scharnubis Versammlung ist wie der ägyptische Ton dieser Linie im sechzehnten Jahrhundert.

Spirituelle Ordnung und Weltverständnis

Die gedankliche Wirbelsäule des Buches wird durch die Bilder dessen sichtbar, was die Tradition als taqsim (Aufteilung und Zuständigkeitsteilung) der Erde beschreibt. Ja, der Bericht zeichnet die Welt als zwischen die vier Genannten aufgeteilt. Doch die Erde wird hier nicht wie ein Herrschaftsraum verteilt. Der Kern ist eine Landkarte der Verantwortung. Die Felder des tasarruf (Wirkbereich und Einflussnahme im Dienst), die den vier und den ihnen zugeordneten Personlichkeiten zugeschrieben werden, sprechen in der Sprache einer Weltordnung, die moralisch verstanden wird. Aufsicht ist nicht Herrschaft. Zuständigkeit ist kein Kraftbeweis, sondern eine aufgenommene Aufgabe. So weist die Aufteilung nicht auf irdische Grenzen, sondern auf die Grenzen des Herzens. Diese poetische Kurve ruft den Leser nicht zur Machtlust. Sie ruft ihn zum Pflichtbewußtsein. Sie lädt nicht zur Rangbehauptung ein. Sie lädt zur Mühsal des adab (Anstand) ein.

Farben und Zustände im Sufi-Weg

Dieselbe erzieherische Beweglichkeit zeigt die Sprache der Farben. Die Farben der tariqa in Mantel und Kopfbedeckung besitzen keinen einzigen überall gültigen Standard. Ihre Bedeutungen wechseln von Kreis zu Kreis und von Linie zu Linie. Dennoch lassen sich Achsen spüren. Weiß erinnert an Klarheit und Lauterkeit. Grün erinnert an Belebung und Hoffnung. Rot erinnert an Einsatz und Dienst. Schwarz erinnert an das Sich Stellen vor die Schatten der Seele und an tiefes Nachdenken. Die Farben trennen die Menschen nicht. Sie lehren, wie verschiedene Zustände in derselben Person in Einklang wohnen. Reifung geschieht nicht in einer Farbe. Sie schreitet in einem Geflecht von Farben fort, das sich der Zeit gemäß wandelt. Darum sind Ahmad asch-Scharnubis Farberzählungen nicht als Uniform Regelbuch zu lesen. Sie sind Landkarten der Zustände. Der Weg des Schülers ist ein Lernen des Zusammenklangs, in dem jede Etappe eine andere Farbe trägt und am Ende alle einander stützen.

Hinweise auf Zukunft und Überlieferung

Eine der auffälligsten Adern des Buches sind die Hinweise auf die Zukunft. Ahmad asch-Scharnubi berichtet von einer Begegnung mit ʿAbd al-Wahhab asch-Schaʿrani (gest. 1565) und sagt, er habe die Namen und Gnadengaben von einundneunzig künftigen Polen zwischen dem tausendsten und dem eintausendzweihundertachtzigsten Jahr der Hidschra genannt. Damit steht er nicht isoliert, sondern innerhalb einer weiten Überlieferung. In den tabakat al-kubra überliefert asch-Schaʿrani zum Beispiel Berichte über Muhyiddin Ibn ʿArabi, in denen sich Angaben zur Eroberung Konstantinopels als stimmig erwiesen. Ähnliche Zeichen finden sich in den futuhat al-makkiyya. In anatolischen Überlieferungen wird erzählt, Dschalal ad-Din Rumi habe Dede ʿUmar Ruschani und Ibrahim Gülscheni Jahre zuvor angekündigt.

Überlieferungsgeschichte des Textes

Die materielle Geschichte des Textes ist so lehrreich wie sein geistiger Gehalt. Als Sammler der Überlieferungen wird Muhammad Bulkuni genannt, weshalb das Werk teils Ahmad asch-Scharnubi, teils Bulkuni zugeschrieben wird. Es gibt Hinweise auf eine Autorenhandschrift in Ägypten. Handschriften finden sich in Bibliotheken der Türkei, Syriens, Ägyptens, Marokkos und Frankreichs. Das Werk wurde über vier Jahrhunderte vielfach abgeschrieben.

Abschluss und spirituelle Ausrichtung

Daß die Listen der vier Persönlichkeiten je nach Region wechseln, mag den Wunsch nach Einheitlichkeit reizen. Aber diese Beweglichkeit bedeutet keine Willkür der Hierarchie. Sie bedeutet Lebendigkeit der Repräsentation. Die Absicht ist dieselbe. Jede Umgebung möchte ihre Erfahrung an das zentrale Prinzip anschließen. Dieses Prinzip lehrt nicht die Absolutheit der Mitte. Es lehrt die Edelmütigkeit des Dienstes.

Zum Schluss genüge eine stille Bitte. Mögen diese Zeilen, deren Richtigkeit uns obliegt und deren Annahme bei Gott liegt, den Herzen gut tun. Möge die himma von Scheich Ahmad asch-Scharnubi und seine silsila den Gehenden auf dem Weg beistehen. Zu gegebener Zeit werden wir den Faden wieder aufnehmen. Was darüber hinausgeht ist Schweigen.


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Ahmad asch-Scharnubi – Tabaqat: Einführung und Bedeutung (Praefatio)